Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Die Studenten klagen an - und keiner will sich als Schuldiger entlarvt sehen. In den Protest gegen das dringend reformbedürftige Bachelor- und Mastersystem mischen sich verhärtete Fronten, aber echte Bewegung bleibt zu vermissen. Eine Analyse.
Unter lauthals skandierten Protesten hat die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) wieder einmal Stimmung gemacht. Erst gegen die Studenten. Magret Wintermantel, Präsidentin des Gremiums warf den Hochschülern vor, ungeduldig zu meckern und sich lieber auf allgemeiner Unzufriedenheit auszuruhen, statt fruchtbare Forderungen zu stellen.
Dann bekamen auch die Länder ihr Fett weg: Die würden falsche Anreize für die Lehrpläne aussenden, keine verlässliche Rechtssicherheit schaffen und auch das nötige Kleingeld nicht zur Verfügung stellen. Doch die HRK-Signale selbst führen solche Kritik ad absurdum. Denn hervorzuheben, dass die Umstellung der Studiengänge auf das neue System auch ohne zusätzliche Gelder gelungen sei, mag zwar lobenswert sein. Es konterkariert aber die Realität und die Forderung nach mehr finanzieller Unterstützung.
Nur die Reform selbst blieb beim Treffen in Leipzig ein fast unangetastetes Heiligtum. Die Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulraums sei vordringlich und könne nicht umgekehrt werden. Nahezu alle Studiengänge seien international verständlich umgestellt worden, die Akzeptanz der Bachelorabsolventen auf dem Arbeitsmarkt gestiegen. Und es werde Qualitätssicherung im Studiensystem betrieben, insbesondere bei in die Kritik geratenen Studiengängen. Wenn überhaupt gebe es nur «wenig Nachbesserungsbedarf». Das stinkt förmlich nach Selbstlob.
Realität, mit Blindheit geschlagen
Kein Wort davon, dass die gewünschte Mobilität, die die Bologna-Reform den angehenden deutschen Akademiker bringen soll, nicht umzusetzen ist. Was jedem hätte klar sein müssen, der die Studienzeit beschneidet, aber die Inhalte nicht parallel dazu anpasst. Auch kein Wort davon, dass die Lehre an den öffentlichen Hochschulen allein schon deshalb nicht erfolgreich sein kann, weil das Verhältnis von Professoren zu Studenten äußerst ungünstig ist.
Auch nichts darüber, dass es eben die Rektoren selbst sind, in deren Hand es liegt, mit ihrem Lehrpersonal die Ausgestaltung der Studiengänge gezielt unter die Lupe nehmen. Nur wenige räumen wie Christoph Markschies, Präsident der Berliner Humboldt-Universität, ein, dass die freie Arbeit der Studenten von einem Prüfungsmarathon aufgefressen wird.
Es gibt eben nicht mehr die eine Prüfung zum Semesterende. Was den Studenten zu schaffen macht, sind auch die sogenannten Modulvorleistungen nach dem Prinzip: drei Wochen pauken für einen Zwischentest, der einem ein Häkchen auf der Liste für eine Nachfolgeprüfung einbringt - das aber zu Zeiten, in denen die Studenten eigentlich in anderen Seminaren sitzen oder diese vor- und nachbereiten müssten.
Studenten, die faule Bande
Oft genug gibt es in den Bachlorstudiengängen auch Kombiprüfungen: drei bis vier Fächer werden innerhalb einer bis zu fünfstündigen Prüfung abgefragt. Hinzu kommen überfüllte Lehrveranstaltungen und semesterlange Wartelisten für hochschulinterne Pflichtpraktika, deren Platzangebot aber nicht einmal den Studienanfängern eines Studienjahrgangs entspricht.
Dass Magret Wintermantel angesichts solcher Zustände unmissverständlich durch die Blume zu verstehen gibt, die heutige Studentenschaft verkomme unter Bummelantentum, muss den Studenten - vor allem jenen, die aus Zeit- und Prüfungsdruck nicht mitgestreikt haben - wie ein Schlag ins Gesicht vorkommen.
Was übergreifend fehlt, ist das Gemeinsame. Die Länder legen fest, die Hochschulen müssen die Strukturen füllen und schreiben die Regeln für die Studienpläne, dass alles aber im erdrückenden Korsett unklarer Verwaltungsvorschriften, die mit der Reform einhergingen. Der Bund muss angesichts der föderalen Struktur seine Hände in Unschuld waschen. Allein der Student muss in den sauren Apfel beißen und all das hinnehmen. Der Protest ist für sie der einzige Ausweg. Den Mitspracherecht haben die Studenten weder auf Länderebene, noch bei der «Stimme der Hochschulen», wie sich die HRK selbst betitelt.
ham/kat/news.de/dpa
Falls den Studenten nichts gegen Wintermantel und Konsorten einfallen sollte:1. Das Diplom muss wieder her.2.Abschaffung jedenfalls des Bachelors.3.Keine Studiengebühren für das Zweitstudium (Master).4.Wissenschaft ist politikfreie Zone. 5.Kultur- und Wissenschaftsbanausen dürfen nicht Bildungspolitiker werden.6.Hochschulen sind wissenschaftlich autonome und wirtschaftlich autarke Einrichtungen. 7.Wissenschaftsfreiheit von Lehre und Forschung. 8. Studentenbesoldung. 9. Reduzierung der Kultusbürokratie auf das erträgliche Maß. 10. Deutschland muss der welterste Wissenschaftsstandort werden.
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