Fr., 25.05.12

Nachhaltigkeit 24.11.2009 Frische Fische überfischt

karpfen (Foto)
Karpfen dürfen wir noch in rauhen Mengen verzehren. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Das Meer braucht die Fischer nicht, aber die Menschen wollen Fisch. Damit der nicht irgendwann alle ist, brauchen wir ein gutes Fischerei-Management. Wissenschaftler und Umweltschützer arbeiten zusammen - sind sich aber nicht immer einig.

Reis, Bratkartoffeln oder lieber die klassische Salzkartoffel zum Fisch? In der neuen Leipziger Mensa können die Studenten jetzt mehr wählen als früher. Nicht mehr aussuchen können sie sich am Fischstand ab Januar jedoch Rotbarsch, Kabeljau, Scholle oder Seeteufel. Die sind für Küchenchef Jochen Gottschlich nämlich Tabu. Stattdessen bringt er Karpfen, Pangasius oder Forelle in die stählernen Warmhaltebehälter.

Denn Leipzigs Mensa gehört zu denen, die sich für MSCRat für Meeresverantwortung -zertifizierten Fisch entschieden haben - nachhaltig gefangen. «Die Studentenwerke orientieren sich dabei auch am Wunsch der Studierenden, und unter ihnen sind viele, denen das Thema Nachhaltigkeit wichtig ist», sagt Jessica Fischer, Ökotrophologin im Referat Hochschulgastronomie des Deutschen Studentenwerks. Vor zwei Jahren waren die Studentenwerke von Göttingen und Schleswig-Holstein die ersten, die sich mit ihrem Angebot für die Erhaltung der Fischgründe einsetzen wollten. «Viele bieten auch eine Biolinie an – das passt ins Konzept der sozialen Verantwortung», erklärt Fischer.

Verantwortung in Sachen Fisch walten zu lassen wird uns allerdings gar nicht so leicht gemacht. Denn während Greenpeace in seinem heute erschienenen Einkaufs-Ratgeber vom Verzehr der Scholle dringend abrät - die Bestände befänden sich in schlechtem Zustand, und die «zerstörerische Grundschleppnetz-Fischerei» produziere Beifänge von über 50 Prozent - freut sich Meeresforscher Heino Fock über Verbesserungen: «Der Scholle geht es im Augenblick sehr gut. Da ist in den letzten zwei Jahren eine enorm positive Entwicklung eingetreten», betont er. Einige Betriebe fischten nun mit sehr großmaschigen Netzen, um den Beifang gegen Null zu reduzieren, oder zögen die Scholle nur zu der Zeit des Jahres aus dem Meer, in der Jungfische nicht gefährdet seien.

Fock forscht am Institut für Seefischerei des Johann Heinrich von Thünen Instituts. Das Institut fungiert als Berater der Bundesregierung und kontrolliert mit seiner Flotte den Fischbestand der Gewässer. Der Wissenschaftler sieht plakative Aktionen wie den Greenpeace-Ratgeber kritisch. «Sie sind nicht sonderlich geeignet, die positiven Entwicklungen herauszuarbeiten», beklagt er. Zum Beispiel bei der Scholle. «Es ist eine hohe Dynamik in den Beständen. In länger geplanten Kampagnen kann das untergehen. Der Ratgeber zum Beispiel ist ein Update einer drei Jahre alten Broschüre, Veränderungen werden da teilweise übergangen.»

MSC gibt's auch beim Discounter

Um eine diffuse Informationspolitik zu verhindern, sitze man beispielsweise mit der Umweltschutzorganisation WWF an einem Runden Tisch. Der WWF steht auch, gemeinsam mit dem Lebensmittelkonzern Unilever, hinter dem MSC-Zertifikat. Artenschutz auf der einen oder Verfügbarkeit der wirtschaftlichen Ressource auf der anderen Seite - Umweltschützer und Industrie bewegt das gemeinsame Interesse, die Bestände zu erhalten.

