Kreative sind abergläubischer
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Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Artikel vom 13.11.2009
Stephan Matthiesen geht heute auf Reisen. Richtig abergläubisch kann er nicht sein, sonst würde er das an einem Freitag den 13. nicht wagen. Aber den Physiker interessiert das Phänomen - er erklärt, welche drei Faktoren zu Aberglaube führen.
Herr Matthiesen, können Sie mir erklären, was Paraskavedakatriaphobie ist?
Matthiesen: Können Sie das Wort noch einmal wiederholen?
Paraskavedakatriaphobie.
Matthiesen: Also... Dekatria bedeutet 13. Es könnte die Angst vor Freitag, dem 13. sein.
Richtig!
Matthiesen: Aber es gibt inzwischen so viele Bezeichnungen für verschiedene Phobien, das darf man nicht so richtig ernst nehmen.
Haben die Menschen keine Angst vor Freitag, dem 13.?
Matthiesen: Wenige Leute haben eine reale Angst . Die meisten sind sich bewusst, dass es ein soziales Spiel ist.
Trotzdem gibt es keine Flugreihe 13, viele Hochhäuser lassen das 13. Stockwerk aus oder Hotels das Zimmer 13...
Matthiesen: Naja, alle sind auf Kunden angewiesen, und die meisten nehmen den einfachen Weg, um zu vermeiden, dass sich mal jemand beschwert. Aber nur ein verschwindend geringer Teil würde auf eine Reise verzichten, wenn er die Zahl 13 bekäme.
Im Jahr 2005 hat eine Umfrage des demoskopischen Instituts in Allensbach ergeben, dass der Aberglaube in den vergangenen 30 Jahren deutlich zugenommen hat. Wie erklären Sie sich das?
Matthiesen: Die Umfragen zeigen immer Werte zwischen 25 und 50 Prozent, das ist schon sehr viel. Aber ich glaube, der Anteil wird überschätzt, weil viele Leute die Umfragen nicht ernst nehmen und aus Spaß antworten oder sozial erwünscht. Vor 50 Jahren durfte man es in der Öffentlichkeit nicht zugeben, dass man abergläubisch war. Durch die Medienwelt, die sich verändert hat seit den 1980er Jahren, ist Aberglaube heute stärker sozial akzeptiert. Ich bin nicht überzeugt, dass da wirklich eine reale Veränderung des Glaubens dabei ist.
Gibt es Mechanismen, die Aberglaube auslösen?
Matthiesen: Ja. Die wichtige Message ist, dass es nicht irrational ist oder die Leute in irgendeiner Form verrückt sind, sondern dass ganz normale kognitive Mechanismen vorliegen.
Welche sind das?
Matthiesen: Das eine ist die allgemeine Muster- und Sinnsuche. Wir sind evolutionär darauf ausgerichtet, immer nach Mustern zu suchen. In der Natur passiert wenig rein zufällig. Wenn wir uns ein natürliches Leben als Jäger- und Sammlervolk vorstellen, dann sind in der Umwelt immer Muster, man weiß, wenn es an einer Stelle reiche Jagdbeute gibt, lohnt es sich, wiederzukommen. In unserem heutigem Leben passiert aber vieles zufällig, und wir versuchen immer noch, da Muster reinzulegen.
Der zweite Mechanismus sind erlernte Assoziationen. Warum Leute zum Beispiel Stofftiere mitnehmen in die Prüfung. Wenn man damit einmal Erfolg hatte, dann wird es damit assoziiert. Man glaubt nicht wirklich, das Stofftier helfe durch magische Kräfte, sondern es ist eher ein Gefühl der Vertrautheit, dass es leichter macht. So ähnlich ist es bei Sportlern, die immer dieselbe Unterhose tragen.
Und der dritte ist einfach die selektive Erinnerung und die Verfügbarkeit von Informationen. Wenn Ihnen an einem Freitag ,den 13. ein Unfall passiert, dann bleibt das in Erinnerung. Wenn nichts passiert ist, dann erinnern sie sich nicht mehr. Man merkt sich die Fälle, die auf den in der Gesellschaft vorhandenen Glauben passen. Man erzählt es dann weiter, es wird berichtet in den Medien, und dadurch verfestigt sich die Haltung weiter.
Gibt es Persönlichkeitstypen, die stärker zum Aberglauben neigen als andere?
Matthiesen: Interessanterweise scheinen Menschen, die zum Aberglauben neigen, kreativere Personen zu sein. Kreativität hat auch mit Mustersuche zu tun, bedeutet auch, Dinge in Verbindung zu setzen, die naturwissenschaftlich nicht in Verbindung stehen sollten. Zu Intelligenz oder Bildungsstand gibt es hingegen keine Korellation.
Kann Aberglaube krankhaft sein?
Matthiesen: Wirklich krankhafte Formen gibt es in der Schizophrenie, mit Verschwörungstheorien und Verfolgungswahn. Das hat mit veränderter Hirnchemie zu tun. Aber es können auch Schlafparalysen zugrunde liegen. Ich hatte selbst auch mal eine. Das ist ein besonderer Zustand beim Aufwachen, bei dem man sich völlig wach fühlt, aber noch keine Kontrolle über den Körper hat. Da kommt es oft zu Halluzinationen.
Was hat das mit Aberglaube zu tun?
Matthiesen: Viele empfinden es so, als ob Aliens einen festhalten, in meinem Fall war es eine Zimmerpflanze. Dieser Zustand kommt bei 40 Prozent der Bevölkerung gelegentlich vor. Aber wenn man es nicht physiologisch versteht, ist die persönliche Erfahrung ungewöhnlich, so etwas vergisst man nicht so schnell. Je nachdem, welchen persönlichen oder weltanschaulichen Hintergrund man hat, glauben manche Leute, sie sind von Aliens entführt worden, andere von Geistern oder jemand meinte, seine Schwiegermutter hätte ihn festgehalten. Das sind sehr intensive Erfahrungen, aber völlig natürlich. Wenn man sie naturwissenschaftlich nicht versteht, interpretiert man sie natürlich so, dass das, was man sieht, real ist. Das ist kein Zeichen von Geisteskrankheit.
Haben Sie was für Aberglauben übrig?
Matthiesen: Ich glaube nicht an Geister, Engel, Astrologie oder Ufos. Aber mir ist es wichtig, dass es ganz natürlich psychologische Prozesse sind. Man lernt viel über die Menschen und auch über sich selber. Ich weiß durch die Schlafparalyse, dass man dabei fast wie eine andere Person ist. Auch bei anderen Aberglaubensformen glaube ich, das ist alles sehr rational und für die Menschen in dieser Situation angemessen. Sich damit zu beschäftigen, kann auch zu einer gewissen Toleranz gegenüber verschiedenen Wahrnehmungsformen führen.
kat/news.de
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