Fr., 25.05.12

Erfahrungen mit Scientology 01.11.2009 Bis der Mensch nicht mehr existiert

Scientology (Foto)
Jeannette Schweitzer war drei Jahre lang Mitglied bei Scientology. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach

«Da haben sie eine Bresche gefunden, in die sie hineinschlagen können», sagt Jeannette Schweitzer. Die 58-Jährige hofft auf das Verfahren gegen Scientology in Frankreich. Hofft, dass die Organisation vielleicht verboten wird. Sie ist eine Aussteigerin.

Jeannette Schweizer hat bereits einige Klagen gegen Scientology hinter sich, in ihrem eigenen Namen oder als Unterstützung anderer Aussteiger. Die 58-Jährige ist mittlerweile anerkannte Expertin für Scientology, eine Organisation, die sich selbst Kirche nennt und von anderen nur als Sekte bezeichnet wird. Schweitzer weiß, wovon sie spricht, wenn sie vor Schulklassen, Polizisten oder Sektenbeauftragten über Scientology erzählt. Sie war selbst drei Jahre ein aktives, ein glühendes Mitglied.

Von Scientology hatte Schweitzer noch nie etwas gehört, als sie Ende der 1980er Jahre über ein Managementseminar zur Organisation kam. Die Methoden hätten sie zwar damals schon irritiert, ein «Kommunikationsseminar» schien der Angestellten einer Baufirma aber sinnvoll. «Wenn ich lerne, wie ich jemandem in die Augen schauen kann beim Reden oder mich nicht gleich provozieren lasse, ist es ja grundsätzlich nichts Schlimmes», sagt Schweitzer. Anfänglich hätten sie Übungen gemacht, bei denen sie anderen gegenüber sitzen musste, «ohne mit der Wimper zu zucken». Erst später seien daraus Psycho-Drills geworden.

Ihr Gefühlsleben musste Schweitzer in sogenannten Auditings offenlegen - Sitzungen, bei denen sie, angeschlossen an ein «E-Meter», eine Art Lügendetektor, von einem ranghöheren Scientologen ausgefragt wurde. «Nach drei Stunden war ich schon so manipuliert, dass ich Dinge glaubte, die ich vorher nie geglaubt hatte», erinnert sich die Aussteigerin. Obwohl sie sich selbst als kritischen Menschen bezeichnet, fühlte sie sich durch den starren Blick und die monotone Stimme des Fragers in einen hypnotischen Zustand versetzt.

Der kostete sie 600 Mark pro Stunde. Sie opferte ihre gesamten Ersparnisse der Organisation, nahm einen Kredit auf. Es war ein Teufelskreis aus dem Gefühl des Versagens, das am Ende jeder Sitzung stand, und dem Verlangen nach einem erneutem Auditing, das sie danach erfasste.

Schweitzer war fest integriert, arbeitete als kaufmännische Leiterin bei einem Stahlbauunternehmen, das zu «Wise» gehörte, dem Verband scientologisch geführter Unternehmen. In der Produktion hätten die Arbeiter geschuftet, erzählt sie, doch die Geschäftszahlen stagnierten. Als die Firma begann, ihre Mitarbeiter an der Steuer vorbei zu bezahlen, weigerte sich Jeannette Schweitzer, die Schwarzgelder zu verbuchen. «Ich wurde hinauskatapultiert, weil ich manipulierte, steigende Statistiken nicht mittragen wollte.»

Mit grauem Bändchen gebranntmarkt

Wie im Ethikbuch, einer Art Bibel der Scientologen, festgelegt, wurde sie als «Feind» klassifiziert. «L. Ron Hubbard, der Gründer von Scientology, hat darin aufgeschrieben, wie man mit Kritikern umzugehen hat.» Und Jeannette Schweitzer kam ins «Straflager», wie sie es nennt: in die englische Scientology-Zentrale Saint Hill. Was auf den Bildern im Internet wie ein idyllisches Schloss aussieht, wurde für Schweitzer zum Martyrium.

«In meinem bewusstseinskontrollierten, gehirngewaschenem Kopf habe ich nicht verstanden, warum die mich bestrafen.» Sie wurde von Scientologen gedemütigt («Du Schwein»), eingesperrt, musste Strafarbeit leisten. Schweitzer erinnert sich an harte körperliche Arbeit tagsüber, abends mussten die Bücher des Scientology-Gründers studiert werden. «Ich kam in Strafauditings hinein, wo alles, was der Mensch in sich hatte, herausgezogen wurde. Und der schlimmste Strafzustand ist gekennzeichnet durch ein schmutziggraues Bändchen um den Oberarm: Damit ist man nonexistent und darf nicht mehr von anderen angesprochen werden.» Scientology selbst bezeichnet Saint Hill als «Rehabilitationsprojekt».

