Körpergadgets

Wie Menschen zu Cyborgs werden

Von news.de-Mitarbeiterin Anwen Roberts

Botox und Silikon waren gestern – der Plastikmensch der Zukunft wird komplexere Accessoires mit sich herumtragen. Hinter «Wearable Computing» verbirgt sich ein dynamischer Forschungszweig, der sich mit digitalen Körpererweiterungen beschäftigt.

Lester Maul (Was ist das?)

Digitale Körpererweiterung? Hört sich gut an. Ich denke da vor allem an die Leber. Ebenso an meinen Magen. Ich bin immer schon nach 2 Schnitzeln satt. Da wäre eine Erweiterung angebracht.

Die jüngste Vision stammt von Ingenieuren und Bastlern der Universität Washington und ist im wahrsten Sinne des Wortes visionär: digitale Kontaktlinsen, die sich als tragbarer Beamer verwenden lassen und jede gewünschte Information in den Raum vor das Träger-Auge projizieren sollen. Noch ist der Prototyp erst an Kaninchen getestet worden, doch die Entwickler haben schon zahlreiche Ideen für den Einsatz am Menschen.

In fremdsprachigen Gesprächen könnten Untertitel in der Muttersprache eingeblendet werden, oder Richtungsanweisungen, wenn man sich verlaufen hat. Piloten könnten sich ein personalisiertes Steuerungs-Display anzeigen lassen, beliebige Fotos würden mit Bildunterschriften versehen, was dem Träger das Kunstgeschichtestudium ersparen könnte. Die Anwendungsmöglichkeiten scheinen schier unendlich.

Ähnlich vielfältig einsetzbar und visionär ist auch der Vorschlag des US-Produktdesigners Jim Mielke. Er stellte seine «Digitale Tattoo-Schnittstelle» in einem futuristischen Gadget-Wettbewerb vor: Ein flaches Elektronikteil wird unter die Haut des Vorderarms gepflanzt und soll wie ein sich ständig wandelndes Tattoo mit kleinen Leuchtdioden jeweils das abbilden, was gerade benötigt wird. Dabei zapft das Digitaltattoo seine Energie direkt aus der Blutbahn – aus Glukose und Sauerstoff. Mielke schließt seinen Text zur Produktvorstellung mit folgenden Worten: «Dieser Artikel ist wasserfest und wird von Pizza angetrieben».

Auch wenn die Realisierung der Tattoo-Vision noch in weiter Ferne liegt, für Aufsehen sorgt die verrückte Idee trotzdem. Selbst die ansonsten hartgesottene Techblogosphäre gruselt es doch etwas angesichts des blutsaugenden Dracula-Displays. Nur Blogger Don Dahlmann freut sich auf «Neuerdings.com» über die rosige Zukunft, in der er keine lästigen Geräte, Kabel und vor allem Netzteile mehr mit sich herumschleppen muss.

Und das sind erst die «Accessoires» - der seriösere und pragmatischere Zweig der Cyborg-Forschung beschäftigt sich weniger mit Tattoos und Kontaktlinsen als mit computergestützen Implantaten, die direkt in den Körper integriert werden, sogenannte Neuroprothesen. Hier sind einige bereits über das Prototyp-Stadium hinausgekommen und in der Biomedizin im Einsatz. Besonders verbreitet sind Sinnesorgan-Ersatzgeräte für Gehörlose und Blinde wie Innenohr- oder Netzhaut-Implantate. Auch sprechende Hundehalsbänder und Hirnsteuerungen für künstliche Gliedmaßen sind längst Wirklichkeit.

Dass wir dank der Plastizität unseres Gehirns alle möglichen Erweiterungen unseres Körpers, sogar einen dritten oder vierten Arm, in unser Selbstbild einbauen könnten, wirft tiefgründige metaphysische Fragen auf. Der Traum vom Cyborg, wie ihn Medienphilosophen von Vilem Flusser bis Donna Haraway geträumt haben, umarmt die zukünftigen technischen Möglichkeiten und hofft auf einen besseren, weil technisch aufgerüsteten Menschen.

Doch was bleibt dann noch als letzte Schranke zwischen Naturmensch und Maschine? Florian Rötzer hält auf Telepolis ein Plädoyer für den Schmerz als eine unumstößliche Definition unserer Körpergrenzen. Ließen sich Neuroprothesen und Neuroaccessoires aber auch noch an das Schmerzempfinden unseres Körpers ankoppeln, wäre auch diese Grenze überwunden und der Anbau würde vollends zum Teil unserer Selbst. Das wiederum wissen Tattooträger ohnehin schon seit langem.

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sis/car/news.de
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