Fr., 25.05.12

Weihnachtsmärkte 07.12.2009 Berliner Ballermann

Weihnachtsmarkt Alexanderplatz (Foto)
Schießbuden, Autoscooter und laute Musik - Besinnlichkeit findet man auf dem Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz nicht. Bild: ddp

Von news.de-Redakteur Jens Kiffmeier, Berlin

Riesenrad, Schießbude und Glühweinstände bis zum Exzess – nicht alle Weihnachtsmärkte in Berlin sind ein Ort der Ruhe und Besinnung. Doch gegen die Ballermanisierung regt sich Widerstand.

Travestieshows, Techno-Märkte und Autoscooter-Gejohle: Die Berliner toben zum Jahresausklang durch ihre Stadt. Lifestyle, Gewusel und Hektik an jeder Straßenecke. Wer Ruhe in der Hauptstadt sucht, muss entweder weit rausfahren in die Außenbezirke - oder gleich zuhause bleiben. Besinnung in der Adventszeit? Fehlanzeige.

Die Stadt ist bunt geschmückt. Auf Berlins Prachtstraße Unter den Linden leuchtet der Weihnachtsschmuck ebenso grell aus den Bäumen am Straßenrand wie auf der Einkaufsmeile am Kurfürstendamm. Am Potsdamer Platz können Kinder kreischend von einer riesigen Rodelbahn rutschen, während Eltern im Eisstockschießen wetteifern oder sich in Aprés-Ski-Stimmung vor den Glühwein-Hütten rote Nasen holen. Derweil singen Nina Queer und Brigitte Skrothum in der Bar «Zum schmutzigen Hobby» aus ihrem aktuellen Adventsprogramm. Titel: «Versaute Weihnacht».

Berlin im Dezember – das hat jedes Jahr wieder so seinen eigenen Charme. Kleine, verträumte Weihnachtsmärkte zum Beispiel muss man lange suchen in der Millionenmetropole. «In der Tat ist Berlin sicherlich anders als viele andere Städte», sagt der Sprecher vom Bund Deutscher Schausteller, Norbert Faltin. Jedes Jahr nimmt er das Treiben unter die Lupe. Aus Erfahrung weiß er: «Romantische Märkte gibt es im Norden der Republik eher weniger. So etwas findet man verstärkt im Süden.» Für ihn gibt es aber kein besser oder schlechter, letztendlich sei es eine Mentalitätsfrage. «Es kommt halt darauf an, was man sucht.»

Glühwein und Gewalt

Berlin-Alexanderplatz. Hier gibt es einen von den zahlreichen, typischen Adventsmärkten, inklusive Jahrmarktstimmung und Reizüberflutung. Zwischen Riesenrad, Los- und Schießbude quetschen sich die Händler und Handwerksmeister mit ihren Hütten. Die Luft ist durchzogen von Bratwurst-, Pommesfett- und Glühweinduft. Vom Autosscooter wummern die Beats, aus einer anderen Ecke schallen Weihnachtslieder. Wenn das Wetter gut ist, «kommen die Leute», sagt Faltin. Egal ob zum Nürnberger Christkindlmarkt oder zur Berliner Adventskirmes.

Glühwein
Rot, heiß, lecker
Video: news.de

Wobei: Nicht jedem gefällt das bunte Treiben. Selbst aus den Reihen der Schausteller regt sich Kritik an der «Ballermanisierung», wie Faltin es nennt. Es gebe durchaus im Verband Bestrebungen, den deutschlandweiten Trend zur Verjahrmarktung ein wenig einzudämmen. Für die Einzelhändler mit ihrem Kunsthandwerk sei es durchaus erstrebenswert, dass zum Beispiel die «Glühweinstände nicht bis zum Exzess ausgebaut werden und der durchaus gewaltbereiten Stimmung weniger Vorschub geleistet wird», meint Faltin.

Ulrike Kabyl sucht derweil ihren eigenen Weg. Sie hat sich aus dem herkömmlichen Weihnachtstrubel verabschiedet – und vor sechs Jahren zusammen mit Bekannten ihren eigenen Weihnachtsmarkt gegründet. Aus einer «Schnapsidee» heraus entstand das Techno-Event «Holy-Shit-Shopping», das es mittlerweile in Berlin, Köln und Hamburg gibt. Die Idee: 150 Künstler und Designer bieten ihre Produkte feil. Allesamt handverlesen. Um sie herum wird eine stylische Party organisiert, bei der die DJs an den Plattentellern drehen.

