Eine Kulturfigur in Strumpfhosen
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Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Artikel vom 16.12.2009
Ganz alltäglich ist der Beruf von Michael Boyer nicht. Er ist eine Touristenattraktion und ein Stück Geschichte. Denn der Amerikaner mit der Liebe zu Deutschland ist seit über 15 Jahren der Rattenfänger von Hameln.
Wenn Michael Boyer beruflich unterwegs ist und man ihn nach seinem Alter fragt, gibt es meist ungläubiges Staunen. Denn die Antwort lautet: «725 Jahre.» Und er flunkert dabei kein bisschen. Denn Michael Boyer ist beruflich eine historische Figur: der Rattenfänger von Hameln.
Seit über 15 Jahren spielt er für die Stadt Hameln eine Touristenattraktion. Sich dafür in Strumphosen zwängen und ein Federhütchen aufzusetzen, hat er nie bereut. Der Beruf ist zur Leidenschaft geworden und hat die ganze Familie angesteckt.
Und irgendwie war es ihm wohl vorherbestimmt: «Es gibt viele Leute, die behaupten, ich sei eigentlich schon immer der Rattenfänger gewesen.» Schon als Kind hat er Musik gemacht. Während alle anderen Trommel oder Trompete lernen wollte, war die Klarinette sein liebste Instrument. Doch der Musikunterricht war zu teuer. Stattdessen gab er in der Schule das Schulmaskottchen.
Jahrzehntelang sind Freiwillige in die Rolle des Rattenfängers geschlüpft. Bis sich die Stadt Hameln 1993 entschloss, einen Vollzeit-Rattenfänger einstellen zu wollen, der gewillt sein sollte, Büroarbeit zu machen und für alle möglichen Aktionen herzuhalten.
Mit Talentvielfalt gegen die Konkurrenz
Daraufhin hat sich der Amerikaner, der eigentlich Einzelhandelskaufmann ist und als Programmierer gearbeitet hat, beworben. Dass er den Job wirklich bekommen könnte, daran hat er nicht so recht geglaubt. Die Konkurrenz aus Schauspielern, Musiker und anderen Bewerbern war groß. Doch er hat sie alle ausgestochen. «Es war die Mischung, die mich wohl qualifiziert hat», sagt er. «Ich kann ein bisschen schauspielern, bin musikalisch und kann organisieren. Und ich lebe meinen Beruf.»
Obendrauf kam der Akzent, den sich der gebürtige Amerikaner bis heute bewahrt hat. «Das passt. Denn der überlieferte Rattenfänger war auch ein Fremder, der nach Hameln kam, um die Stadt von ihrer Plage zu befreien. Viel fremder als ein Amerikaner, das geht wohl kaum», sagt er und lacht.
Alle Hände voll hat er zu tun. Eine seiner präsentesten Aufgaben ist das Rattenfängerfreilichtspiel, das in Hameln seit über 50 Jahren gezeigt wird. An den Sonntagen im Sommer sind rund 80 Laiendarsteller dabei. Boyer steckt meist mittendrin, wenn er nicht gerade durch die Welt reist. England, Japan, Amerika - immer wieder repräsentiert der Rattenfänger in der Ferne seine Wahlheimat. Auch dann, wenn Landesvater Christian Wulff auf Reisen geht. Das bescherte Boyer im vergangenen Jahr einen Besuch in Beijing.
Nur Kinder und Ratten, die fängt er «eher selten», meint er lachend. Stattdessen zeigt er Touristen in voller Kostümierung sein Hameln. Dafür hat er extra einen Stadtführerkurs besucht. Nur wenn Promis in der Stadt sind, müssen sich die Besucher mit einem Stellvertreter zufrieden geben. Rund 600 Auftritte pro Jahr muss er absolvieren, sich auf Messen und Stadtfesten zeigen. Da braucht es bisweilen einfach einiger Doppelgänger, die er ausgebildet hat.
Die Herausforderung immer neuer Menschen
Und wenn all das gerade nicht ansteht, ist Michael Boyer in seinem Büro in der Touristinfo der Stadt anzutreffen. Denn hinter den Führungen und Veranstaltungen steckt eine Menge organisatorischer Aufwand. Mit der Verwaltungsarbeit und den vielen Buchungen hat er ein volles Arbeitspensum. Zudem muss er einmal im Jahr nett in die Fernsehkameras lächeln. «Der Rattenfänger hat sich so weit verbreitet, dass die Stadt einen langstehenden Vertrag mit einem Fernsehsender in Kantonchina hat, wo die Figur dann über die Mattscheibe flimmert - als Pausenzeichen», erzählt der 48-Jährige.
Eines steht für den Wahl-Hamelner wie in Stein gemeißelt: «Ich könnte den Job bis an mein Lebensende machen. Ich weiß nur nicht, wie lange ich in Strumphosen schön aussehe. Und wenn mich das Alter in den Rollstuhl schicken sollte, wär das für die Stadt wohl auch nicht schön. Der Rattenfänger muss dynamisch bleiben», zeigt sich Boyer realistisch.
Nachwuchsprobleme wird es allerdings kaum geben. Dafür ist zuhause gesorgt. Auch der Sohn schlüpft, wenn er nicht gerade studiert, in Vaters historische Treter. Angefangen hat er als Ratte bei den Freilichtspielen, und arbeitete sich schließlich über das lahme und Flöte spielende Kind bis zum Rattenfänger-Stellvertreter hoch. Dabei war es eigentlich Boyers Frau, die das Thema Rattenfänger zur Familiensache gemacht hat. «Sie hat mich praktisch zur Bewerbung geschickt und ist selbst Stadtführerin. Irgendwer muss mir ja die Groupies vom Hals halten», witzelt Michael Boyer.
Überhaupt ist der Spaß sein ständiger Begleiter - und zugleich Herausforderung. «Vieles an meinem Beruf mag Routine sein. Aber der Nervenkitzel, die Leute bei jedem Schauspiel abzuholen und in die Geschichte zu ziehen, ist immer da. Ganz einfach weil ich mich ständig auf andere Menschen einstellen muss», sagt er. Und wenn's mal regnet oder der Touristenbus einen Platten hat, «dann ist es meine Aufgabe, die Stimmung zu drehen - selbst wenn alle nörgeln.» Doch meistens, und das sei der größte Vorteil seines Berufs, seien die Leute gut drauf. Schließlich hätten sie Urlaub, wenn sie Hameln besuchen.
Michael Boyer lebt seit rund 20 Jahren in Hameln. Den Weg hierher fand er durch die US-Armee. Bis zum Ende seiner Dienstzeit war er auf dem Hameln nahe gelegenen Nato-Stützpunkt stationiert.
kat/news.de
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