Mo., 13.02.12

Gegen das Klischee Türkisch, männlich, alleinerziehend

Von Kemal Hür

Artikel vom 02.12.2009

Ein geschiedener Mann gilt in der türkischen Kultur als gescheitert. Doch in Berlin leben viele von ihnen - einige sogar als alleinerziehende Väter. Sie kontrastieren das Klischeebild vom Shisha rauchenden Macho in der Teestube.

Es ist Montag, kurz nach 18 Uhr. Im Büro des Psychologen Kazim Erdogan in Berlin-Neukölln sitzen 25 türkische Männer um einen runden Tisch. Vor jedem von ihnen steht ein Gläschen schwarzer Tee. Einer der Männer erzählt, dass seine Frau ihn verlassen und mit zwei Kindern zurückgelassen habe. Die anderen hören ihm zu, erzählen dann von eigenen Erfahrungen. Viele von ihnen sind alleinerziehend. Seit knapp zwei Jahren kommen sie einmal pro Woche zusammen und sprechen über ihre Probleme, diskutieren über Themen wie Politik, Gewalt, Erziehung, Sex und Liebe.

Erdogan betreut die türkischen Männer und Väter ehrenamtlich. Im Rahmen seiner Beratungstätigkeit habe er festgestellt, dass es zwar genug Angebote für Mädchen und Frauen gebe. «Aber die Männer sind auf sich allein gestellt und versuchen ihre Probleme in Moscheen oder Cafés allein zu lösen», sagt Erdogan. Das Bild des türkischen Mannes in der deutschen Gesellschaft sei geprägt durch Klischees wie Machotum und Zeitvertreib in Teestuben. Doch nicht selten haben auch diese Männer Ehe- oder Erziehungsprobleme.

Akif ist einer von ihnen. Er war einer der ersten Teilnehmer der Väterrunde. Der 39-Jährige ist seit drei Jahren geschieden. Er hat einen zehnjährigen Sohn, der bei ihm lebt. Die Scheidung habe er mittlerweile gut verkraftet, aber die erste Phase der Trennung sei ihm als türkischem Mann sehr schwer gefallen. «In der deutschen Gesellschaft ist es schon normal, wenn eine Ehe irgendwann nicht mehr funktioniert. In der türkischen Kultur gilt man als gescheitert, wenn man sich scheiden lässt», sagt Akif. Man sei dann schnell ein Außenseiter. Damit sei er allein nicht fertig geworden. Das Jugendamt habe ihn zu Kazim Erdogan zur Beratung geschickt. Und dort habe er mit großem Erstaunen festgestellt, dass er als allein erziehender Vater keineswegs eine Ausnahme sei.

Die Männer, die in Erdogans Dienstzimmer beisammen sitzen, sind zwischen 21 und 64 Jahren alt und erzählen unbefangen von persönlichen Problemen - wie Kerim, der seit seiner Trennung psychologisch betreut wird. Seine Frau verließ ihn vor drei Jahren, als er arbeitslos wurde. Er blieb mit zwei Kindern zurück, das jüngste war damals drei Monate alt. Eigentlich habe seine Frau kommen und die Kinder zu sich nehmen wollen. Eine Mitarbeiterin des Jugendamtes habe ihm aber geraten, sie nicht zu empfangen. Seit zwei Jahren habe er nichts mehr von seiner Frau gehört, erzählt Kerim mit nervös zittriger Stimme. Die Trennung falle ihm aber immer noch sehr schwer.

Bis zu 45 Männer und Väter nehmen an dem Gesprächskreis teil. Die Hälfte von ihnen ist alleinerziehend, andere haben Eheprobleme oder wollen einfach nur Erfahrungen austauschen. Viele werden vom Jugendamt geschickt, andere kommen aus Neugier mit jemandem mit und bleiben. Der älteste in der Runde, der 64-jährige Süleyman, verpasst keine Sitzung. Er habe hier viel über Erziehung gelernt und unternehme jetzt öfter mal etwas mit seinen Enkelkindern, sagt der grauhaarige Mann.

Mit so viel Offenheit habe er nicht gerechnet, als er die Gruppe im Februar 2007 ins Leben gerufen habe, erzählt Erdogan. Alles sei eine Frage des Vertrauens. «Man spricht über diese Männer immer nur als Problemfälle. Aber ihre Probleme will niemand sehen und hören», so Erdogan. Es sei jedoch wichtig, ihnen auch mal zuzuhören. Während die Männer reden, hält sich der Psychologe möglichst zurück. Er greift ein, wenn die Gruppe vom Thema abweicht, gibt dem Gespräch eine Richtung, er moderiert. Denn hier sollen die Männer miteinander ins Gespräch kommen. Einzelgespräche führt er ohnehin. Gegen 20 Uhr verlassen die Männer Erdogans Büro. Jetzt kann er endlich nach Hause fahren und ein bisschen Zeit mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern verbringen.

iwi/mac/news.de/dpa
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URL : http://www.news.de/gesellschaft/855034929/tuerkisch-maennlich-alleinerziehend/1/
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Leserkommentare (1)
  • Kommentar: 1
  • 02.12.2009 14:44
von
Wächterrat

Ein Argument mehr nicht einen einzigen Millimeter von europäischer Lebensart und Aufklärung abzuweichen. Viele Mitbürger aus islamischen Staaten geflüchtet schätzen besonders das hier völlig andere Regeln herrschen. Ex-Muslime zB sind herzlich willkommen hier denn diese verteidigen die Freiheit besonders engagiert. An der Stelle mal ein besonders DANKE dafür.

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