Fr., 25.05.12

Abrechnung mit Bio-Lifestyle 27.10.2009 Mehr Ego als Öko

Öko (Foto)
Bioprodukte konsumieren macht gar nichts besser, findet Kathrin Hartmann. Bild: dpa

Von Gregor Tholl

Wer Bio kauft, glaubt, er macht etwas richtig. Alles Selbstbetrug, findet Autorin Kathrin Hartmann. Auf dem Weltmarkt tut sich gar nichts. Sie ist wütend auf die sogenannten «Lohas» und ihren selbstgerechten Öko-Lifestyle. In Ende der Märchenstunde rechnet sie ab.

Macht ein Bio-Einkauf die Welt besser? Lässt sich die Industrie mit strategischem Konsum umerziehen, so dass sie nur noch umweltverträglich und unter sozialen Bedingungen produziert? Geht das alles schmerzfrei, ohne Verzicht, wie es moderne Ökos propagieren? Nein, alles Unsinn und Selbstbetrug, sagt Kathrin Hartmann. Die Autorin hat ein zorniges Buch geschrieben - Titel: Ende der Märchenstunde. Darin rechnet sie mit selbstgefälligen Lifestyle-Ökos ab - und macht die «Bionade-Bourgeoisie» fertig.

Kathrin Hartmann, Journalistin unter anderem für Frankfurter Rundschau, taz, Titanic oder Neon, hat was gegen Lohas-Leute - also Menschen (zumeist aus der Mittelschicht), die einen «Lifestyle Of Health And Sustainability» (Lebensstil auf Basis von Gesundheit und Nachhaltigkeit) pflegen.

In Deutschland leben diese gebildeten, gut verdienenden und ästhetisch anspruchsvollen Menschen gerne in innenstadtnahen Altbau-Vierteln - also etwa im Schanzenviertel in Hamburg, im Belgischen Viertel in Köln, im Glockenbachviertel in München, im Nordend in Frankfurt oder im vielbeschriebenen Prenzlauer Berg in Berlin.

Diese «neuen Ökos», die nichts mehr mit der Müsli-Fraktion zu tun haben wollen, glauben, Hedonismus und Ethik im nachhaltigen Einkaufen verbinden zu können. Die Wirtschaft habe die Kaufkraft dieser Lifestyle-Ökos längst erkannt, die Werbung auf sie abgestellt und ihre Produkte grün gestrichen, stellt Hartmann fest.

Das Marketing-Konzept dazu heißt «Greenwashing»: Autohersteller pflanzen Bäume, Brauereien spenden für den Regenwald. Statt «142 Kisten Bier» zu kaufen, könne man auch zehn Euro direkt für den Naturschutz spenden, wendet Hartmann ein. Sie kritisiert außerdem, dass derselbe Bierhersteller den Tropenwald retten will und im Fernsehen die Formel 1 präsentiert.

Doch die agitatorische Argumentation von Hartmann zielt vor allem darauf, die Lohas-Logik als neoliberale Wirtschaftsideologie zu entarven. Motto: «Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht.»

Hartmann zitiert Studien und die Klassiker der Globalisierungskritik wie Klaus Werner-Lobos Schwarzbuch Markenfirmen oder Naomi Kleins No Logo. Sie gefällt sich darin, Nachhaltigkeits-Idole vom Sockel zu stürzen oder gehässig gegen Web- Communities wie utopia.de zu sein. Auch Nichtregierungsorganisationen seien leider nur eine gesellschaftliche Ohnmacht, zerfasert in ihre Einzelinteressen, schreibt die Autorin.

Nur fürs Gewissen, nicht für die Gesellschaft

Aber was ist wirklich gegen Bio-Konsum zu sagen, oder gegen den Versuch, «bessere» Kleidung im Sinne von fairem Handel oder ökologischer Produktion zu kaufen? Hartmann sagt, das große Ganze, also der Weltmarkt, ändere sich durch dieses Handeln im Kleinen nicht. Man tue nur etwas für sein Gewissen, aber nichts für eine gerechtere Gesellschaft. Statt glasklare Gesetze zu erkämpfen, die weltweit für alle gelten und allen zugute kämen, gebe man sich damit zufrieden, das Politische ins Private abzuschieben. Also alles mehr Ego statt Öko?

Wer nur korrekten Konsum wolle und nicht ernsthaftes Engagement zeige, stärke höchstens einen nach wie vor kleinen und zusätzlichen Markt. Dieser Markt aber bleibe ein paralleler, nicht zuletzt, weil es die Konzerne weltweit verstünden, die Politik einzulullen. In Wahrheit aber seien profitfixierte Firmen daran interessiert, verbindliche Öko- oder Sozial-Gesetze zu verhindern, weil sie sehr teuer wären.

So wie es jetzt laufe, führe der Konsum «besserer» Produkte nur zu einer Abgrenzung eines schicken grünen Milieus, das sich auch moralisch besser fühlen wolle, sagt Hartmann. Der Lohas-Trend zementiere die Verhältnisse. «Seinen Hedonismus kann sich der Lohas nur deshalb ohne Reue leisten, weil es die Dritte Welt gibt.» Die Armut im eigenen Land interessiere ihn außerdem oft nicht, denn gegen sie «gibt es ja auch kein richtiges und schickes Produkt, das man kaufen und genießen kann».

Aus dem Aphorismus des Philosophen Theodor W. Adorno «Es gibt kein richtiges Leben im falschen» wird bei Kathrin Hartmann «Es gibt kein richtiges Einkaufen im falschen Weltwirtschaftssystem». Sind die Verhältnisse auf dieser Welt so verkehrt, dass man kaum etwas richtig machen kann?

Für alle masochistischen Lohas-Leser, die das Buch trotz allem kaufen möchten: Laut Verlag stammt sein Papier «aus vorbildlich bewirtschafteten Wäldern».

Kathrin Hartmann: Ende der Märchenstunde. Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt. Karl Blessing Verlag, München, 384 S., Euro 16,95, ISBN 978-3-89667-413-5

iwi/one/reu/news.de/dpa
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Alf Moritz
  • Kommentar 1
  • 15.02.2012 08:26
 

Guten Tag. Seit über 25 Jahren versorge ich mich/uns mit Lebensmittel in "Bio"-Qualität, und das aus Bewusstheits- und im Besonderen aus Gesundheitsgründen, ohne im Geldsee zu schwimmen. In der Sommerzeit wächst Obst, Gemüse, Kraut und Rüben, wie Kräuter im Garten. Der Rest wird auf Wochenmärkten zugekauft. Herkömmlichen Supermärkten wie Discountern zeigen wir die kalte Schulter, und Fastfood ist kein Thema. Mein/unser Credo ist bewusst freudvoll, die Gesundheit erhaltend leben und geniessen. Der Mensch ist, was und wie er isst. Wir reden nicht über positives Denken, wir tun es.

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