Von den news.de-Redakteurinnen I. Weißbach und I. Wiedemeier
Spechtsbrunn lag am 9. November 1989 im Zonengrenzgebiet der Deutschen Demokratischen Republik, Soest fast auf dem selben Breitengrad, aber mitten in Westdeutschland. Wie zwei Familien aus Ost und West den Mauerfall erlebten - vorm Fernseher.
Aus mitgebrachten Kofferradios tönen die Nachrichten. Es sind die ersten Informationen, die Ralf Weißbach am Morgen bekommt. Denn in Spechtsbrunn, einer 600-Seelen-Gemeinde im Sperrgebiet an der Grenze zum Westen, liegt die Zeitung Freies Wort noch nicht im Biefkasten, wenn er um 6 Uhr das Haus verlässt.
Im Volkseigenen Betrieb diskutiert der 48-Jährige mit seinen Kollegen: «Habt ihr gestern gesehen, wie viele in Ungarn wieder über die Grenze nach Österreich sind?» - «Was sagt ihr zum Entwurf des neuen Reisegesetzes?» - «Habt ihr gehört, gestern soll auch im Kreis Sonneberg eine Demo nach dem Friedensgebet stattgefunden haben?»
Der 9. November 1989 ist kein Tag wie jeder andere im Leben von Ralf und Regina Weißbach. «Selbst die Genossen Parteisekretär, Betriebsteilleiter und AGL-Vorsitzender, ein Gewerkschaftsvertreter mit Parteimitgliedsbuch, diskutierten mit. Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass wir erst offener sprachen, als diese drei nicht mehr dabei waren», erinnert sich der Ingenieur.
Nach mehr als acht Stunden Arbeit kommen die beiden wie jeden Tag um 17 Uhr nach Hause, und das Leben im Sperrgebiet geht zunächst seinen «sozialistischen Gang». Unangemeldeter Besuch ist nicht möglich. Vier bis sechs Wochen vorher muss ein Passierschein beantragt werden. Vielleicht haben die Weißbachs an diesem Abend noch am Haus gewerkelt oder den Garten winterfest gemacht. Oder es war ein typischer «Mus-Tag», so ein Witz im Osten: «Zum Frühstück Pflaumenmus, den ganzen Tag Sozialismus und abends Orgasmus.»
Die Mauer fällt auch 330 Kilometer weiter westlich
Nur einen Breitengrad gen Süden, aber 330 Kilometer und eine deutsch-deutsche Grenze weiter westlich, hantiert Gaby Wiedemeier an diesem Donnerstagabend in der Küche, auf dem Fußboden spielt das Baby. Die Soester Gymnasiallehrerin hat sich nach dem dritten Kind eine berufliche Auszeit genommen. Plötzlich ertönt ein Schrei von oben, aus dem Arbeitszimmer, wo Nando Wiedemeier mit einer Kollegin die heute-Nachrichten schaut: «Gaby, komm schnell, die Mauer ist auf!»
«Ich sauste nach oben, Leonie unter den Arm geklemmt - sie konnte sich noch nicht sicher genug die Treppe hoch bewegen. Wir hockten vor dem Fernseher, bis tief in die Nacht. Gelegentlich schauten die großen Mädchen ins Arbeitszimmer und setzten sich dazu», erinnert sich Gaby Wiedemeier. Ins Bett muss an diesem Abend niemand.
«Immer wieder erschien Günther Schabowski, immer wieder der Satz: ‹Das tritt nach meiner Kenntnis. . . ist das sofort, unverzüglich.› Fernsehbilder faszinierten uns von der Brücke an der Bornholmer Straße. Die hatten wir als Grenzübergang mit seinen Schikanen durch die Grenzer zur Genüge kennengelernt, wenn wir mit dem Auto zu unseren Freunden Renee und Peter nach Ost-Berlin, Hauptstadt der DDR, einreisten.» Für den Hauptschullehrer Nando Wiedemeier werden an diesem Abend seine Gedanken zum geteilten Deutschland lebendig. Bei einer gemeinsamen Reise durch Ungarn hatte Peter sie vor Jahren gebeten: «Holt mich hier raus!»
