Von news.de-Mitarbeiter Oliver Neumann
Normale Arbeitsplätze, normale Proben, in ein paar Wochen geht’s auf die Bühne. Spielen Menschen mit Down-Syndrom Theater, wird gerne der «Behindertenbonus» gewährt. Doch der Besuch bei der Probe zeigt: am Theater Rambazamba hat niemand Boni nötig.
Hinter der weinroten Tür mit dem angehefteten Zettel «Bitte nicht stören, Probe!» liegt Mario Gaulke auf dem Boden. Er windet sich, strampelt mit den Füßen, verzieht vor Anstrengung das Gesicht und schiebt seinen Körper Stück für Stück zur anderen Seite des großen Raumes. Mario ist gefangen in einer Blase aus Kaugummi – es ist ein Spiel, eine Anweisung von Choreografie-Trainer Tomi Paasonen. Der Finne übt täglich mehrere Stunden mit den 15 Ensemble-Mitgliedern.
Nachdem dem Kaugummi soll eine riesige virtuelle Kugel durch den Proberaum geschoben werden. Joachim Neumann, ein stämmiger Mann mit kurz geschorenem Haar, geht in die Hocke, winkelt die kräftigen Arme unter dem ärmellosen T-Shirt an, will die Kugel wie ein Gewichtheber aufnehmen. Die Muskeln spannen sich, die Mimik lässt hoffen, er hebt sich keinen Bruch.
Die Kollegin Grit Burmeister bleibt am Boden sitzen, überlegt kurz und faucht dann wie eine Raubkatze, während sie über den Holzfußboden gleitet. «Manche haben schwere Schäden, die verstehen die Anweisungen nicht richtig. Was Grit macht, ist aber immer besonders», sagt Gisela Höhne, die Ensembleleiterin, die neben Tomi Paasonen das Training beobachtet.
Das zweite Ensemble des Theaters Rambazamba nutzt für die letzten Proben vor einem Auftritt den Platz auf der Hauptbühne in der Kulturbrauerei in Berlin Prenzlauer Berg. Im alten Industriebbau aus rotem Backstein in Wilmersdorf ist die Gruppe im Dachgeschoss in einem extra Proberaum untergebracht, innen ist alles renoviert, mit im Haus befinden sich die Werkstätten des Kooperationspartners Via.
Kein Behindertenbonus
Pressesprecher Golo Klaus zieht im Hof der Werkstätten noch einmal an seiner Zigarette. Er trägt einen beigen Trenchcoat, drunter ein Hemd mit Krawatte. «Das haut dich aus den Latschen», sagt er über das Theater Rambazamba. Seit dreieinhalb Jahren macht Kohl die Pressearbeit, nennt sein erstes Theater-Erlebnis mit Rambazamba eine «positive Eruption». Bei Menschen mit Behinderung würden die Leute oft einen «Behindertenbonus» geben. Bei Rambazamba und «einigen anderen guten integrativen Theatern in Deutschland» sei das unnötig. Bis es aber echte Anerkennung für behinderte Künstler gebe, sei es noch ein weiter Weg. Durch die Kooperation mit den Via-Werkstätten seien wenigstens die 30 Schauspieler von Rambazamba seit eineinhalb Jahren alle in einem festen Vertrag, müssten nicht vormittags hauptberuflich «irgendwo die Treppen kehren», formuliert der Pressesprecher.
Gisela Höhne und ihre Schützlinge sind derweil in der Mittagspause. In der kleinen Küche herrscht beständiges Kommen und Gehen. Mit am Tisch sitzen Jennifer Lau und Juliana Götze. Beide gehören zu den Schauspielern, die bereits außerhalb des Theaters bei Film und Fernsehen ein Engagement hatten. Dass beide das Down-Syndrom haben, erkennt man nur auf den zweiten Blick. Zuerst sitzen dort zwei jungen Damen: In Jeans, Stickpullunder und mit Pferdeschwanz die eine, im Rock und mit Brille die andere. Nächstes Jahr, wenn das Theater seinen 20. Geburtstag feiert, werden sie auch dabei sein, werden zurückblicken können auf Gastspiele in fast allen europäischen Hauptstädten und jährlich zwei Inszenierungen.
War Gisela Höhne vor dem Essen mit der Video Auswertung der Vormittagsprobe beschäftigt, nach dem Mittag muss sie schnell Mitarbeitergespräche führen. Später wird die 60-Jährige sagen, dass sie schließlich das Ensemble einmal «ordentlich übergeben» wolle. Deshalb wird ein Übungsbuch mit Choreographien angelegt. «Darum kümmere ich mich nicht erst mit 64.» Gisela Höhne hat lange Theatererfahrung. 1990 gründete sie mit dem Regisseur Klaus Erforth den Verein Sonnenuhr in Berlin als«Kunstwerkstatt für geistig Behinderte und Andere». Nach einem Überraschungserfolg am Deutschen Theater mit dem Stück Prinz Weichherz 1991 wurden zwei Ensembles ins Leben gerufen. Startschuss für «Deutschlands wichtigstes integratives Theater», so die Selbstbezeichnung, wie sie auf der Homepage nachzulesen steht.
Als die Probe weitergeht, muss Gisela Höhne lachen. Schauspieler René Schappach interpretiert ihre Anweisungen sehr individuell. Statt wie eine Feder kreuz und quer durch den Raum zu schweben, isst er die Feder pantomimisch auf und nimmt den kürzeren, direkten Weg auf die andere Seite als Vogel. «Der René bewegt sich nicht gerne», sagt Gisela Höhne.
Die eine und andere Übung macht die Chefin dann noch selbst mit, schwingt das Bein zur Decke wie ein Kampfsportler und springt durch den Raum. Die einzelnen Übungen der Schauspieler, die sie die meiste Zeit vom Rand aus beobachtet, kommentiert Höhne mit einem wohlwollenden: «Mhh, gut». Das körperliche Training des Ensembles ist ihr wichtig. «Die spielen dann ohne Hemmungen, wollen dabei auch nicht schön sein. Es ist fast grenzenlos, die gehen in die Rolle richtig rein.» Obwohl Choreografie nur ein Teil neben Stimmtraining und Gesang ist, bekommt man eine Ahnung, wie intensiv ein Abend bei einer Theateraufführung werden kann.
Trainer Tomi Paasonen schont die Schauspieler mit Handicap nicht. Das seien keine speziellen Übungen, «das würde ich auch bei anderen so machen», sagt der Finne und fügt an, «hier soll es aber noch viel mehr Spaß machen.»
Den haben die 15 Schauspieler auch, und als nach rund zwei Stunden Mario Gaulke auf seine silberne Taschenuhr blickt und bemerkt, die Übung sei «schon zu Ende», da schaut auch Rene Schappach erschöpft aus in seinem roten T-Shirt.
Ihn plagen schon die nächsten, normalen Sorgen: «Ich gehe heute allein heim, muss aber noch bis zur Tram-Bahn laufen», sagt er geschafft in der Umkleide. Das stört ihn schon.
iwe/news.de