Von Katrin Schüler
Schüler, die im Ausland studieren wollen, haben es schwer. Fremdsprachen machen im Stundenplan oft nur wenig Zeit aus. Anders ist das an deutschen Gymnasien, die die Chance eröffnen, ein französisches Abitur abzulegen.
Die beiden Teenager Josephina Wenke und Jeanne Marquis haben sich über das Internet kennengelernt. Die 14 Jahre alte Rostockerin und die gleichaltrige Französin verstanden sich auf Anhieb. «Wir haben die gleichen Hobbys, spielen Klarinette und haben beide eine Schildkröte», sagt Wenke. Seit ein paar Wochen sitzt Jeanne als Austauschschülerin bei Josephina mit im Unterricht im Innerstädtischen Gymnasium Rostock, demnächst reist die Rostockerin nach Frankreich zu Jeannes Familie. Beide sind so begeistert von der jeweiligen Fremdsprache, dass sie in ihrer Heimat das AbiBac ablegen möchten, ein sowohl in Deutschland als auch in Frankreich anerkanntes Abitur.
In Deutschland ist das bereits an knapp 50 Schulen möglich, wie der deutsch-französische Kulturbeauftragte der Bundesregierung, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), sagt. Nur in Ostdeutschland werde das AbiBac bisher noch nicht angeboten. Das Innerstädtische Gymnasium in Rostock wird das erste in den neuen Bundesländern mit einem solchen Angebot sein. Dabei kooperiert es mit dem Gymnasium Lycee du Bois D'Amour in Poitiers, deren Schüler ebenfalls das deutsch-französische Abitur ablegen.
Im kommenden Jahr soll es losgehen. Josephina, die dann in die zehnte Klasse gehen wird, hat mit gleichgesinnten Mitschülern zehn Stunden Französisch pro Woche. «Unterrichtet wird nicht nur die Fremdsprache, sondern auch Sozialkunde und Geschichte werden auf Französisch abgehalten», sagt Französisch-Lehrerin Angela Duyster. Normalerweise haben Gymnasiasten mit Hauptfach Französisch «nur» vier Wochenstunden in diesem Fach. «Wenn sie das AbiBac ablegen, haben sie also ein viel höheres Sprachniveau», sagt die Lehrerin. Außerdem hätten die Abiturienten automatisch eine Zugangsberechtigung für ein Studium in Frankreich. Manche Hochschulen verlangten nämlich sogar eine Sprachprüfung von ausländischen Studenten.
Aushängeschild für die Bildungszusammenarbeit
Ein Studium in Frankreich strebt die Neuntklässlerin Josephina eigentlich gar nicht an. «Ich finde die Sprache einfach schön», sagt sie. Schon in der Grundschule habe sie mit Französisch angefangen, später sogar die Schule gewechselt, als ein Französisch-Sprachkurs nicht zustande kam. «Sie spricht meine Sprache sehr gut», bestätigt Jeanne, die ihrerseits nach nur vier Jahren Deutschunterricht kaum Probleme hat, dem Unterricht am Rostocker Gymnasium zu folgen.
Das AbiBac sei ein Aushängeschild der deutsch-französischen Bildungszusammenarbeit, sagt Wowereit. «Französisch als Fremdsprache hat es durch die zunehmende Konkurrenz anderer Sprachen in Schulen nicht leicht. Der Abwärtstrend ist nun aber gestoppt», sagt der SPD-Politiker. Knapp 20 Prozent aller Schüler lernten Französisch.
Die Zahlen in Frankreich sind vergleichbar: Dort lernen rund 16 Prozent aller Schüler die deutsche Sprache, wie Laurent Capus vom norddeutschen Institut Francais in Hamburg sagt. Die Bereitschaft, sich die französische Sprache auf hohem Niveau anzueignen, steige in Deutschland spürbar. So legten in diesem Jahr mehr als 56.000 Schüler das staatliche Sprachdiplom DELF ab, vor drei Jahren waren es 30.000.
Für Jeanne und Josephina sind die ersten Sprachhürden bereits genommen. Auch nach dem gegenseitigen Besuch als Austauschschülerinnen wollen sie den Kontakt nicht abreißen lassen. Gespräche untereinander über alltägliche Dinge seien oft eine bessere Übung als Französisch im Unterricht, sagen die beiden Mädchen. Zwei Wörter haben sie sich zum Beispiel beigebracht, die eher nicht im Lehrplan stehen: Clarinette (Klarinette) und Tortue (Schildkröte) für ihre liebsten Freizeitbeschäftigungen.
ham/kat/news.de/ddp