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Märchen «Hänsel und Gretel» (Foto)
Foto: Wikipedia
06.11.2009

Hänsel und Gretel: Ein märchenhaftes Geschwisterpaar, dass vom Regen in die Traufe kommt. Erst werden die beiden von der Stiefmutter im Wald ausgesetzt, dann geraten sie in die Fänge einer bösen Hexe - alles nur wegen einer Hungersnot. Das Märchen ist fester Bestandteil der Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm.

Märchen bilden

«Die Kassette hat keinen Schoß»

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann

Seine Stimme klingt ein wenig rau, was wohl nicht zuletzt seiner Beschäftigung zuzuschreiben ist. Jürgen Janning ist Märchenerzähler – und das seit über 30 Jahren. Doch er erzählt nicht nur vor Kindern. Auch Erwachsene lauschen ihm.

Lester Maul (Was ist das?)

E-Book, Hörbücher und Internet...Eines wird sie alle überleben: das Märchen. Und wenn es nicht abgewickelt ist, dann erzählt man es auch morgen.

Dabei kommt er ganz ohne Bücher aus. Zumindest in den Märchenstunden. «Ich kann natürlich nicht alles aus dem Stand vortragen», lacht er. Manches, was länger nicht Eingang in seine Erzählstunden fand, muss er wieder aufarbeiten.

Doch er tut es gern und mit Begeisterung. Schnell verfällt, wer ihm zuhört, in seinen Bann. Das Geheimnis seiner Kunst: «Man erzählt am besten so, wie die Märchen geschrieben sind. Besser geht es kaum. Der Moment muss so wirken, als ob ich die Geschichte gerade erfinden würde, so, dass alles gerade im Augenblick lebendig wird.»

Auf große Gesten verzichtet er: «Märchen erzählen heißt, mit der Stimmte gestalten. Nicht eintönig herunterleiern, sondern mit Leib und Seele dabei sein.» Nur dann könne man sein Publikum wirklich packen.

Der 69-Jährige, inzwischen Ruheständler, war viele Jahre als Lektor an der Universität Münster tätig. Am Institut für Deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik hat er als Sprecherzieher für Lehramtsstudenten gewirkt. Dort begann auch sein Weg als Märchenerzähler. «Ein Teilbereich der Sprecherziehung beschäftigt sich mit interpretierendem Sprechen von Texten. Da liegt es nah, mit Texten zu arbeiten, die aus der mündlichen Überlieferung kommen. Den Volksmärchen», erzählt Janning.

Freilich habe er schon in Kinder- und Jugendtagen Märchen gelesen. Doch eine Schlüsselerfahrung seien Begegnungen mit der Märchenerzählerin Vilma Mönckeberg-Kollmar gewesen. Da habe er erlebt, wie es sich anfühle, wenn ein Profi Märchen erzählt.

Märchen sind keine Kindergeschichten

Die märchendidaktischen Seminare einer Kollegin hätten ihn schließlich auf die Idee gebracht, dass Lehramtsstudenten nicht nur etwas über Märchen wissen müssten, um sie Kindern zu vermitteln. «Die eigentliche Vermittlung besteht doch darin, Märchen zu erzählen.» So entwickelte sich auch sein Repertoire. Das reicht von Kettenmärchen über die Grimmsche Sammlung bis hin zu Geschichten anderer Kulturkreise. Die liebsten aber sind ihm die Grimmschen Erzählungen – von Jorinde und Joringel, vom Sterntaler und auch weniger bekannte Stücke wie Frau Trude und Das Waldhaus.

Doch Märchen sind für Janning keine Geschichten, mit denen Kindern unterhalten werden. «Es gibt Generationen, bei denen Märchen verpönt waren. Die sind ganz erbost darüber, dass ihren Kindern solche grausigen Dinge erzählt werden», hat der Erzähler erfahren. Da klärt er dann auf: «Märchen sind per Definition keine Kindergeschichten, sondern eigentlich Erwachsenengut.» In der Frühzeit hätten sich Menschen Märchen erzählt, um die Fragen ihres Lebens zu klären. «Grundlegende Dinge wie, woher man kommt, wo man lebt und wie die eigene Lebensreise verläuft.»

