Nur fünf Minuten Ruhe
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Von news.de-Redakteur Björn Menzel, Brumby
Artikel vom 24.12.2009
Getrieben von der Zeit - mit 180 Stundenkilometern. Doch neben der Autobahn gibt es Orte der Ruhe. News.de hat einen besucht und noch mehr gefunden.
Das Buch liegt auf einem niedrigen runden Tisch. Es ist in schwarzes Leder gebunden und die Seiten sind am Rand golden angemalt. Es ist ein Buch der Erinnerung, der geheimen Gedanken und der Ruhe. Wer es liest, lernt viel über die heutige Zeit und die Menschen, die in ihr leben. Das Buch ist aufgeschlagen. Ein Drittel der Seiten sind bereits beschrieben, die anderen noch schneeweiß.
Ein Stift liegt quer auf dem Buch. Er wartet auf die Schreiber. Die kommen aus Ostfriesland, von der Weser, aus Bayern, aus Thüringen oder Sachsen - aus ganz Deutschland. Und sie kommen relativ selten. Wer einen Schreiber treffen möchte, braucht Zeit und Geduld. Denn sie kündigen sich weder an noch kommen sie regelmäßig. Und selbst wenn jemand das Buch besucht, ist nicht garantiert, dass er auch wirklich zum Stift greift.
Das Buch ist ein Anliegenbuch, eine Art Gästebuch in einer Autobahnkirche. Es liegt in Brumby, das ist ein kleiner Ort an der Autobahn 14. Zwei Kilometer vor der Ausfahrt weist ein Schild aus jeder Richtung auf die Autobahnkirche hin. Der fünfspitzige Kirchturm ist gleich nach der Ausfahrt zu erkennen. Dann sind es nur noch 3000 Meter, rein in den Ort und einmal nach links. Ein Parkplatz für drei Autos, ein Gittertor und ein fein gefegter Weg durch einen kleinen Park mit alten Bäumen. Die Tür der Kirche ist offen.
«Bitte lass´ uns die Last bewältigen.»
Das ist der bisher letzte Eintrag. Er ist bereits zwei Tage alt. Aber es kommt heute noch einer hinzu. Das Buch liegt seit gut einem Jahr auf dem Tischchen mit der grünen Decke. Zwei Jahre länger ist das Gotteshaus offiziell eine Autobahnkirche und Besucher biegen bewusst von der Rennpiste ab. Sie gehen dann durch einen kargen Vorraum, rechts und links führen zwei Holztreppen 13 Stufen nach oben. Geradeaus ist eine Tür, die so aussieht, als könnte sie auch in jedes Wohnzimmer führen.
«Das ist ein ruhiger Ort, ein Ort der Ruhe. Nach 500 Kilometer Autobahnfahrt wird einem das bewusst.»
Hinter der Tür befindet sich aber kein Wohnzimmer, sondern die Autobahnkirche. Sie ist reich verziert, mit Deckengemälden aus der Renaissance und einem barocken Altar. Auf einem Platz in der rechten Reihe liegt eine handliche Bibel, daneben Für jeden Tag ein gutes Wort. Das Wort für den heutigen Tag wurde nicht aufgeschlagen. Vor fünf Tagen muss das letzte Mal jemand das Wort des Tages gelesen haben. In der Kirche leuchten drei Lampen, eine auf die Orgel in der zweiten Etage, eine auf den Altar und eine auf das kleine Tischchen mit dem Buch in schwarzem Leder.
«Auf einer Dienstreise sah ich den Hinweis auf diese Kirche und suchte Hilfe durch Gott.»
Versteckt hinter einem Vorsprung befindet sich in der linken Kirchenwand eine Tür. Der Durchbruch führt in einen hellen Raum. Er hat drei große Fenster und in der Mitte einen Tisch. An der Wand hängen Fotografien. Abgebildet sind Motive aus dem Ort und der Kirche. «Wir haben das große Ganze im Blick, aber das kleine übersehen wir», steht geschrieben. Nicht so Pfarrer Gottfried Eggebrecht, der die Fotos aufgehängt hat. Zu sehen ist ein Baum, ein Schild im Stamm eingewachsen. Oder ein Dachziegel, der wie ein Fuchs geformt ist. Zu hören sind, ganz leise, die vorbei fahrenden Lastwagen und Autos auf der A 14. Es ist ein monotones, gleichbleibendes Rauschen.
«5 Minuten Ruhe! Kein Stress! Wunderschön. Vielen Dank!»
Jetzt wird es doch etwas unruhiger in der Kirche. Ein Restaurator für Wandmalerei kommt für eine halbe Stunde vorbei. Er heißt Eckhard Lemke und möchte die letzten Arbeiten hinter sich bringen bevor er zur nächsten Baustelle muss. Dafür packt er Pinsel, Föhn und eine Mischung aus Öl und Firnis. Er konserviert damit eine Stelle der Wand, an der noch ein altes Gemälde durchschimmert. Weil es so kalt ist, muss er den Anstrich gleich mit dem Föhn trocknen. Es kämen öfter mal Reisende vorbei, wenn er in der Kirche arbeite, sagt er. Sie befragen ihn, setzen sich auf eine Bank oder schreiben etwas in das Buch.
«Wir haben stille Einkehr gehalten.»
Der Restaurator hat selber noch nie an einer Autobahnkirche angehalten, außer beruflich. Aber nun überlegt er sich, ob er es nicht in Zukunft einmal machen wird. Denn er mag kleine Kirchen. Und ihm kommt es auch nicht darauf an, dass alles so wieder hergerichtet ist, wie es früher einmal war. «Das Gesamtbild muss stimmen», sagt er. Jede Zeit hinterlasse doch seine Dinge. Da, wo mal ein Kachelofen stand, liegen nun die Reste vom Erntedankfest: Kürbisse, ein Korb mit Nüssen, Kartoffeln und zwei Rüben. Sie liegen schon viele Wochen.
«Es tut so gut, hier ein wenig zu verweilen.»
Pfarrer Gottfried Eggebrecht ist ein zurückhaltender Mann, der ruhig und leise spricht. Sein Pfarrhaus steht gleich neben der Kirche. Es hat einen modernen Anbau, in dem ebenso moderne Toiletten sind. Für jeden offen. Der Pfarrer hat am Eingang der Kirche einen Kasten angebracht. Jeder kann dort mit ihm in Kontakt treten oder einfach nur eine Botschaft hineinwerfen. «Viele suchen die Anonymität», sagt er. Gerade in einer Autobahnkirche. Wenn es die Zeit erlaubt, kommt Gottfried Eggebrecht einmal am Tag in die Kirche und liest die neuesten Einträge im Buch auf dem runden Tischchen.
«Mein Leben ist schön. Danke.»
Es ist früher Nachmittag. Mit einem lauten Klacken geht die Kirchtür auf. Ein Mann tritt ein, geht vor bis zur dritten Reihe und setzt sich auf die Bank. Es ist Andreas Thomas. Er ist Vertreter und kommt aus dem Landkreis Peine. Er ist auf dem Weg zu einem Kunden - und heute der einzige Autobahnkirchengast. Er hält erst zum zweiten Mal in Brumby an. Das erste Mal vor fünf Wochen. «Ich möchte einfach einmal innehalten und habe das Bedürfnis, zehn Minuten von der Hektik des Alltags zu verschnaufen», sagt er und schreibt etwas in das Buch:
«Der Besuch dieser Kirche gibt mir Mut und Kraft. Heute konnte ich dafür Danke sagen.»
iwe/nbr/news.de
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