Von Torsten Hilscher
Bei aller Heimeligkeit werden auch im Wettbewerb der Weihnachtsmärkte gern Superlative bemüht: Wer hat den größten, den ältesten, den buntesten? Dabei hängt der Erfolg bei kaum einer anderen Gelegenheit so sehr von Charme und Originalität ab.
Am Anfang steht ein Superlativ. Rostock. Auf 3,2 Kilometern bietet die Hansestadt Deutschlands längsten Weihnachtsmarkt (26. November bis 22. Dezember). Die 300 geschmückten Buden ziehen sich vom Neuen Markt am Rathaus über die Kröpeliner Straße bis hin zum Stadthafen an der Warnow, wo ein Rummel aufgebaut ist. Kein Wunder, dass der Weihnachtsmann mit einem alten Segelschiff anreist und assistiert vom Stadtoberhaupt per Glocke das Treiben einläutet. Im Gefolge hat der Rauschebart unter anderen die Märchentante.
Den sichtbaren Marktmittelpunkt markieren eine sieben Meter hohe Pyramide sowie je ein riesiger Weihnachtsbaum am historischen Kröpeliner Tor und am Haus der Schifffahrt. Riesenräder bilden einen reizvollen Kontrast zu nordischen Backsteinbauten wie der trutzigen St. Marienkirche. Zu futtern gibt es Rostocker Rauchwurst oder Warnemünder Räucherfisch und danach schwedisches Gebäck. Händler aus dem Baltikum bieten sogar Rentierfleisch feil. Oder der Besucher kommt zu einer der 60 Veranstaltungen, wozu ein Märchenspiel und der Umgang mit einer sächsischen Spezialität zählen: Rostocker Bäckerlehrlinge präsentieren zur Eröffnung des Marktes einen Riesenstollen von einem Meter Länge.
Über so viel Selbstbewusstsein müssen zumindest die Dresdner schmunzeln. Nach Verständnis der dortigen Bäckerinnung kann ein echter Stollen, wenn überhaupt, nur aus Dresden kommen. Wie der auszusehen und zu schmecken hat, wird beim 16. Stollenfest (5. Dezember) auf dem vorgeblich ältesten deutschen Weihnachtsmarkt präsentiert, der auch gleich so heißt - Striezelmarkt (26. November bis 24. Dezember). Jener beim Fest von Bäckern und vom diesjährigen Stollenmädchen Christine Herrmann ausgeteilte Striezel wiegt zwei Tonnen und soll 3,15 Meter lang, 1,58 Meter breit und 70 Zentimeter hoch werden. Der Striezelmarkt an sich wird seit 1434 veranstaltet, Stollen gab es dort erstmals um 1500. Als weiteres Original gilt der Pflaumentoffel, ein aus Dörrpflaumen gesteckter Schornsteinfeger.
Kindheitsträume aus Seiffen
Eingebettet ist der Markt in eine nicht minder originelle Umgebung: Den Kopf im Nacken und Glühwein im Rachen erblickt der Besucher Wohnbauten der 1950er Jahre, die im Zuckerbäckerstil passend den gastgebenden Altmarkt säumen. Frontal der Kulturpalast von 1969, dahinter die Frauenkirche. Im Rücken des Marktes Investorenarchitektur von heute, dahinter die - wieder - verbaute Kreuzkirche. Flankiert wird der 575. Striezelmarkt von den großen erzgebirgischen Weihnachtsfiguren Engel, Bergmann und Nussknacker, den Marktzugang überwölbt ein Schwibb-Bogen.
Die Heimat dieser liebevoll geschnitzten Gesellen treibt nicht nur Japanern und Amerikanern kindliches Staunen in die Augen - Seiffen. Das Dorf im Erzgebirge ist sozusagen die Hauptstadt allen echten Weihnachtsschmucks. Es ist ein Weihnachtsmarkt als Ganzes, es ist «Christmas-Wonderland». Kaum ein Haushalt, der zur Weihnachtszeit nicht mit der barocken Seiffener Rundkirche von 1779 konfrontiert wird. Nur leicht verdrängt vom großen baulichen Vorbild Dresdner Frauenkirche ist sie Motiv auf Holzpyramiden, Schwibbbögen, Geschenkpapier, CDs mit Weihnachtsliedern oder Weihnachtskalendern. Die Hauptstraße des Dorfes schlängelt sich entlang geduckter Schauwerkstätten und moderner Verkaufsräume der Handwerks-Genossenschaften, die auch Armeen von Räuchermännern offerieren. Selbst der örtliche Weihnachtsmarkt verläuft entlang der Straße (28. November bis 20. Dezember).
Vom Winterzauber im Südosten lohnt ein Blick in den Nordwesten. Ebenso wie in Rostock verstehen auch die vermeintlich kühlen Friesen der hohen Zeit gebührend Empfang zu bereiten, wie das Städtchen Jever zeigt. Eingebettet zwischen Wilhelmshaven und dem niedersächsischen Wattenmeer zaubert die Gemeinde alle Jahre wieder malerisch anmutende Fachwerkhäuser und verführerische Gerüche auf ihren Alten Markt (27. November bis 23. Dezember). Leuchtende Sterne überspannen die angrenzenden Gassen und ein beliebtes Pferdekarussell erinnern auf dem Markt an Omas Zeiten; Punsch und Reibekuchen verwöhnen die Gaumen. Wer mag, beißt in einen süßen Berliner.
Wärmflaschen im Markt-Look
Natürlich würden die Hauptstädter einen gefüllten Pfannkuchen nie als Berliner bezeichnen, aber Süßes auf Minimärkten haben auch sie parat. Stellvertretend für einen romantischen Basar im Lichterglanz sei der am Mexikoplatz im Bezirk Zehlendorf genannt. Der S-Bahnhof Mexikoplatz erinnert ebenso an eine Filmkulisse aus Kaisers Zeiten wie die während der vier Adventssonntage davor errichteten Bretterverschläge. Zwischen den Ständen mit künstlerisch gestalteten Waren bummeln vorwiegend Familien der West-Bezirke.
Auch die frühere Bundeshauptstadt schmückt sich. In Bonn sind auf dem Markt nicht nur die Dächer der Buden mit Lichterketten drapiert, auch umliegende Häuser haben sich Leuchtgirlanden verpasst und verschmelzen so mit dem Budendorf (außer Totensonntag vom 20. November bis 23. Dezember geöffnet). Genau 160 Buden laden zwischen Münsterplatz und Vivatsgasse ein. Vor allem für Kinder ist ein üppiger Rahmen geplant, der von Löffelschnitzen über Seidenmalerei bis zu Puppenspiel reicht. Ein Geheimtipp ist der Nikolausmarkt im benachbarten Bad Godesberg (23. November bis 23. Dezember).
Und natürlich Stuttgart. In der Kapitale des Ländles machen sich in der City 269 Buden breit (25. November bis 23. Dezember). Deren Frontlänge beträgt 1,5 Kilometer auf einer Strecke von 500 Metern, haben Heinzelmännchen ausgerechnet, die das Fest seit 1692 betreiben. Die Stuttgarter haben die perfekte Kulisse aus Altem und Neuem Schloss, aus Stiftskirche und Markt beleuchtet. Frostbeulen können sich mit extra gefertigten Wärmflaschen im Markt-Look eindecken. Was den Dresdnern der Striezel, ist den Schwaben ihr Hutzelbrot mit 75 Prozent Fruchtanteil. Für Kinder gibt es das Märchenland auf dem Schlossplatz. Dort dampft eine Mini-Eisenbahn mit echter Dampflok durch den künstlichen Winterwald.
nak/ham/news.de/ddp