Allgegenwärtig sei heute dagegen die Vorstellung, dass Märchen ein gutes Ende nähmen, zu dem der Königssohn heiratet oder die verzauberte Prinzessin erlöst werde. Doch Janning weiß: «Die meisten machen sich nicht klar, dass so ziemlich jedes Märchen mit einer Unheilssituation beginnt.» Hänsel und Gretel sei dafür das beste Beispiel. Es gehe um eine Hungersnot, in der die Menschen ihre Kinder aussetzen würden, um selbst zu überleben. Hätten die Geschwister den Weg zurück nach Hause gefunden, wären sie wohl gestorben. So aber geraten sie aus einer Notsituation in eine Überfülle, die sich aber nicht als Glück erweist, sondern in der Gefahr lauere. Und erst mit der grausigen Vernichtung der Hexe, also des Bösen, gebe es eine Erlösung.

Kinder deshalb aber nicht mit dem Märchen zu konfrontieren, sei der falsche Weg. «Kinder wachsen an solchen Situationen, auch an der Auseinandersetzung mit vermittelten Todeserfahrungen», betont der Märchenerzähler.

Der Kick für die Fantasie

Doch Jürgen Janning ist nicht nur einfach Märchenerzähler. Vielen Schulkindern ist er willkommene Abwechslung und jemand, der ihre Fantasie kitzelt. «Viele kennen Märchen aus dem Fernsehen oder von der Kassette. Wenn ich aber erzähle, ist das eine ganze neue Erfahrung. Hier müssen sie ihr inneres Auge nutzen.» Wem zu Hause vorgelesen oder erzählt werde, für den sei das kein Problem. Janning aber weiß: «Manche Kinder haben gar nicht zuhören gelernt.»

Dann greift der 69-Jährige zu den kleinen Geschichte, denen, die in drei, vier Minuten erzählt sind. Und er nimmt die Kinder mit. Fragt sie, was ihnen vom Erzählten im Kopf geblieben ist, welche Bilder sie gesehen, was sie empfunden haben. Der Märchenerzähler verwickelt seine Zuhörer in Gespräche, reizt ihre Neugier. Die merken schnell: Das ist ganz anders als im Fernsehen. Viel schöner. «Das freut mich dann besonders», räumt Janning ein. Dann hat er sein Credo erfüllt. Einen Satz, den ein Kind einst darüber gesagt haben soll, warum es ein Märchen, von Vater oder Mutter erzählt oder auch vorgelesen, toller finde als die Erzählung vom Band: «Weil die Kassette keinen Schoß hat.»

Und auch wenn mancher gern erzählt, Märchenerzähler wird nicht jeder. «Jeder gute Vertreter des Handwerks muss sich viel Hintergrundwissen aneignen. Nicht wegen der Kinder, sondern wegen der vielen Fragen der Erwachsenen», begründet der Ruheständler. Um auch Antworten darauf zu haben, warum jemand Geschichten erzähle, die – von außen betrachtet – eigentlich unsinnig sind. Geschichten, in denen Tiere sprechen, oder solche, in denen jemand in Stein verwandelt wird und nur durch einen Zauber wieder lebendig wird.

Denen, die das können wollen, bietet die Europäische Märchengesellschaft über das Jahr verteilt rund 40 Wochenendseminare, in denen Märchenerzähler ausgebildet werden. «Da geht es aber weniger um die Gestik», erklärt Janning, «sondern um die Gestaltung mit der Stimme, darum, mit ihr zu spielen.» Doch wer seine Berufung wirklich gut erfüllen wolle, der müsse von Märchen fasziniert sein, sich unbekümmert anrühren lassen und nicht ständig in rationale Belegbarkeiten des Erzählten verfallen.

Und dann fehlt eigentlich nur noch eines: die Märchen auswendig lernen. Denn Märchen erzählt ein echter Märchenerzähler nun einmal ohne Buch in den Händen.

Jürgen Janning befasst sich auch über die Rolle als Märchenerzähler hinaus mit Märchen. Er war mehrere Jahre Vizepräsident und Präsident der Europäischen Märchengesellschaft und ist derzeit ehrenamtlich als Vorsitzender der Märchen-Stiftung Walter Kahn tätig. Am 13. November wird ihm in Meiningen der Thüringer Märchen- und Sagenpreis «Ludwig Bechstein» verliehen.

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