Die größte gemeinsame Teilerin
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Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach
Artikel vom 30.11.2009
Freiwillig arm und trotzdem reich - an Glücksmomenten und Erkenntnissen. Ein Mann in England ist jetzt berühmt geworden, weil er ein Jahr lang ohne Geld gelebt hat. Heidemarie Schwermer schafft das bereits seit 13 Jahren.
In einem Wohnwagen in der Nähe von Bath in Südwestengland hat Mark Boyle sein Domizil. Der 30-Jährige pflanzt sein eigenes Gemüse an, sucht sich Kleidung im Abfall. Keinen einzigen Penny habe er in den vergangenen zwölf Monaten ausgegeben und sei jetzt ein glücklicherer Mensch, sagte der studierte Wirtschaftswissenschaftler und selbst ernannte «Freeconomist».
Was anfangs auch als einjähriges Experiment geplant war, entwickelte sich bei Heidemarie Schwermer zum Lebenskonzept - vor 13 Jahren. Damals begann alles mit einem Tauschring. Sie war die Gründerin dieser geldfreien Zone, in der unter anderem handwerkliche Fähigkeiten gegen materielle Güter getauscht werden konnten. Heute ist sie zum Teilen übergegangen. «Ein Tauschsystem haben wir ja schon. Wir tauschen Geld gegen Waren», sagt die 67-Jährige. Ihre Philosophie heißt Gib-und-Nimm, und Schwermer hofft damit auf einen Wertewandel. «Jeder gibt, was ihm Freude macht, und erhält, was er braucht», so ihre Devise.
Gerade überlegt sie, ob die Fenster in der Wohnung, aus der sie telefoniert, einer Reinigung bedürfen. Es ist nicht ihre eigene, denn Heidemarie Schwermer hat schon lange keinen festen Wohnsitz mehr. «Der Mensch, der hier wohnt, gibt soviel - da will ich ihn überraschen», sagt Heidemarie Schwermer. Das mache sie wiederum glücklich.
Die jugendlich wirkende 67-Jährige mit den hellen Haaren und wachen Augen hat sich ein Netzwerk aufgebaut, durch das sie unterstützt wird. Wie viele Menschen genau mitmachen, kann sie nicht sagen. Täglich kämen neue hinzu. Seit zehn Jahren hütet Schwermer die Katze einer Freundin, wenn die im Urlaub ist, dafür bekommt sie Kost und Logis. Sie passt auf Kinder auf, bekommt Kleidung geschenkt, hilft im Garten, muss sich deshalb nicht selbst ein neues Handy kaufen. Im Moment wohnt sie im Sauerland, für ein paar Tage. «Früher habe ich meist eine Woche an einem Ort gewohnt, heute ist soviel zu tun, dass ich meist kürzer bleibe.»
Sie kocht, sie putzt, bietet Gespräche an, hält Vorträge über ihr Leben ohne Geld. Und die frühere Lehrerin und Psychotherapeutin teilt ihr Leben mit verschiedenen Menschen. «Ich genieße das sehr. Nur manchmal brauche ich einen Rückzug.» So habe sie eigentlich bereits beschlossen, über Weihnachten ein Haus zu hüten. «Da drängen schon andere Leute, ob ich nicht mit ihnen Weihnachten feiern will», sagt Heidemarie Schwermer.
Die Menschen seien heute offener für ihre Ideen als noch vor 13 Jahren. «Denen geht es auch um die Welt und nicht nur um den eigenen Teller.» Die Menschen verstünden, dass sich nach der Wirtschaftskrise etwas ändern muss. Recht geben ihr die Tauschringe, die zumeist in größeren Städten entstehen. Allein in Berlin gibt es zehn dieser sozialen Organisationsformen, die auch Menschen durch Nachbarschaftshilfe zusammenbringen wollen.
Ohne andere Menschen geht es nicht
Heidemarie Schwermer ist eine Vorreiterin und selbst das extremste Beispiel für das Prinzip des Teilens. «Meine Idee muss weitergehen», sagt sie. Deshalb setze sie sich auch in Talkshows wie Plasberg persönlich vor wenigen Wochen. Durch ihre Medienpräsenz bekomme sie jedoch Angebote von Menschen, die ihr Anliegen nicht verstanden haben. «Da schreiben Leute sowas wie: ‹Meine Wohnung ist völlig verdreckt, bitte kommen Sie und helfen.› Oder ‹Sorgen Sie für meine demente Mutter›.» Über die Jahre habe sie ein Gespür dafür entwickelt, was geht und was nicht. «Nein sagen muss man lernen, wenn man das nicht kann, ist man ausgeliefert.»
