Fr., 25.05.12

Hirnforschung 17.11.2009 Das Bauchgefühl im Kopf

Homer Simpson und Mr. Spock (Foto)
Menschen denken - grob eingeteilt - wie Homer Simpson (lustgetrieben) und Mr. Spock (rational). Bild: news.de/dpa (Montage)

Von news.de-Mitarbeiterin Anwen Roberts

Mr. Spock oder Homer Simpson? Hirnforschung und Wirtschaftswissenschaften bemühen sich um Erklärungen dafür, wie rational oder lustgetrieben wir handeln. Eine Studie zeigt nun, wie der Neurotransmitter Dopamin unsere Entscheidungen beeinflusst.

Täglich treffen wir Entscheidungen: Ob wir Tee oder Kaffee trinken, welchen Beruf wir wählen und in Bezug auf die Familienplanung. Dabei werden unsere Handlungen stark von unseren Erwartungen an den damit verbundenen Lustgewinn beeinflusst: denn für jede Entscheidung bedarf es einer Einschätzung darüber, wie gut (oder schlecht) sich die wahrscheinlichen Folgen der Handlung anfühlen werden.

Nun haben britische Forscher des University College London (UCL) den Einfluss des Neurotransmitters Dopamin auf diese Vorfreude näher untersucht – und waren überrascht, wie stark er schon im Vorfeld unsere Entscheidungsprozesse beeinflusst.

Dem chemischen Botenstoff wird schon länger eine große Bedeutung zugeschrieben, etwa was die Regulierung unseres Gefühlshaushalts vom Lustempfinden bis zur Depression angeht. Außerdem wirkt er besonders auf die Hirnregion, die als Belohnungszentrum bekannt ist. So ist der Dopaminhaushalt nicht nur für das Empfinden freudiger Erwartung relevant, sondern auch für Suchtverhalten. Ob Heroin oder Schokolade: Süchte sind letztlich auch eine Form von zukünftig erhofften positiven Gefühlen.

Wie das «Glückshormon» Entscheidungen und Erwartungen manipuliert, war bislang vor allem aus Tierversuchen bekannt. Menschen aber «treffen viel komplexere Entscheidungen als andere Tiere», schreibt die Studienleiterin Tali Sharot – und wählte daher für ihr menschliches Experiment einen sehr alltagsnahen Entscheidungsprozess: Wohin wollen wir am liebsten in Urlaub fahren?

61 Probanden wählten aus einer Reihe von Bildern die Urlaubsziele aus, die ihnen am besten gefielen, und sollten sich anschließend vorstellen, wie es wäre, dorthin zu fahren. Ein Teil der Teilnehmer erhielt dabei den Dopamin-Vorläufer Levodopa, um die Konzentration des Botenstoffs im Gehirn zu erhöhen.

Diese Gruppe zeigte positivere Gefühle in Bezug auf ihre guten Entscheidungen und war auch am nächsten Tag noch von ihrer Wahl überzeugt, als die Wirkung des Verstärkers längst nachgelassen hatte. Bei der Kontrollgruppe, die statt Levodopa ein Placebo erhielt, waren keine derartigen Entscheidungsverstärkungen zu beobachten.

Lesen Sie auf Seite 2, warum die Macht des Dopamins überrascht

Dass chemische Botenstoffe unsere Entscheidungen beeinflussen können, steht nicht erst seit dieser Studie fest. Doch die Macht des Dopamins hat selbst die Studienleiter überrascht. Vielleicht auch deswegen, weil es nicht zu unserem Selbstverständnis passt, weil Handeln nach dem Lustprinzip schon seit der Antike unter moralischem Generalverdacht steht. Entscheidungen «nur» nach Bauchgefühl, Lustgewinn, Hedonismus zu treffen klingt irrational und egoistisch – selbst wenn das Bauchgefühl im Kopf entsteht.

Insbesondere die Wirtschaftswissenschaften haben sich darum verdient gemacht, ein gegenläufiges Menschenbild zu entwerfen: den Homo oeconomicus, der vernunftbasierte Entscheidungen trifft, um den größtmöglichen Nutzen für sich selbst zu erreichen – auch eine Form von Egoismus. Dass dieses Menschenbild aber immer löchriger wird und an Erklärungsmacht eingebüßt hat, ist eines der größten Positionierungsprobleme der modernen Ökonomie.

Der erste, der die Lücken und Unschärfen in diesem allzu eleganten System modellierte, war der israelische Psychologe Daniel Kahneman. Für seine Arbeiten über Entscheidungsheuristiken erhielt er 2002 zusammen mit Vernon Smith den Ökonomie-Nobelpreis. Es sagt viel über die Wirtschaftswissenschaften aus, wenn Forscher für die Fehlersuche im eigenen System prämiert werden.

Doch Erkenntnisse der Psychologie und Hirnforschung helfen den ökonomischen Modellen auch, sich nach außen zu öffnen. Wie Dr. Stefan Bergheim vom Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt in Frankfurt am Main kürzlich in einem Vortrag formulierte, helfe es wenig, nur am «Mr. Spock-Menschenbild» festzuhalten. Bergheim beschäftigt sich vor allem mit der Verknüpfung der Makroökonomie mit anderen Disziplinen und der Integration verschiedener Erkenntnisse in die steifen Modelle wirtschaftlichen Handelns.

«Was bedeutet es für die Gesellschaft und für die Politik, wenn Menschen eben nicht nur sind wie Mr. Spock, sondern auch wie Homer Simpson», fragt der Wissenschaftler. Über Homer Simpsons Dopaminhaushalt lässt sich nur spekulieren, doch das Problem ist offensichtlich. Entscheidungen sind im individuellen wie im wirtschaftlichen Bereich meist weitaus komplexer – sie als reinen Hedonismus oder reinen Rationalismus beschreiben zu wollen, geht schnell am Punkt vorbei.

car/reu/news.de
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Antonietta
  • Kommentar 1
  • 25.11.2009 15:49
 

Forschung ohne Tierversuche: Allein in der Bundesrepublik Deutschland sterben jährlich noch immer mehrere Millionen Tiere im Namen der Wissenschaft. Dass man von den aus Tierversuchen gewonnenen Ergebnissen nicht auf die Wirkung beim Menschen schließen kann, ist inzwischen bekannt. Für Hamster ist leckere Petersilie tödlich, Meerschweinchen sterben an dem für uns lebensrettenden Penicillin, Schafe können Unmengen des Nervengifts Arsen vertilgen – wie will man da wissen, welches im Tierversuch gewonnene Ergebnis auf den Menschen übertragbar ist und welches nicht?

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