Erst als Schweitzer körperlich völlig am Ende war, brach sie aus und zog sich zu ihren Eltern zurück. Das wäre schon vorher möglich gewesen, sie hätte abreisen können, angeblich wäre sie nicht aufgehalten worden. Doch Jeannette Schweitzer blieb. In Gesprächen zuhause begriff sie, wo sie hineingeraten war, und brach alle Kontakte zu Scientology ab. Morddrohungen waren die Folge. «Sie haben ein Buch über meine Sünden geschrieben, ein scientologisches Schmutzbuch, und die Exzerpte bei meinen Vorträgen verteilt.»

Die Informationen für die Rufmordattacken auch in ihrer Nachbarschaft - unter anderem über angebliche «Sexpartys» - hatte Scientology bei Strafauditings gesammelt. Körperlich gefährlich wurde es für Jeannette Schweitzer, als ein Auto sie von der Fahrbahn abdrängen wollte. Sie identifizierte den Fahrer als Mitglied der Sekte. Irgendwann sei sie aber nicht mehr attackiert, sondern von Scientology nur noch totgeschwiegen worden. «Ja, bei Frau Schweitzer haben wir Fehler gemacht», habe man zugegeben.

Noch heute erlebt sie die Ausläufer der Reaktionen auf ihren Kampf gegen die Sekte. Anrufe oder Leserbriefe in Zeitungen. Jeannette Schweitzer hat nach ihrem Ausstieg den Verein Vitem gegründet, mit dem sie anderen Scientologen helfen, ihre Erfahrungen weitergeben will. Hunderte hat sie nach eigenen Angaben bereits aus der Sekte geführt. Sie mag enttäuscht sein, vom Ausgang des Prozesses in Frankreich, denn die Scientology-Mitglieder wurden zu Geldstrafen verurteilt. Von einem Verbot war keine Rede mehr. Obwohl sie schon vor 17 Jahren bei Scientology ausgestiegen ist, wird sie weiter kämpfen. Denn geändert habe sich in der Organisation nichts. «Die sind nach wie vor ein totalitäres System», sagt Schweitzer.

iwi/reu/news.de
Leserkommentare (9) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • AndreasW
  • Kommentar 9
  • 05.11.2009 12:58
 

An den Haaren herbeigezogene Schauermärchen von ehemaligen Scientology-Aussteigern sind immer gerne gehört und gelesen: besonders bei Medien und den von Gottes-Gnaden-Ernannten Experten, welche in ihrem Club und in ihrer Zeitgeschichte "immer makellos" mit ihren "Andersdenkenden" umgegangen sind. Dass man selbst Fehler macht und Anderen Fehlern eingesteht, welche diese begehen mögen, ist eine Eigenschaft, die leider nicht jedem innewohnt.

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  • Mark
  • Kommentar 8
  • 04.11.2009 13:51
 

Sorry, aber "Aussteiger" versuchen sich halt als unschuldige Opfer darzustellen. Ob das wirklich so war, kann man von aussen nicht sehen. Es gibt immer zwei Seiten einer Geschichte.

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  • ragnaroekr
  • Kommentar 7
  • 04.11.2009 10:32
 

Der Freiraum der Scientology (S) besteht darin, dass die Gegenwart keinerlei Maßstäbe zur Wahrheit hat.Rücksichtsloser Fanatismus wird zur Wahrheit erklärt und durch Macht zur Gültigkeitsanmaßung. Die Widerlegung hat auch nichts mit irgend welchen wissenschaftlichen Studien zu tun. Vergewaltigung der Wahrheit u. Terror gegen Personen ist eine Kriegserklärung gegen die Wahrheit. Terroristen fragt man auch nicht nach ihrer Wahrheit, sondern legt ihnen das Handwerk. Wahrheit und Unwahrheit kann man nicht verbieten, sondern entlarven oder rechtfertigen, notfalls im Kampf gegen das Böse.

