Pillendreher brauchen Geduld
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«Chemie ist das, was knallt und stinkt», war zu Schulzeiten ein markanter Spruch. Wer das als Chemielaborant allerdings wahr macht, der dürfte keine großen Berufschancen haben. Da geht es nämlich um Konzentration und Sorgfalt.
Im zweiten Lehrjahr gibt es für die Auszubildenden der Firma Sika Automotive in Hamburg Aspirin. Genauer gesagt den Wirkstoff Acetylsalicylsäure, den die zukünftigen Chemielaboranten selbstständig synthetisieren sollen.
Ausbildungsleiterin Doreen Janke prüft dann noch einmal in der Früh, ob die Apparaturen fachgerecht aufgebaut wurden: «Aber das Kochen übernehmen die Auszubildenden ganz allein.» Sie lernen das kontrollierte Erwärmen eines Gemisches aus Salicylsäure, Essigsäureanhydrid und konzentrierter Schwefelsäure.
Präparate aus dem Alltag herzustellen, Rezepturen weiterzuentwickeln und neue Verfahren vorzuschlagen, das sei das Spannende an dem Beruf, sagt Diplomchemikerin Janke. «Die Laboranten müssen mitdenken, wenn sie einen Stoff analysieren oder einen Prozess dokumentieren.» Zwar tragen die Naturwissenschaftler in der Abteilung Forschung und Entwicklung die Hauptverantwortung für neue Klebstoffrezepturen, wie sie Sika Automotive herstellt. Aber der Laborant sei mehr als ein Assistent, so Janke: «Es geht um echte Teamarbeit. Schließlich sehen vier Augen mehr als zwei.»
Ohne Mathematik geht nichts
Die Zusammenarbeit in einem Forscherteam, die Qualitätssicherung und die Entwicklungschancen, die sich daraus für die Auszubildenden ergeben, zählen auch für Margret Reymers vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) zu den Pluspunkten der Laborberufe: «Aus dem Labor kommen immer wieder Impulse, die zum Lernen anregen.»
Im Unterschied zur zweijährigen Ausbildung zum chemisch-technischen Assistenten (CTA), die an Berufskollegs oder spezialisierten Gymnasien absolviert werden kann, findet die Ausbildung zum Chemielaboranten abwechselnd in der Berufsschule, im Betrieb sowie Labor statt und dauert drei bis dreieinhalb Jahre: «Die kognitiven Inhalte ähneln sich, aber die Berufspraxis hat nur der Laborant», erklärt Hans-Günter Glass, Geschäftsführer Bildung, Wirtschaft und Arbeitsmarkt im Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC).
Für den Verband hat es die duale Ausbildung zum Chemielaboranten in sich: «Die Auszubildenden müssen Spaß an der Chemie haben, mit dem PC umgehen können, teamfähig sein und die englische Sprache beherrschen», zählt Glass auf. Um die Qualität der Bewerber zu überprüfen, nehmen viele Unternehmen Eingangstests vor. Dabei geht es in erster Linie gar nicht um die Naturwissenschaften, sondern um Mathematik, Rechtschreibung und Allgemeinbildung. «Die meisten scheitern beim Rechnen», sagt der Verbandsgeschäftsführer.
Frauen haben die Nase vorn
Wer das Auswahlverfahren besteht und überzeugend begründen kann, warum er sich für den Beruf und das Unternehmen interessiert, hat gute Chancen: «Die Unternehmen bilden auch in diesem Jahr in hohem Maße aus», betont Glass. Knapp 6000 Auszubildende sind es laut der BIBB-Statistik in den vergangenen Jahren gewesen, nahezu gleich verteilt auf Abiturienten und Realschüler mit einem leichten Frauenüberhang: Nahezu 60 Prozent der angehenden Chemielaboranten sind weiblich.
In den drei Lehrjahren lernen sie, Geräte wie Zentrifugen oder Chromatographen zu bedienen. Sie bestimmen Substanzen etwa auf ihren Reinheitsgehalt oder ph-Wert, mischen und trennen Stoffe, organisieren, testen und überwachen Produktionsprozesse. Dabei benötigen die Azubis Sorgfalt und Geduld und dürfen nicht empfindlich sein: «Wer allergisch auf Lösungsmittel reagiert oder ängstlich im Umgang mit brennbaren Stoffen ist, sollte sich für einen anderen Beruf entscheiden», sagt Doreen Janke.
Noch besteht bei Sika Automotive kein Mangel an Bewerbern: 50 Interessenten kamen in diesem Jahr auf einen Ausbildungsplatz. Das könnte sich bald ändern, fürchtet Maximilian Kern, Geschäftsführer im Arbeitgeberverband Chemie Rheinland-Pfalz: «Es wird zu demografischen Engpässen kommen, weil es zu wenige geeignete Nachwuchskräfte gibt.» Die Rheinschiene ist neben Bayern und Sachsen-Anhalt eine der Ausbildungshochburgen.
Aber egal, wo die Chemielaboranten gelernt haben, die Berufsperspektiven gelten als gut - in den Produktionslaboratorien der Industrie, in Forschungseinrichtungen oder an Hochschulen. «Wir unterscheiden im Laboralltag nicht, wer welche Ausbildung durchlaufen hat», sagt Professor Horst Weller, Direktor des Instituts für Physikalische Chemie an der Universität Hamburg. «Egal, ob CTA oder Laborant, die machen dieselbe Arbeit.»
ham/kat/news.de/dpa
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