Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Selbstmord ober Unfall - für den Triebwagenfahrer spielt das keine Rolle. Er ist hilflos, während sein Zug einen Menschen überrollt. Peter Gutwasser erlebte bei der Berliner S-Bahn drei tödliche Unfälle und unterstützt heute andere Betroffene.
Sie haben als Triebwagenfahrer drei tödliche Unfälle erlebt. Was ist da passiert?
Gutwasser: Das erste Mal war am 8. Juni 1990. Ich stehe im S-Bahnhof Warschauer Straße, das war noch ein alter Zug, wo man die Türen aufschieben konnte. Ich bekomme den Abfahrauftrag, fahre an und höre bis nach vorn einen gellenden Schrei. Eine Frau, offensichtlich angetrunken, wollte aufspringen und ist mit ihrem Bein zwischen Zug und Bahnsteigkante gekommen. Sie war kurze Zeit noch ansprechbar, und dann ist sie in die andere Welt gegangen.
Haben Sie sofort begriffen, was geschehen war?
Gutwasser: Als ich den Schrei hörte, hab ich es schon vermutet, und dann bekam ich über Funk den Hinweis, du hast jemanden unterm Zug. Ich bin für einen kurzen Moment sitzengeblieben, dann raus, und da hab ich das Elend gesehen. Man sieht sofort, dass es etwas ganz Unwiederbringliches ist, aber auf der anderen Seite glaubt man einfach nicht, was man da sieht.
Wie ging es dann weiter? Es saßen ja Fahrgäste im Zug...
Gutwasser: Ich habe erstmal den Zug leergemacht. Ich war in einer ganz merkwürdigen Situation, man hätte mir alles sagen können, ich hätte es gemacht. Ich war nicht in der Lage zu sagen: «Hey Freunde, es geht nicht mehr.» Ich gehe noch den Zug entlang, da war so eine große Blut- und Fleischspur, die ging dort über mehrere Türen, und ich denke: «Komisch, dass sie solche Züge rumfahren lassen.» Dann hab ich ein Funksignal bekommen, «Ey, Triebfahrzeugführer vom Cäsar, penn' nicht und komm mal vor.» Da bin ich weitergefahren, hab den Dienst zu Ende gefahren.
Sie sind tatsächlich weitergefahren?
Gutwasser: Ja, damals war es noch nicht Gang und Gäbe, dass man abgelöst wurde. Das war auch ein Grund, warum wir die Selbsthilfegruppe mit initiiert haben. Die S-Bahn war damals alles andere als mitarbeiterorientiert. Wir hatten am Anfang große Probleme, als Gruppe ernstgenommen zu werden.
Es war nicht ihr einziges tödliche Erlebnis...
Gutwasser: Der zweite Unfall, den habe ich selber gar nicht mitgekriegt. Da ist ein S-Bahn-Surfer einfach vom Zug gefallen, das wurde mir nur erzählt. Für einen Moment war es ein komisches Gefühl, aber ich habe dann aus der Zeitung erfahren, dass er schon 22 war und das öfter gemacht hat, und da konnte ich damit besser umgehen. Er hat den Kick gesucht, vielleicht die Gefahr unterschätzt. Da habe ich keine Schuldgefühle gehabt.
Fühlten Sie sich bei den anderen Fällen schuldig?
Gutwasser: Nein, ich hab das nicht aufkommen lassen. Natürlich checkt man alles durch, hättest du was tun können. Man hat anfangs ein unsicheres Gefühl. Ich habe da so eine Technik. Schmerz und Emotion, das ist ja alles nonverbal und unkonkret. Wenn ich es aber versuche, dem Kind einen Namen zu geben, dann kann ich es rufen und auch wegschicken.
Haben Sie diese Strategie selbst entwickelt?
Gutwasser: Ja. Ich bin eigentlich Berufspädagoge und habe während der S-Bahn-Zeit Psychologie studiert. Jetzt bin ich freiberuflich als systemischer Therapeut tätig.
Haben Ihre Erfahrungen bei der S-Bahn bei der Entscheidung eine Rolle gespielt?
Gutwasser: Nein, das hat nichts damit zu tun, das wollte ich schon immer machen. Aber es hat natürlich geholfen. Man hat ein Instrumentarium im Kopf, das hilft, Struktur in die Selbstreflexionsprozesse zu bringen.
Was ist bei Ihrem dritten Unfall passiert?
Gutwasser: Das war der schlimmste. Es war im Oktober 1996. Planmäßig fahr ich in Schönewalde los, Richtung Baumschulenweg, da war damals ein Asylheim. Auf einmal tauchen zwei Kinder auf, vielleicht 60, 70 Meter vor dem Zug. Ich bin mit 80 angekommen, das war die Streckengeschwindigkeit. Ich hab dann natürlich alles sofort gemacht: Schneidbremse gegeben, auf das Typhon getreten, unser Signalinstrument, die Strecke kurzgeschlossen, sodass sie spannungslos war, und dann konnte ich nur noch warten, bis es - geknallt hat. Da war nichts zu machen. So eine S-Bahn damaliger Bauweise, die hatte mindestens einen Bremsweg von 400 Metern. Da schieben 300 Tonnen.
