Von news.de-Mitarbeiter Peer Junker, Peking
Chinesische Schüler losen aus, wer von ihnen sich gegen die Schweinegrippe impfen lassen darf: Für 1,3 Milliarden Einwohner stehen knapp 50 Millionen Impfdosen zur Verfügung. Die Regierung gibt Durchhalteparolen aus und pflegt ihr Image.
In einer Grundschule der chinesischen Stadt Hailun wird eine Lotterie veranstaltet. Doch es ist keine normale Verlosung. In der kleinen Stadt in der nordöstlichen Provinz Heilongjiang an der Grenze zu Russland entscheidet das Glück, welches Schulkind sich gegen den H1N1-Virus impfen lassen darf.
«Da unsere Schule nur etwa fünf Impfeinheiten für 50 Kinder bekommen hat, entschied sich die Schulleitung für dieses Verfahren», erzählt die junge Büroangestellte Bo Lu, deren siebenjähriger Sohn zu den Gewinnern der Impfstofflotterie zählt. Fernab der großen Metropolen führt der Mangel an H1N1-Vakzinen zu solch makaberen Szenen wie in der Schule in Hailun.
Währenddessen berichten die chinesischen Medien von der rasanten Impfstoffproduktion und Massenimpfungen gegen das H1N1-Virus. Beinahe neun Millionen Chinesen sollen bisher geimpft worden sein. Etwa 39 Millionen weitere Dosen des Impfstoffes stehen derzeit zur Verfügung. Das H1N1-Virus ist auch in China weiter auf dem Vormarsch. Über 50.000 Menschen sind nach offiziellen Angaben des chinesischen Gesundheitsministeriums mit dem Virus infiziert. Wie viele Fälle es aber vor allem in ländlichen Regionen tatsächlich gibt, ist ungewiss. 31 Personen starben bisher an der so genannten Schweinegrippe. Experten des Gesundheitsministeriums warnten davor, dass die Zahl der Infizierten in den nächsten Wochen und Monaten drastisch steigen könnte.
Gleichzeitig versucht die Regierung den Eindruck zu erwecken, dass die Situation unter Kontrolle sei. China hat nach Regierungsangaben acht nationale Impfstoffhersteller, die bis zum ersten Quartal des nächsten Jahres insgesamt 100 Millionen Impfdosen produzieren wollen.
Behörden liegt vor allem die Außendarstellung am Herzen
Doch viele Chinesen haben bisher keine Möglichkeit, sich impfen zu lassen. Frau Bos Sohn in Hailun ist da eher eine Ausnahme. Dabei war sich seine Mutter gar nicht sicher, ob sie ihren Sohn wirklich impfen lassen sollte. «Die Regierung produziert so schnell so viel Wirkstoff, ich habe schon Zweifel ob das Impfmittel wirklich gut ist und hilft», sagt sie.
Mit ihren Befürchtungen steht die junge Mutter nicht allein. In der chinesischen Bevölkerung sind die H1N1-Impfungen nicht unumstritten. Laut einer Umfrage der Tageszeitung China Daily und des chinesischen Internetportals Sohu.com misstrauen 54 Prozent der 2000 Befragten der Qualität des chinesischen Impfstoffes. Vor allem sorgen sich Eltern um Nebenwirkungen des Medikaments bei ihren Kindern. Diesen Zweifeln versucht die chinesische Regierung entgegenzuwirken. Vor Kurzem rief Vize-Premierminister Li Keqiang die Gesundheitsbehörden dazu auf, die Produktion, die Lagerung und den Transport des Wirkstoffs genauestens zu überwachen.
Die Behörden sind vor allem auf die Außendarstellung im Kampf gegen die Schweinegrippe bedacht. Schon Anfang des Jahres hatte China mit teils drastischen Maßnahmen versucht, eine Verbreitung zu verhindern: Durch verstärkte Fieberkontrollen an Flughäfen und Quarantänemaßnahmen hatte man frühzeitig versucht, dem H1N1-Virus Herr zu werden. So wollte man wohl ein Szenario wie beim Ausbruch der Lungenkrankheit Sars vermeiden. Nach deren Ausbruch Anfang 2003 wurde China wegen des zögerlichen Umgangs mit der gefährlichen Krankheit international kritisiert. Damals starben weltweit Hunderte Menschen, ein Großteil von ihnen in China und in Hongkong.
Menschen zweiter Klasse in Sachen Impfstoff
In der Hauptstadt Peking gibt es immerhin deutlich mehr Impfstoff als auf dem Land. Seit letzter Woche dürfen alle Bewohner der Hauptstadt mit einem Wohnrecht zur kostenlosen H1N1-Impfung. Allerdings schließt diese Regelung die etwa fünf Millionen Wanderarbeiter aus, die ohne Wohnrecht in der Stadt leben und arbeiten. Die Diskussion über die Benachteiligung der Pekinger Wanderarbeiter im Zusammenhang mit den Impfungen kommentierte Ma Yanming, Sprecher des städtischen Gesundheitsbüros, lapidar: «Wir sind schließlich eine städtische Behörde. Wir können uns nicht um Menschen aus dem ganzen Land kümmern.»
Seine Äußerungen dürften viele Wanderarbeiter als Hohn empfinden, werden sie doch in fast allen Belangen benachteiligt. «Pekinger mit Wohnrecht werden bei der Bildung, bei Jobs und in vielen anderen Bereichen bevorzugt. Das dies nun auch bei den Impfungen passiert, gibt uns endgültig das Gefühl, Menschen zweiter Klasse zu sein», schreibt ein User im Forum des Internetportals tianya.cn.
Besonders auf dem Land und in Chinas Kleinstädten fehlt es an Informationen über das Virus und die Vorsorgemaßnahmen. Auch in Hailun. Die Hausfrau Yu Yang hat gehört, die Schweinegrippe komme aus Amerika.« Ich habe ein paar Informationen über Symptome der Grippe aus der Zeitung und dem Fernsehen, aber mehr weiß ich nicht. Niemand geht ins Krankenhaus, um sich auf den Virus testen zu lassen - selbst bei Fieber», meint sie. Viele Chinesen fürchten die Kosten einer möglichen Isolation im Krankenhaus, sollte es sich bei einer Erkrankung wirklich um die Schweinegrippe handeln.
Noch hoffen die Menschen in Hailun, dass mehr Grippeimpfstoff in die Stadt gelangt. Frau Bo hat gehört, dass es im Dezember Nachschub geben soll. Sie hofft, dass nicht wieder um das Grippemittel gelost werden muss.
iwi/news.de