Kopfnoten sind unmenschlich
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Artikel vom 12.11.2009
Vor fünf Monaten protestierte eine viertel Million Schüler und Studenten gegen die deutsche Bildungsmisere. Hochschulen wurden besetzt, Demos organisiert. Der Durchbruch im Bildungssystem gelang damit nicht. Jetzt soll erneut gestreikt werden.
Der Streik sei zwar stark ins öffentliche Bewusstsein gedrungen, doch die politischen Reaktionen zu gering ausgefallen. «Dass der Bachelor künftig nicht mehr in sechs, sondern in sieben Semestern erfolgen kann, ist ein Anfang, weil die Verdichtung des Lernstoffs aufgeweicht wird», resümiert Matthias Schug von den regionalen Streikorganisatoren in Bonn. Der Student für Politikwissenschaft und Geschichte verweist aber auch auf den Haken: «Das Ganze ist nicht ausfinanziert, jede Uni muss das Geld dafür selbst auftreiben. Umsetzen wird sich das Vorhaben deshalb kaum lassen.»
Dennoch stecken Schüler und Studenten den Kopf nicht in den Sand. Eine neue Streikwelle ist in Vorbereitung, mehr als 20 Hochschulen melden bereits die Besetzung von Gebäuden und Hörsälen. Zwar sollen die Streiks am 17. November ihren Höhepunkt finden, wenn rund 4000 Teilnehmer zur Großdemo mit Abschlusskundgebung vor dem Alten Rathaus erwartet werden. Doch die Regionalgruppen des Bildungsstreiks haben eigene Zeitpläne. In Kiel etwa sollen die Proteste am 18. November besonders zu spüren sein. Dort beginnen an diesem Tag die Landtagssitzungen. Und Leipzig wird die heiße Phase am 24. November treffen. Just zu jenem Termin kommen die Mitglieder der Hochschulrektorenkonferenz dort zur Mitgliederversammlung zusammen.
Die Polizei läuft mit
Unbehelligt werden die Studenten nicht bleiben. Schug rechnet damit, dass Schulleiter erneut Schultüren versperren, um Schüler an der Teilnahme zu hindern: «Die Polizei wird die Demonstration mit Kameras überwachen, und auch Zivilpolizisten, die sich unter die Schüler und Studenten mischen, werden nicht ausbleiben.»
Die Forderungen, unter anderem nach mehr studentischer Mitbestimmung an den Hochschulen, kostenfreier Bildung von der Kindertagesstätte bis zur Universität und gegen starre Lehrpläne, bleiben die alten. «Zudem wehren wir uns gegen Dinge wie den Hochschulrat in Nordrhein-Westfalen», betont Schug. Dessen Einführung habe die Studenten ihrer Partzipationsmöglichkeiten beraubt. Denn besetzt seien die Posten im Rat nur noch mit Vertretern aus der Wirtschaft und der Universitätsleitung.
Zudem wollen die Protestler das Turboabitur und die Kopfnoten abgeschafft sehen. «Den Charakter eines Schülers allein anhand seines Betragens zu bewerten, ist unmenschlich», sagt der Bonner Student.
Politisches Versteckspiel
Ulrich Thöne, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, kann nicht alle Forderungen mittragen. Dennoch sympathisiert die Gewerkschaft mit den Streikenden. Es sei Zeit, das politische Versteckspiel hinter Wahlversprechen zu beenden. Schug ist dankbar für die Schützenhilfe und auch für die Rückendeckung durch weitere Gewerkschaften und Jugendverbände.
Thöne hält die geforderte Kehrtwende in der Bildungspolitik für gerechtfertigt. Die Pläne der schwarz-gelben Koalitionsregierung würden die Misere noch verschärfen: «Die Privatisierungspläne und die Unsicherheit bei Kooperationen über Ländergrenzen sind keine guten Voraussetzungen.» Zudem sei es ein schlechter Versuch, wenn die Bundesregierung mehr Geld für die Bildung verspreche, die Finanzminister sich aber damit aus der Affäre zu ziehen suchten, dass die Ausgabenziele längst erreicht seien.
Notwendig sei zudem, die förderalen Bildungsstrukturen abzuschaffen. «Es wird immer von Bildungspartnerschaften gesprochen. Doch an entscheidender Stelle ist genau das verboten worden», kritisiert der GEW-Chef und meint damit die im Grundgesetz festgeschriebene Regel, das Bund und Länder nicht miteinander arbeiten dürften. «Für das Bildungssystem ist das widersinnig.»
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) forderte unterdessen die Länder auf, die bereits besprochenen Korrekturen umzusetzen. Im Gespräch mit dem SWR betonte sie unter anderem, dass die Entschlackung der Studiengänge und die nachmittägliche Unterstützung von schwachen Schülern an Bildungseinrichtungen dringend notwendig seien. Die Umstellung auf den Ganztagsschulbetrieb dürfe keine Fassade bleiben.
iwi/news.de
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
Deutschlang steht ein zweiter Bildungsstreik bevor. Schüler und Studenten wollen erneut gegen die Misere im Bildungssystem mehr ...
Die Lehramtsausbildung in Deutschland ist an einem kritischen Punkt gelandet. Weil es nicht genügend Lehrer mehr ...
Bundesweit gingen Schüler, Studenten und Gewerkschaftsvertreter auf die Straße, um für bessere Bildung zu demonstrieren. Ihr mehr ...
In mehr als 90 Städten finden die bundesweiten Schüler- und Studentenproteste heute ihren Höhepunkt. Mit Demonstrationen mehr ...
Wer in der Bildungsgesellschaft heute still hält, der hat schon verloren. Doch diesen Hut wollen sich zahlreiche mehr ...
Bundesweit wird derzeit für eine bessere Bildung gestreikt. Mit dabei sind Leipziger Studenten. News.de sprach mit Dorothee mehr ...
Deutschland sieht sich einer Streikwelle gegenüber. Das liegt nicht nur an den Erziehern, die für eine Verbesserung mehr ...
Einen Tag nach dem Gespräch im Bundesbildungsministerium war die Bologna-Reform erneut Thema. Diesmal bei Hochschul- mehr ...
Das Thema Bologna wirkt bei Studenten und Professoren wie eine Kieferentzündung, noch dazu wie eine, mehr ...
Rund 250.000 Menschen streiken in mehr als 90 Städten für bessere Bildung. News.de sprach mit mehr ...
Die Regierung lässt sich in Sachen Bildung leider von den Lobbyisten der Bertelsmannstiftung beraten. Diese Stiftung ist ein Neoliberaler think-tank, der am liebsten alles privatisieren möchte (lat. Privare: Beraubung) auch die Universitäten! Dies macht Bertelsmann unter anderem über den Umweg des CHE (Centrum für Hochschulentwicklung). Die Schäden dieses neoliberalen think-tanks werden unter anderem hier dokumentiert: www.bertelsmannkritik.de oder: www.anti-bertelsmann.de Diese sog. Stiftung sollte nicht gemeinnützig sein, denn sie ist unsere Bildung gefährlich!
jetzt antwortenKommentar melden