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  • SAH
  • Kommentar 6
  • 03.11.2009 11:02
 

Erstmal vorweg: Definitionsgemäß ist Scientology keine Sekte, denn dieses Wort bezeichnet eine Splittergruppe einer größeren Organisation. Meine Eltern sind Zeugen Jehovas und ich bin in dieser Religion erzogen worden. Als ich mich davon lossagte, hatte ich keinerlei Probleme mit denen (anders als des öfteren zu hören ist). Mein einziges Problem war: Ich war alleine! Ich kannte keine anderen Menschen in meinem Alter, da mein ganzes Leben sich nur in dieser Gemeinschaft abspielte und das ist der wahrhaftig schwerste Teil des Aussteigens!

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  • ragnaroekr
  • Kommentar 5
  • 02.11.2009 16:15
 

Der Freiraum der Scientology (S) besteht darin, dass die Welt keinerlei Maßstäbe der Wahrheit hat. Rücksichtsloser Fanatismus zur Wahrheit erklärt und durch Macht der Kritik entzogen, ist Gültigkeitsanmaßung der Nicht-Wahren. Das hat auch nicht mit irgend welchen wissenschaftlichen Studien zu tun, das ist Vergewaltigung der Wahrheit und Terror gegen Personen. Terroristen fragt man auch nicht nach ihrer Wahrheit, sondern legt ihnen das Handwerk. Unwahrheit kann man nicht verbieten, sondern entlarvt sie durch Wahrheit. Und das bedeutet Krieg gegen jede Art des Fanatismus.

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  • Grünpfeil
  • Kommentar 4
  • 02.11.2009 15:28
 

Wehret den Anfängen! Frau Schweitzer saugt sich ihre Geschichte bestimmt nicht aus den Fingern. Es gibt Berichte von Aussteigern, die ganz ähnlich klingen - immer geht es um Gehirnwäsche und um viel Geld. Und: Europa hat nun wahrlich genug Erfahrung mit totalitären Gruppierungen, echten und säkularen Religionen und Sekten. Dass sich scientology als "Kirche" bezeichnet, soll ihnen nur Steuern sparen, macht sie indes nicht besser. Die Kirchen könnten übrigens ihre "Steuern" direkt erheben; freilich verlöre dann Vater Staat 5% Provision...

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  • mimo1203
  • Kommentar 3
  • 02.11.2009 15:09
 

Zu dem Kommentator Jürg Stettler hier die Info lt Google "Präsident der Scientology-Kirche Zürich", ich finde Kirche schon Hohn für solch eine Organistation und kann Michael nur Recht geben zu seinem Kommentar. Zum Glück gibt es in Europa nicht so viele wie in den USA, das hat sicherlioch damit zu tun das wir schon einmal jemanden hatten der die Weltherrschaft wollte mit Herrenmenschen und Europa kann sich zum Glück erinnern. Meiner Meinung nach ist die Zielrichtung gleich. In diesem Sinne wehred den Anfängen.

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  • Michael12345
  • Kommentar 2
  • 02.11.2009 14:48
 

Nur interessant, dass man nie von derartigen "Vorfällen" aus z.B. christlichen Kirchen hört ? Es mag ja sein, dass Scientology nicht die einzige Sekte ist, die ein derartiges Verhalten an den Tag legt, trotzdem ist dieses Verhalten nicht in Ordnung. Und bei diesem grauen Erkennungsband kann man sehr schöne Parallelen ziehen. Oder würde heute jemand behaupten, dass man beim Judenstern der Nazizeit auch die Seite der Nazis betrachten müsse um ein klares Bild der Judenverfolgung zu erhalten ? Sicher ist es kaum das Gleiche, aber ein Vergleich "Zeichen an der Kleidung = unwürdiger Mensch"...ist da

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  • Jürg Stettler
  • Kommentar 1
  • 01.11.2009 21:32
 

Schade, dass hier nur eine Seite dieser Geschichte gezeigt wird und Anwürfe 1:1 übernommen wurden. Es gibt viele wissenschaftliche Studien die zeigen, dass Aussteiger oder Abtrünnige aus irgendwelchen Gruppen selten bis nie eine objektive Sicht der damaligen Geschichte behalten Wer käme z.B. auf die Idee in einer Kampfscheidung nur den einen Ehepartner zu fragen wie denn die Ehe so war? So stellten sich z.B. ihre Verfolgungsgeschichten als haltlos heraus. Die künstliche Kontroverse um Scientology lässt sich nur so lange aufrechterhalten wie die Seite von Scientology ausgeblendet wird.

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