Von news.de-Mitarbeiterin Anwen Roberts
Heute muss einfach alles verbessert, gepimpt und optimiert werden, auch das Leben selbst. In Japan pflegt man seit Jahren einen lebhaften Austausch seltsamer Geheimtipps. In Deutschland kommen die Urawaza genannten Tricks erst allmählich an.
Das bekannteste Urawaza, die japanische T-Shirt-Falttechnik, tauchte vor ein paar Jahren auf YouTube auf und hat heute längst Kultstatus – oder zumindest Millionen Klicks und fünf Sternchen. Der Clip zeigt eine japanische TV-Sendung, in der eine Frau mit einer einfachen Handbewegung in zwei Sekunden ein T-Shirt akkurat auf DinA4 faltet. Die Kommentatoren waren begeistert: «Ich ziehe sofort mein Hemd aus und probiers aus..»
Der Kniff ist so bestechend einfach und gerade deshalb magisch, dass er es auf diesem Umweg vom japanischen auch ins deutsche Fernsehen geschafft und seitdem wohl zahllosen Nichtjapanern viel beim Wäschefalten vergeudete Lebenszeit eingespart hat. Und das T-Shirt-Origami ist nur der populärste von Legionen ähnlicher Alltagshilfen, die in Japan seit Generationen im Umlauf sind. Die Urawaza genannten Tricks füllen heute unzählige Ratgeberbücher und haben sogar ihre eigene Wetten, dass-ähnliche Fernsehshow.
Die aus Tokio stammende US-Journalistin Lisa Katayama hat aus ihrem japanischen Schwarmwissen ein Buch gemacht, das eher den westlichen Alltagsnöten angepasst ist. Eine ganze Reihe Tipps sind unwahrscheinliche Hausmittelchen: Rückenschmerzen? Senf drauf. Nase dicht? Frühlingszwiebel rein, eine in jedes Nasenloch. Frostköttel? Tiefe Verbeugungen machen (ein wirklich uralter japanischer Trick).
Der Erfindergeist der Japaner
Viele sind aber auch ganz pragmatische Anleitungen, etwa wie man seinen Bettgenossen am Schnarchen hindert (Tennisball), schreiende Babys zum Schweigen bringt (Weinproben-Schmatzgeräusche) und einen Hundertmeterlauf gewinnt (Gummiband). Urawaza sind geteilte Geheimnisse, die Geld oder Zeit sparen oder einfach Freunden imponieren sollen, sie sind verblüffende, fuchsige Lösungen für Probleme des Alltags, die zugleich viel über Mentalität und Erfindungsgeist der Japaner aussagen.
«Auch heute leben japanische Familien oft in verhältnismäßig kleinen Unterkünften, dort ist wenig Raum für übermäßig viele Haushaltsgeräte oder Vorräte. Und anders als in der schnellen und günstigen Dienstleistungskultur der USA kosten Manikürestudios, chemische Reinigungen und Co in Japan richtig viel Geld», schreibt Katayama in der Einleitung zu ihrem interkulturellen Ratgeber. Diese Faktoren, verbunden mit einem gesellschaftlich tief verankerten Unternehmergeist, hätten in Japan eine wahre Schatzkiste nützlicher Tipps und Tricks hervorgebracht, die den Alltag dieses kleine Bisschen einfacher machen.
Dieser kulturbedingte Zwang zum Aus-Nöten-Tugenden-Machen ist zugleich der größte Unterschied zum westlichen Umgang mit solchen Alltagstricks. Zu Katayamas Blogpost über eine seltsame Naturrezeptur als Deodorant-Ersatz schreibt ein Kommentator: «Wozu? Ich kann mir doch auch einen Deo kaufen». Doch der Punkt an Urawaza ist ja gerade, dass sie den Kauf von Kosmetika, Gadgets, Luxusartikeln ersparen sollen.
Kaum verwunderlich daher, dass das amerikanische Pendant zu Urawaza Lifehacks sind – Abwandlungen, Abkürzungen und Anleitungen, die weniger aus einer Not als aus dem Überdruss an gleichförmigen Konsumgütern eine Tugend machen. Mit die ersten, die das Lifehack-Prinzip in Deutschland aufgriffen, waren die Autoren Holm Friebe und Thomas Ramge mit dem Buch und Blog Marke Eigenbau. Darin beschreiben sie den «Aufstand der Massen» gegen die unliebsame Massenware anhand zahlloser Beispiele wie dem Ikea-Hacker-Blog.
Wer war nicht schon angesichts der Tatsache genervt, dass sich die Wohnzimmer des gesamten Freundeskreises dank Billyregal-Einheitslook zum Verwechseln ähnlich sehen? Dieses Unbehagen nehmen sich die Ikea-Hacker zum Anlass, um auf ihrer Website «ihre Eigenbau-Anleitungen für zu Särgen zweckentfremdete Regale oder Deckenlautsprecher aus Plastik-Salatschüsseln» auszutauschen – zum selber machen.
Ein besseres Leben durch Tricks
Spätestens seit Marke Eigenbau finden Urawazas und Lifehacks auch in Deutschland langsam, aber sicher Verbreitung. So hat es sich die Neon seit einem Jahr zur Aufgabe gemacht, ihren Lesern ein «besseres Leben» zu bescheren, in Form von Tricks und Tipps für jede erdenkliche Lebenslage. Die beiden Magazintitel zum Thema waren so beliebt, dass die Neon-Redakteure nun ein ganzes Buch dazu zusammengestellt haben.
Einige der Tricks dümpeln als halbgeheimes Halbwissen schon lange im kollektiven Bewusstsein herum, doch im Neon-Ratgeber werden sie gebündelt, überhaupt erstmal in Schriftform gebracht und von Experten kommentiert. Rund die Hälfte der Lebenstipps sei aber überhaupt erst durch die Recherchen entstanden, sagt Marc Schürmann, Redakteur und Herausgeber von 200 Tricks für ein besseres Leben.
Die Autoren beantworten darin ein Sammelsurium verschiedenster Fragen und Sorgen – von trivial (Wie finde ich heraus, wie mein One-Night-Stand heißt? Wie unterdrücke ich einen Lachanfall? Wie vermeide ich lästige Telefonate?) bis existenziell (Wie überlebe ich einen Haiangriff? Wie öffne ich mit der Ecke dieses Buches eine Bierflasche?) ist alles dabei.
Auch einige japanische Urawaza dienten dabei als importierte Inspiration: «Im Heft 9/2008 wurde beschrieben, wie man mit Hilfe eines Bügeleisens den perfekten Schwung beim Bowling erreicht. Dieser Tipp stammt aus der japanischen Fernsehshow Ito-ke no shokutaku, und das steht auch dabei», sagt Schürmann über die Verbindung von Urawaza und Neon-Lebenshilfe. In Zeiten global gleichgeschalteter Freizeitkultur ist die Sorge, eine Lusche beim Bowling zu sein, wohl diejenige, die japanische Großfamilien, amerikanische Ikeahacker und deutschen Neon-Leser noch am ehesten miteinander teilen.
kat/news.de