«Zu den piefigen Veranstaltungen mit Stroh und Räucherkerzen geht doch keiner mehr hin», sagt die Veranstalterin. Man sei da viel zeitgemäßer und ziehe das ganze «irgendwie ironischer» auf. Wobei auch sie nicht verhehlen kann: Ganz aussteigen aus dem Weihnachtsgeschäft kann man nicht. «Natürlich steht man als Designer unter Zugzwang. Die Kaufkraft ist um diese Zeit einfach da.»

Shopping, Marketing und Randale: Kirchenvertreter finden das nur noch grausam. Es sei ja gar nichts dagegen einzuwenden, die Vorfreude auf das Fest zu steigern. Doch das dies mit Schießbuden und Geisterbahnen geschieht, «erschließt sich nicht», sagt die Sprecherin der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg, Heike Krohn. Es gebe genügend andere Möglichkeiten, mit denen man sich in der Adventszeit beschäftigen könnte. Doch es ist ein einsamer Ruf nach Ruhe und Besinnung. Er verhallt dieser Tage ungehört zwischen Musik und Geschrei.

mik/news.de
Leserkommentare (4) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Volker Heinecke
  • Kommentar 4
  • 31.10.2010 13:47
 

Es gibt sie doch, die kleinen, weniger kommerziellen Weihnachtsmärkte. Weit weniger bekannt als die großen trubeligen, öffnen mehr kleine Weihnachtsmärkte (meist nur an einem oder wenigen Tagen) ihre Pforten, als den meisten Berlinern bewußt ist. Allen Interessierten sei bei der Suche die Website: http://www.berliner-weihnachtsmaerkte.de zu empfehlen. Hier finden sich über 60 unterschiedliche Weihnachtsmärkte- und Basare in Berlin. Für jeden Geschmack sollte sich hier der passende Weihnachtsmarkt finden lassen.

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  • kato
  • Kommentar 3
  • 07.12.2009 19:33
 Antwort auf Kommentar 2

Fortsetzung ... Ich verstehe gar nicht, warum man diese Form hier so massiv angreift. Ich war mal jung und kann mich noch gut errinnern, wie toll eben Riesenschaukeln etc waren. Und die Trennung bringt meines Erachtens allen etwas. Man muss eben nur wissen, was man sucht und wohin man dann gehen muss. Das diese Möglichkeiten vielen gar nicht mehr zur Verfügung stehen, weil die Preise immer extremer werden ist ein viel traurigeres Kapitel. Aber dass das Märchen vom "Mädchen mit den Schwefelhölzern" immer weiter in reale Nähe rückt ist mittlerweile auch eine traurige Tatsache

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  • kato
  • Kommentar 2
  • 07.12.2009 19:24
 

Leider ist in Berlin ein großer Vergnügungspark an einen Investor verkauft worden, der diesen sehr schnell bankrott werden lies. Die Millionenstadt mit entsprechend vielen Besuchern hat hier nichts zu bieten. Also kein Wunder, wenn die entsprechende Kundenclientel alles nachholen will. Zumindest wurde im Berliner Zentrum versucht, die verscheiedenen Interessen zu entflechten. wenn ich als Teeni eben rsante Karussels haben will, gehe ich zum Alexa, wenn es ruhiger sein soll, dann eben zum Rathaus. Schoppen geht man am Alexanderplatz und auch für den gehobenen Anspruch findet man etwas am Opernhaus bzw Gendarmenmarkt.

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  • Matthias Engel
  • Kommentar 1
  • 07.12.2009 15:39
 

Ja das stimmt schon etwas traurig! Die Weihnachtszeit ist und soll besinnlich zugehen Ruhe liegen, doch als Armer Bürger wie ich einer bin kann sich solche Weihnachtszeiten, sich leider nicht leisten! Da ich Erwerbsminderungsrente von nur 296,09 € Grundsicherung mit Abzüge 296,58 € bekomme. Davon Miete und sonstiges Abgaben, was bleibt ein Blick im Himmel, ach es ist Weihnachten, hoffe der Monat geht bald um! Denn der Schmerz lindert nicht. Nicht nur mir geht es so es sind viele! Aber das Leute einen Ballermanisierung brauchen halte ich für übertrieben. Frohe Weihnachten..

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