Was ist in da in Ihnen vorgegangen?
Gutwasser: Da fängt man an, die Schwellen zu zählen. Es ist ja nicht wie bei einem Selbstmörder, der plötzlich in den Weg springt, sondern... ich musste zugucken. Dem Großen gelang es noch, über die Stromschiene zu steigen, der Kleine war zu klein, den hab ich seitlich mit dem Wagenkasten erwischt. Anfangs lebte er noch. Was macht man? Handys gab es noch nicht. Sie sind Richtung Asylheim davongewackelt, ich konnte sie nicht aufhalten und habe per Funk Rettungskräfte angefordert. Später kam die Nachricht, sie haben den Kleinen gefunden. Er war dann in der anderen Welt. Der Große hat meines Wissens überlebt.
Ist ein Unfall etwas anderes als Selbstmord?
Gutwasser: Unfälle sind schlimm, weil ich mir bei jedem gesagt habe, die wollten es nicht. Bei Selbstmördern bin ich rigoroser, ich habe eigentlich eher Wut auf sie, als dass ich sie bedauere. Ich sage mir aus therapeutischer Sicht: Wenn ich in einer depressiven Phase bin, und die haben wir Menschen alle, dann sind wir nur eingeschränkt handlungs- und urteilsfähig. Das bedeutet aber nicht, dass wir es überhaupt nicht mehr sind. Genau genommen begeht er eine Straftat, wegen gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr. Für das Leiden habe ich vollstes Mitgefühl, aber ich bin hart in meinem Urteil: Wenn jemand meint, er muss es tun, dann soll er. Aber die Art und Weise, wie er es macht, ist nicht egal. Wenn ich mit meinem Freitod andere in Gefahr bringe, vor allem in seelische Gefahr, da hört mein Verständnis auf.
Wie viele tödliche Personenunfälle gibt es jedes Jahr?
Gutwasser: Zwischen 1000 und 1300 bei allen Bahnen zusammen, ohne Nahverkehr. Man sagt, dass es statistisch jeder Triebfahrzeugführer ein- bis dreimal erfahren kann. Es muss jeder damit rechnen, betroffen zu sein.
Wird man darauf in der Aus- oder Weiterbildung vorbereitet?
Gutwasser: Ich bin 2005 weg von der Bahn, und bis dahin überhaupt nicht. Es wurde vielleicht mal ein Wort fallen gelassen, dass es passieren könnte, aberes gab keine Selbsthilfestrategien oder Reflexion. Die Bahngesellschaften wurden dadurch sensibilisiert, dass sich unsere Selbsthilfegruppe gebildet hat. Sie verweisen jetzt auf uns.
Was kann die Selbsthilfegruppe leisten?
Gutwasser: Wir haben uns dafür eingesetzt, dass die Fahrer planmäßig abgelöst werden, egal ob jemand sagt, ich kann noch fahren. Eine psychologische Beratung wollen wir nicht ersetzen, sondern ein Austauschforum für Betroffene schaffen, rechtliche Dinge klären. Viele gehen von alleine doch nicht zum Psychologen.
Sie haben eine sehr rationale Weise gefunden, die Erfahrung zu verarbeiten. Wie reagieren andere Kollegen?
Gutwasser: Es gibt viele psychosomatische Geschichten, vom Dauerschluckauf über Sodbrennen, natürlich auch Selbstmordgedanken, Albträume, Flashbacks, manche Leute werden aggressiv und unausgeglichen, bekommen Depressionen. Das schlägt sich auf Partnerschaften nieder, teilweise folgt der Griff zur Flasche. Manche sind auch nicht mehr in der Lage, ihren Dienst zu machen und werden jetzt anderweitig innerhalb der Bahn eingesetzt. Und dann immer wieder diese Schulddiskussionen. Es brennt sich ein. Selbst wenn Leute ganz normal darüber sprechen können, es wird sie immer wieder emotional aufwühlen.
Wie gehen Sie mit der Schuldfrage als Therapeut um?
Gutwasser: Ich versuche erst einmal, Definitionen zu erarbeiten, was die Leute unter Schuld verstehen. Das ist bei jedem anders. Dann versuche ich das, was ich bei mir selbst anwende, auch im Gespräch mit den Leuten. Das klappt, aber nicht immer. Es gibt viele Möglichkeiten, so etwas zu verarbeiten, aber es ist nicht jedem gegeben. Wenn jemand einen Selbstmord begeht auf den Gleisen, wie Robert Enke, ist das unverantwortlich. Denn da drin sitzt ein Mensch, und der kann nichts dafür. Alle nehmen Anteil an Robert Enkes Schicksal, an den Lokführer wird nur punktuell gedacht.
Peter Gutwasser stand 20 Jahre lang im Dienst der Berliner S-Bahn und ist heute als freischaffender Therapeut tätig. Gemeinsam mit Ralf Pasewald hat er Ende der 1990er Jahre die Selbsthilfegruppe für Menschen gegründet, die Personenunfälle bei der Bahn miterlebt haben: Triebwagenfahrer, Bahnhofspersonal, aber auch Zivilpersonen.
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