Heute sind die Erinnerungen an diesen Abend für Gaby und Nando Wiedemeier untrennbar verwoben mit ihren DDR-Erlebnissen, den Reisen mit den Ost-Berliner Freunden in den 1980ern. Noch im Sommer 1989 hatten sie «Oma Lehmann» in Oberhäslich bei Dresden besucht, bei der sie Jahre zuvor durch die Vermittlung einer Konsum-Angestellten eine Unterkunft gefunden hatten. Sie waren durch den Spreewald geschippert und hatten Großräschen-Süd besucht - eine zum Abriss freigegebene Siedlung im Braunkohlentagebaugebiet, die heute als Badesee geflutet wird.
Noch im September 1989 hatte Lehrer Wiedemeier für das Schulprojekt «Reisen nach Berlin» eine symbolische Mauer aus Ytong-Steinen nachgebaut, schwarze Kreuze zeigten die Namen der Mauertoten, um seine Schüler für die deutsche Teilung zu sensibilisieren. Etwas Ungeheures ist nun geschehen.
Die Betonköpfe im Politbüro
«Schabowski ist mir schon an den Tagen zuvor ein wenig sympathischer geworden. Er war der Jüngste in der alternden Männerriege des Politbüros, nicht so ein Betonkopf wie die anderen», reflektiert Ralf Weißbach den historischen Moment. Schabowski habe als Einziger aus der Parteiführung den Mut gehabt, sich auf der Großdemo am 4. November in Berlin den Massen zu stellen, auch wenn er ausgepfiffen wurde. Und er nicht mehr vom antifaschistischen Schutzwall gesprochen, sondern schlicht und einfach von der Mauer. Genau die sollte er in dieser Nacht einreißen.
Es wird eine lange, emotionale Nacht. «Wir zappten durch die West- und Ostkanäle und sahen in Berlin glückliche, lachende und weinende Menschen.» Auch den Spechtsbrunnern stehen die Tränen in den Augen - vor Freude. Ralf Weißbach weiß nicht mehr, ob er in dieser Nacht überhaupt geschlafen hat.
330 Kilometer weiter westlich starren die Wiedemeiers mit glänzenden Augen auf die Flimmerkiste, diskutieren: «Sollen wir nach Berlin aufbrechen, jetzt gleich, vielleicht morgen, nach der Schule? Diesen historischen Augenblick dürfen wir nicht verpassen!» Anfang Oktober erst war Oma Lehmann in Soest zu Besuch, im Fernsehen liefen da die Feiern zum 40. Jahrestag der DDR - und die Bilder von Zügen mit Ausreisenden, die durch den Dresdner Bahnhof fuhren. «‹So, wie du deine DDR erlebt hast, wirst du sie nach deiner Rückkehr nicht mehr wiederfinden›, hatten wir zu ihr gesagt», erinnert sich Gaby Wiedemeier. Und jetzt das. Die spontane Reise nach Berlin muss bis zum nächsten Wochenende warten. «Wo hätten wir mit drei Kindern von ein bis zehn Jahren und drei Erwachsenen so schnell in Berlin unterkommen können?»
Am Morgen danach diskutiert Ralf Weißbach wieder in seinem Volkseigenen Betrieb. Neben der unverhohlenen Freude über das nächtliche Wunder wird spekuliert, wann zwischen Spechtsbrunn und dem fränkischen Tettau die Grenze verschwindet. In der Provinz warten die Menschen 15 Tage länger als in der Hauptstadt. Und am Abend liest Ralf Weißbach im Freien Wort «10. Tagung des ZK der SED berief 4. Parteikonferenz für 15.-17. Dezember ein». Doch das kann seine Freude nicht mehr trüben.
car/news.de