Inzwischen teilt Heidemarie Schwermer auch europaweit. Ihr Buch Das Sterntalerexperiment: Mein Leben ohne Geld, in dem sie über ihren Lebensstil schreibt, ist in mehrere Sprachen übersetzt worden, zuletzt auf italienisch. In Florenz bekam sie für ihre gelebte Utopie den Friedenspreis Firenze per le Vulture di Pace. «In Italien scheint es den Leuten noch weniger möglich, ohne Geld zu leben», erzählt Schwermer von ihren Eindrücken. «Oft sagen die Menschen dort, ‹Ich bewundere sie›. Aber ich möchte gar nicht bewundert werden, sondern Impulse setzen.» Doch Heidemarie Schwermer stößt nicht nur auf Bewunderer. Hinter ihrer Idee des Lebens ohne Geld, des Geben und Nehmens, sehen Kritiker eine Ideologie, manche sogar eine Sekte. «Ich will niemanden manipulieren», verteidigt sie sich.
Außerdem sei ihre Gib-und-Nimm-Initiative alles andere als eine Bewegung. «Es sind immer noch relativ wenige Menschen involviert», sagt Heidemarie Schwermer. Dennoch gibt es ähnliche Bewegungen, die sich wie sie gegen das Geldtauschsystem stellen. Die Schenker-Bewegung von Jürgen Wagner, der neben dem Konsum auch seinen bürgerlichen Namen abgelegt hat und nun im Unterholz der Oberlausitz als Öff Öff fernab der Zivilisation lebt. «Das ist aber ein ganz anderer Ansatz als meiner», sagt Schwermer. Der Waldmensch, wie er von den Medien genannt wird, bekommt viel geschenkt, gibt jedoch nicht unbedingt etwas zurück.
Ohne andere Menschen funktionieren diese alternativen Gesellschaftsmodelle nicht. Auch Heidemarie Schwermer braucht andere Menschen, um zu teilen. Und auch ohne Krankenkasse geht es nicht. Lange hat sie sich gesträubt einzuzahlen, doch da im Ernstfall die Allgemeinheit für sie in die Tasche greifen müsste, ist sie doch eingetreten. Dennoch empfindet Heidemarie Schwermer die absolute Freiheit in ihrem Lebensstil. «Und wenn andere sagen: ‹du bist doch abhängig von uns›, sage ich ‹ja, aber ich kann mein Leben von grundauf ständig ändern, wenn ich will›.» Denn sie mache sich nicht abhängig von Arbeit oder Besitz. Sie lebt aus einem Koffer - der ist schnell gepackt und Heidemarie Schwermer an einem anderen Ort.
Und wenn sich Menschen zu ihr sagen, sie lebe natürlich von Geld und zwar von dem anderer Menschen, antwortet sie: «Das ist aber nur so, weil ihr alle noch mit Geld lebt.» Die Menschen müssten noch reifer werden, sich bewusst machen, was sie wirklich brauchen und wohlwollend miteinander umgehen. Eine Gesellschaft ohne Geld ist für sie keine utopische Zukunftsmusik: «So wie sich in der DDR niemand vorstellen konnte, dass die Mauer fällt, sehe ich das mit dem Geld. Ich arbeite schon an einer neuen Welt. Auch wenn das albern klingt, weil ich allein bin.» Sie habe schon viele Samen ausgesät.
Die 67-Jährige hat noch viele Pläne. Unter anderem, ihr Gib-und-Nimm-Projekt weiterzubringen. Dafür hat sie 60.000 Aufkleber drucken lassen, und alle, die ihren Willen zum Teilen signalisieren möchten, können sie sich an Autos, Türen, Briefkästen kleben. Angst vor dem Alter habe sie nicht, auch nicht davor, irgendwann ihre Ideale nicht mehr leben zu können. «Solange ich die Freude behalte an dem, was ich tue, ist alles gut.»
Auch Martin Boyle will nun auf «unbegrenzte Zeit» ohne Geld leben, denn auch er fühle sich viel freier ohne den Stress mit Konten, Rechnungen und langen Arbeitszeiten. Boyle hatte schon einmal mit einer ähnlichen Aktion Schlagzeilen gemacht. Anfang 2008 versuchte er, ohne Geld von England nach Indien zu gelangen. Er kam aber nur bis Calais in Frankreich, wo er wegen verschiedener Probleme wieder umkehren musste.
iwi/news.de
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Ganz ohne Geld kann ich mir nicht vorstellen . Aber Hilfe Aussauschen machen ich schon lange .
jetzt antwortenKommentar meldenJeder sollte nach seiner Fasson leben. Ich könnte das nicht, denn etwas Luxus brauche ich, auch wenn es das warme Wohnzimmer ist, welches ich heize. Aber ich bewundere Menschen, die so ausbrechen wie Schwermer. Soll sie weiterhin in Freuden und ohne Sorgen leben.
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