Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach
Ich habe nichts gegen das Teilen. Ich mache es sogar gern. Ich teile Kekse, Auto, Freunde und meistens mich selbst mit. Doch das ist zu wenig. Was wäre, wenn ich den ganzen Tag alles teilen müsste mit mindestens einem weiteren Menschen?
Der Wecker klingelt 7.50 Uhr. 7.55 Uhr stehe ich schon vor der Tür meines Nachbarn. Wir teilen uns den Wecker. Er muss kurz nach mir raus. Zum Dank und um des Teilens Willen nehme ich mir ein Brötchen aus seiner Küche mit. Zurück in der Wohnung, in der ich aufgewacht bin, fange ich das Duschwasser auf. Darin kann sich der Typ, mit dem ich die Wohnung teile, noch baden. Er ist auch der Zweitbesitzer der Zahnbürste. Das Wort «mein» existiert nicht mehr im Sprachschatz, den ich mit 100 Millionen anderen teile.
Vom Konzept des Eigentums bin ich schon lange abgerückt. Als ich aus dem Haus gehe, das frisch belegte Käsebrötchen in der Hand, lasse ich den Penner an der Ecke kurz abbeißen, dann die Kellnerin, die gerade das Café aufschließt. Am Ende bleibt vielleicht noch etwas für mich übrig. Hungrig komme ich auf der Arbeit an. Ich teile den Fahrstuhl mit allen, die zur gleichen Zeit kommen. Das Überlastsignal zwingt mich zum Aussteigen. Wer teilt, muss auch zurückstecken können. Ich laufe in den fünften Stock.
Im Büro ist dicke Luft. Auch den Ärger teile ich mit den Kollegen, die wollen als Gegenleistung, dass ich mich ihnen mit-teilen durfte, einen Kaffee. Die Tasse geht im Raum herum. Herpes teile ich auch. Beim Mittagessen versuche ich nicht zu vielen Menschen zu begegnen. Ich bin hungrig. Tipp: Etwas besonders Ekliges bestellen, zum Beispiel Schweinskopfsülze.
Ohne Mantel gehe ich nach Hause. Ich hatte vergessen, dass heute die Kollegin dran ist und ihn mitnehmen darf. Auch das Auto ist weg. Zurück zuhause liegt der Ehemann mit einer unbekannten Frau im Bett. Kleinlich darf man beim Teilen wirklich nicht sein, denke ich als der Wecker klingelt. Es ist 7.50 Uhr.
kas/news.de