Von news.de-Redakteur Björn Menzel, Leipzig
Musik, Plakate und Trillerpfeifen: Tausende Studenten haben am Rande der Konferenz der Hochschulrektoren in Leipzig gestreikt. Es wehte ein Wind der Ernüchterung.
Sonderzug nach Leipzig. Er wird von stramm stehenden Polizisten am Hauptbahnhof erwartet. Fast 1000 Studenten steigen aus. Sie kommen aus Dresden und wollen protestieren. Noch sind die Fahnen eingewickelt, jedoch die Trillerpfeifen bereits im Mund. Ohrenbetäubender Lärm. Auf Bahnsteig 19 stehen die jungen Leute, die um ihre Zukunft bangen. Sie sind der Bildungsnachwuchs von Deutschland. Jetzt soll ihnen Gehör geschenkt werden - mal wieder.
Zur selben Zeit sitzen Irene und Katharina noch in der Regionalbahn. In einer halben Stunde erreichen auch sie den Leipziger Hauptbahnhof. Die beiden 23-Jährigen fahren bereits seit fast sieben Stunden. Sie kommen aus dem fernen Münster in Nordrhein-Westfalen nach Sachsen gefahren. Es sind die beiden einzigen Demonstranten aus Münster - und die wohl am weitesten gereisten an diesem Tag. Aus vielen Teilen Deutschlands kommen die Studenten.
Irene und Katharina aus Münster wollen zwar ihre kompletten Namen nicht sagen, dafür aber, was ihnen auf dem Herzen liegt. Das ist der Grund, warum sie bereits um halb sechs am Morgen in die Bahn gestiegen sind. Weil es günstiger ist, fahren sie nicht mit dem ICE, sondern haben ein Ticket, das ihnen eine billge Fahrt durch Deutschland in der Regionalbahn erlaubt. Es dauert deswegen so lange, aber schon die Reise ist ein Protest. Gegen das «verschulte Unisystem, zu viele Prüfungen und Ankreuztests in Psychologie».
In einem Abteil sitzt den beiden eine ältere Dame gegenüber. Sie sieht die eingewickelte Fahne und erinnert sich sofort an ihre eigenen Studentenzeit. «Vor 30 Jahren haben wir auch schon demonstriert», sagt sie und findet die heutigen Aktionen gut. Es habe sich wohl nichts geändert. Katharina muss nickend zustimmen. Trotzdem fährt sie nach Leipzig. Auch wenn sie die eigene Trillerpfeife morgens in der Eile vergessen hat. «Dabei sein ist alles.»
Am Bahnsteig warten neben den Polizisten auch einige Ordner. Es sind ebenfalls Studenten, die sich das Wort «Ordner» schwarz auf eine weiße Armbinde gepinselt haben. «Hier links geht es lang», sagt einer zu Irene und Katharina. Immer dem Lärm nach. Vor dem Bahnhof stehen schon die 1000 Dresdener und die vielen aus den anderen Städten. Sie rollen jetzt ihre Plakate aus und pfeifen noch lauter als im Bahnhof. Musik dröhnt dumpf von zwei Wagen herunter. Polizeiwagen sperren die Straßen ab. Die Studenten sind gut geschützt.
Die beiden Münsteraner stürzen sich in das Getümmel. Sie wollen ganz vorn mit dabei sein. Katharina hat eine gelbe Jacke aus Cord an, trägt eine braune Stofftasche und hat drei Ringe im linken Ohr, zwei im rechten und einen in der Nase. Sie studiert im siebten Semester Politikwissenschaften und Germanistik und war auch ein Jahr lang im Ausland. «Wo bleibt die Bildungspolitik» steht auf einem großen Plakat geschrieben. Nun rollt auch Irene ihre Fahne aus. «Bildung statt Bomben».
Der Demozug setzt sich in Bewegung. «Bildung für alle», rufen Irene und Katharina meistens. Sie sind sehr erprobt, wenn es um das Demonstrieren geht. Heute lernen sie trotzdem einen neuen Spruch: «Wir sind das Hackfleisch in der Bolognese». Er spielt auf die so genannte Bologna-Reform an, mit der ein einheitliches Hochschulsystem in Europa geschaffen werden soll. «Wir demonstrieren jetzt ein paar Stunden und dann sind wir wieder weg», sagt Katharina. Das war es. Wer weiß, ob es was bringt.
Vielleicht fährt heute Abend auch kein Bummelzug mehr nach Münster. Dann wollen sie in einem bestreikten Hochschulsaal übernachten. Vielleicht in Magdeburg oder in Hannover. Gestreikt wird ja fast überall.
Der Artikel ist echt ein Armutszeugnis! Es gibt viele Studenten und viele Nichtmehr-Studenten, die sich um die Proteste nicht kümmern (vielleicht weil sie schon immer gelernt haben, sich anzupassen und eher zu jammern als sich 7 Stunden in einen Bummelzug zu setzen?). Aber muss man die auch noch als Reporter zur Demo schicken? Vor dem Engagement der beiden Mädchen, vor solcher Überzeugung an die eigene Sache habe ich tiefen Respekt - anstatt mich über diejenigen lustig zu machen, die die Welt so zu gestalten verursachen, wie sie sie sich vorstellen. Machen das nicht egtl. auch Journalisten?
jetzt antwortenKommentar meldenAch ja: die Knöpfe an meiner Jacke waren übrigens rot; Nur falls Herr Menzel diese unheimlich wichtige Information noch in den Artikel einbinden will.
jetzt antwortenKommentar meldenIch bin besagte "Katharina" aus dem Artikel. Ich finde es Armutszeugnis,dass Herr Menzel es für sinnvoller hält,ausgiebig meinen Ohrschmuck zu beschreiben,anstatt mal zu zitieren, was ich wirklich gesagt habe. Es gilt nämlich nicht der Leitspruch "dabei sein ist alles". Ich nehme nur an Demos teil, wenn ich von der Sache überzeugt bin.Ich finde es bedauerlich, dass unser Engagement für demokratischere Bildungspolitik und mehr Chancengerechtigkeit im Bildungssystem ins Lächerliche gezogen werden.
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