Seit 1997 fördert der Rat für Meeresverantwortung, kurz MSC, die nachhaltige Fischerei. 59 Fischereien tragen inzwischen das Zeichen, das betrifft sieben Prozent der weltweiten Fangmenge, etwa zehn Prozent in Deutschland. 100 weitere Unternehmen befinden sich noch in der Bewertungsphase. Elf Prozent der Deutschen kennen inzwischen das MSC-Zeichen, hat eine Umfrage ergeben, denn den «guten» Fisch gibt es längst auch bei Aldi, Lidl, Netto oder Rewe. Edeka hat sich kürzlich erst verpflichtet, 2012 nur noch nachhaltig gefangenen oder Fisch aus Aquakulturen anzubieten.

Dem MSC-Zertifikat für wildgefangenen Fisch liegen drei Prinzipien zugrunde, wie Gerlinde Geltinger, Sprecherin des Rats in Deutschland, erklärt. Zum einen müsse das Unternehmen gewährleisten, dass die Fischbestände für die Zukunft gesichert sind, also in ihrer Alters- und genetischen Zusammensetzung natürlich erhalten bleiben. Die Fischer dürfen das umliegende Ökosystem so wenig wie möglich durch Beifang oder ihr Fanggerät beeinträchtigen. Und die Firmen müssen über ein solides Management verfügen, das sich an alle lokalen, nationalen und internationalen Gesetzgebungen anpasst.

Kein Konsens, was nachhaltig ist

Als Beispiel für einen Großbetrieb mit MSC-Zertifikal nennt Geltinger die Alaska-Seelachs-Fischerei aus Alaska und Kanada. Aber auch Alaska-Seelachs steht auf der roten Greenpeace-Liste. Trotz leichter Erholung seien die Bestände noch immer schlecht, von «Zusammenbruch» spricht Greenpeace-Expertin Iris Menn. «Das Unternehmen hat jetzt nach fünf Jahren das Zertifikat wieder bestätigt bekommen», widerspricht Geltinger dieser Interpretation. Unabhängige Zertifizierer wie Ars Probata oder auch der Tüv prüfen für MSC die Unternehmen.

Wo Greenpeace warnt, versucht Heino Fock die positiven Zeichen zu werten. Zwar deckten sich die von der EU in Brüssel vorgegebenen Fangquoten noch immer nicht mit den Emfpehlungen der Wissenschaftler, aber: «Die Wirtschaft kann nur gedeihen, wenn man die Ressourcen nachhaltig belasten kann. Irgendwann erkennt jeder, dass er den Ast nicht absägen kann, auf dem er sitzt», betont Fock. Natürlich gebe es nach wie vor Ökopiraten auf den Weltmeeren, etwa 25 Schiffe sind auf dem Nordatlantik als «IUU», also illegal, ohne Konzession und jenseits der internationalen Regeln arbeitend, gestempelt. Schwarze Schafe unter den Fischereinationen möchte Fock aber nicht branntmarken.

Er sucht lieber nach den Mankos im eigenen Haus. «Wir haben noch immer zu wenig Daten zur Biologie der Arten, um die richtigen Managementempfehlungen geben zu können», bemängelt er. Und das richtige Management ist letztlich alles im weltweiten Fischereiwesen. Denn ohne Fischerei ginge es dem Meer sicher besser: «Der Wald braucht den Förster auch nicht. Aber es ist ein wichtiger Wirtschaftszweig für die Küstennationen, und gewisse Eiweiße sind auch schlecht zu ersetzen», verteidigt der Meeresforscher die Meeresräuber.

mat/news.de
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Antonietta
  • Kommentar 1
  • 25.11.2009 15:39
 

Viele Gewässer, insbesondere die Meere sind überfischt. Viele Arten sind wegen zu hoher Fangquoten und umweltzerstörender Fangtechniken nahezu ausgerottet. Aquafarmen sind keine Alternative, da sie im höchsten Maße umweltgefährdend und tierquälerisch sind. Weltweit werden so ca. 16 Mio. Tonnen Fisch gezüchet. Meist wird nur eine einzige Art in Monokultur mit umfangreicher Technik und Chemikalien auf engstem Raum herangezogen. Kraftfuttercocktails sollen die Fische schnellstmöglich verkaufsreif wachsen lassen.

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