Der Froschkönig überwindet Sprachbarrieren
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Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Artikel vom 06.11.2009
Märchen sind wundersame Begebenheiten, Welten, in denen Tiere sprechen können und Zauber Probleme lösen. Kindern werden sie vorgelesen, um moralische Werte zu vermitteln. Doch mit Märchen lässt sich auch mehr für die Bildung tun.
«Märchen sind die Grundschule literarischer Bildung», sagt Kristin Wardetzky, die bis 2007 Professorin für Theaterbildung an der Universität der Künste in Berlin war. Kinder, die mit Märchen in Berührung kämen, «und zwar nicht mit der Disney-Variante», entwickelten ein Gefühl für Poesie, für eine nicht alltägliche Sprache. Zugleich würden sie erfahren, wie Worte plastisch werden und welche starken Bilder sie formen könnten.
Für Claudia Pecher, Geschäftsführerin der Märchenstiftung Walter Kahn, gehören Märchen in Kindergarten und Grundschule. «Sie führen spielerisch an Textverständnis heran, sind aber auch für die Schreib- und Sprachförderung ganz elementar.» Für die Dozentin, die am Lehrstuhl für die Didaktik der deutschen Sprache und Literatur in Regensburg und Augsburg lehrt, sind es vorrangig die Grimmschen Märchen, die nach wie vor gefragt sind. «Es gibt eine feste Form und auch kleine Kinder durchschauen schnell, wer einen guten oder einen bösen Charakter hat.»
Zudem merken sich Kinder die einfache, sich häufig wiederholdene Märchenstruktur. Sie seien deshalb eher geneigt, den Helden zu folgen und nicht zu kapitulieren, auch wenn es um Leben und Tod geht. Am Ende lohnt es sich, weil alles ein glückliches Ende nehme.
Werden Märchen erzählt, vor- und selbst gelesen, ist das auch eine Heranführung an längere Texte. Anhand von Märchenmerkmalen und Reizwörtern lernen Kinder, selbst kleine Texte schreiben, aber vor allem Sprache zu verwenden.
Höchste Konzentration bei hyperaktiven Kindern
Wie erfolgreich das sein kann, hat Kristin Wardetzky mit dem Projekt «Sprachlos» bewiesen. Das Projekt ist an der Anna-Lindh-Schule im Berliner Stadteil Wedding gestartet worden. Gut 90 Prozent der Kinder, die dort unterrichtet werden, haben einen Migrationshintergrund. Entsprechend schlecht waren die Deutschkenntnisse und die Verständigung.
Zwei Jahre lief das Projekt, bei dem drei Erzählerinnen zweimal in der Woche die Erst- und Zweitklässler besuchten. «Dabei hat sich gezeigt, dass selbst hyperaktive und Kinder mit motorischen Störung regelrecht dahingeschmolzen sind», berichtet Wardetzky. «Viele haben dabei eine Konzentration und Aufmerksamkeit gezeigt, die ihnen die Lehrer sonst absprechen.»
Aber auch die Migrantenkinder, die häufig Schwierigkeiten haben, Sätze ohne Hilfskonstrukturionen mit dem Wort «haben» zu bilden, machten deutliche Fortschritte. Die deutsche Sprache und Orthografie haben die Kinder vorrangig durch Zuhören gelernt - ganz ohne Leistungsdruck und Menschen, die jeden kleinen Sprachfehler korrigieren.
Den Erfolg führt die Professorin im Ruhestand vor allem auf regelmäßige Besuche und die Professionalität der Erzählerinnen zurück. Auch der Direktor der Schule habe damals bestätigt, er kenne keine Methode, die so erfolgreich Sprache vermittelt. «Die Kinder sprechen viele Wendungen mit, auch wenn sie deren Bedeutung nicht kennen. Sie erzählen nach, was ihnen im Gedächtnis geblieben ist und fangen nach einigen Wochen an, selbst kleine Geschichten zu erzählen», berichtet die Theaterpädagogin.
Wörter kopieren, hilft Deutsch sprechen lernen
Worte, die nicht verstanden werden, versuchen die Kinder aus dem gehörten Kontext zu übersetzen. Das sei eine natürliche Reaktion. So erlerne jedes Kind seine Muttersprache. «Niemand erklärt uns im Kindesalter, was eine Kammer oder eine Blume ist. Das erfahren wir aus der Sprachnutzung unserer Vorbilder und deren Verhalten», erklärt die Pädagogin. «Kopieren und nachahmen, so funktioniert der Hauptteil unseres Lernens.»
Dass die Einwandererkinder ihre deutschen Sprachkenntnisse deutlich verbessert hätten, liege aber auch daran, dass sie mit dem Erzählen lernen, sich Bilder vorzustellen. «Mir war anfangs nicht klar, wie begrenzt die Vorstellungskraft dieser Kinder ist», räumt Wardetzky ein.
Geschichten kannten viele nur aus dem Fernsehen. Die Märchen aus dem eigenen Kulturkreis seien ihnen oft fremd, weil die Eltern sie nicht erzählten. Deshalb setzten die Erzähler bei ihren Besuch besonders auf diese Geschichten.
Im vergangenen Jahr hat der Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung «Sprachlos» übernommen. Der Stamm der Erzähler ist inzwischen gewachsen, darunter auch einige mit fremder Mutterspruche. Wardetzky glaubt an die Vorbildfunktion: «Den Kindern zeigt es, dass es nicht schwer ist, die eigene Muttersprache und Deutsch zu beherrschen.»
Sieben Grundschulen, drei Kindergärten und zwei weiterführende Schulen profitieren inzwischen von dem Programm. Zahlreiche andere Schulen haben sich um die Erzähler beworben. Das Projekt auszuweiten, scheitert derzeit allerdings an den begrenzten finanziellen Mitteln.
Doch nicht nur in der Bildung sind Märchen äußert nützlich. Seit vielen Jahren finden Märchen als therapeutische Methode Anwendung in der Psychoanalyse. Selbst in der Betriebeswirtschaft werden sie genutzt, um typische Handlungsstrukturen zu verdeutlichen. Aber auch die Theologie greift vielfältig auf die Geschichten zurück, deren Ursprünge aufgrund langer mündlicher Überlieferung kaum noch zu ergründen sind.
kat/news.de
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