Von news.de-Mitarbeiter Oliver Neumann
Es ist eher ein gestoßener Urlaut als ein Name: «Öff Öff», teilt die Ausstellung am Leipziger Centraltheater jedem mit, der vorbeikommt. Hinter dem Urlaut steckt ein Mensch. Jürgen Wagner will die Revolution durch Vernunft und Liebe.
Er ist aus dem Wald in die Stadt gekommen. Mitten in die Stadt, und nicht eben dezent gibt sich Öff Öff hier. Für seine Phase als Dauerinstallation hat er sich in einer Holzhütte eingenistet, einem größeren Gartenhaus, weiß getüncht, das dem Leipziger Centraltheater als Stätte für Theaterprojekte dient. Der Zaun am Weißen Haus hängt voller knallig beschriebener Plakate, der Urlaut-Name steht da oft und Dinge wie «freie Erde für freie teilende Menschen».
Von der Blockhütte des Centraltheaters will Jürgen Wagner bald in eine aus Stämmen und Weidenruten selbst gefertigte Behausung umziehen. Schließlich ist er ein Waldmensch. Ast für Ast fügt er in die Konstruktion ein, im kalten Oktoberwinter nur mit Sandalen an den nackten Füßen. Wagner ist ein freundlicher Mann, trägt selbst genähte Textilien aus braunem Leder und grünem Filz und seine graumelierten Haare schulterlang. Der 45-Jährige bezeichnet sich selbst als Revolutionär, das Gelände des Weißen Hauses nennt er «Wende-Asyl». Es geht ihm mit der Dauerausstellung um eine «echte» friedliche Revolution in Leipzig. Öff Öff ist ein Aussteiger aus dem, was gesellschaftlich gängig ist.
Die weiße Blockhütte hat keine Heizung, Decken hat Wagner aufgehängt, Matratzen und Kissen lehnen gestapelt an der Wand, auf Pappschildern stehen Parolen geschrieben. Es erinnert ans Kommunardenleben und ist kalt. Eine lange Bar teilt den Raum, Wagner nimmt einen kleinen roten Apfel vom Tresen, beißt hinein und erklärt vom Barhocker aus sein Gegensystem zur bestehenden Gesellschaftsordnung.
Im schicksalhaften Herbst des Jahres 1989 mag er nicht viel Besonderes erkennen. «Die Hinwendung zum Kapitalismus ist doch keine Revolution», sagt Öff Öff Wagner. Eine Wissenschaft, die den Homo oeconomicus beschreibe, den Menschen als gierigen Egoisten, hält er nicht für erstrebenswert. Leipzig als Ort der Montagsdemonstrationen wurde deshalb mit Bedacht für die Dauerinstallation gewählt.
«Globales Teilen» ist sein Gegenentwurf zu Kapitalismus und Kommunismus. Die Menschen bräuchten mehr Liebe und mehr Vernunft, dann würden nur noch vernünftige Entscheidungen getroffen - von einer vernünftigen Regierung. «Genug Liebe und Vernunft führen zu mehr Gesamtverantwortung unter den Menschen», sagt Wagner. Das ist sein Ziel und seine Botschaft, weitere Regeln bräuchte es in seiner Gesellschaftsordnung nicht.
Laute ohne Bedeutung als Bruch mit dem System
Der Weg dahin führt über den Ausstieg. Vor 18 Jahren hat Wagner es selbst vorgemacht und gründete die Schenker-Bewegung, eine Gesellschaft die Konsum ablehnt und dafür Tauschgeschäfte vorzieht. Seitdem hat sich der aus Gladbeck im Ruhrgebiet stammende Öff Öff als Missionar auf den Spuren Gandhis versucht und alleine im Wald gelebt, nur bekleidet mit selbst hergestellten Textilien.
Die Medien machten ihn deshalb zum «Waldmensch». Dabei wollte er nur zeigen, was konsequentes Aussteigen wirklich bedeutet. Sein Name Öff Öff ist ebenfalls ein Bruch mit dem System. Es sind «zwei Laute ohne Bedeutung», erklärt er, die einen Gegensatz zum normalen Namen darstellen sollen. Einen Personalausweis besitzt Öff Öff nicht, seit er vor 20 Jahren seinen Pass verbrannte. Auch polizeilich ist Jürgen Wagner nirgends gemeldet.
Zumindest schmückt ein hellblauer Briefkasten einen der Eingänge zum Weißen Haus in Leipzig. Post hat Wagner dorthin noch keine erhalten. Unter dem Kasten steht mit Filzstift auf ein Stofflaken gekrakelt: «Gespräch erwünscht». Jürgen Wagner will auf die Menschen zugehen, sie für seine Idee einer besseren Gesellschaft begeistern. Für seine Öffentlichkeitsarbeit nutzt er auch Handy und Laptop, schreibt ein eigenes Blog auf der Homepage des Centraltheaters Leipzig. Nein, Technologie lehnt er nicht vollständig ab, besonders dann nicht, wenn sie «Kommunikation, Bildung und Kultur dient».
Überhaupt sei seine revolutionäre Schenker-Bewegung keine dogmatische Gruppe. Es gelte vielmehr, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, auf den sich alle Menschen einigen können. Jürgen Wagner spricht dann auch davon, «Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen» und von freier Liebe, was ein wenig nach Esoterik-Handbuch klingt. Ein paar hübsche Frauen hätten ihn schon besucht, aber er habe einen hohen Anspruch. «Frauen, die mich interessieren, sollten ehrlich und ideologisch denken», sagt Wagner, seiner Arbeit dürften sie ruhig kritisch gegenüberstehen.
Zusammenspiel von Künstler und Revolutionären
Allerdings darf die Liebe ihn nicht von der Arbeit abhalten, «keine Ablenkung von der Revolution» hat sich Wagner selbst verordnet. Auf seinen braunen Filzpullover hat er es gestickt, wie zur Erinnerung: «Was ist genug, Liebe und Frieden?» Auch spirituelle Therapien bietet Jürgen Wagner in seiner Hütte an, in roter Neonfarbe hat er «Öffis-Beichtstuhl» auf eine Tafel geschrieben. Ein paar Besucher seien schon da gewesen.
Für den Winter hat sich Öff Öff Stiefel selbst gefilzt und eine Jacke aus Fellen geschneidert. Baumaterial stellen ihm die Theaterleute, wie er sie nennt, zur Verfügung - Weidenruten, Nägel, Seile und Kabelbinder für seine Behausung. Dieses Zusammenspiel von «Künstlern und Revolutionären» begeistert ihn. Vor etwa einem Jahr seien die Theaterleute im Wald auf ihn zugekommen, als sie für die Inszenierung der Matthäus-Passion jemanden suchten, der ähnlich wie Jesus lebt. Später wurde die Idee der Installation geboren, die nun offiziell «Ran ans System (Teil 1)» heißt. Ihm sei der Platz so lange überlassen, wie der Prozess dauere, bestätigt Wagner. Dauerinstallation bedeute für ihn, den Ort auf unbestimmte Zeit nach seinen Vorstellungen zu erhalten.
Revolution ruft immer auch Kritiker auf den Plan, und Wagners Aktionen sind nicht unumstritten. Erst im Sommer dieses Jahres ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen den Aussteiger in finanziellen Angelegenheiten in Zusammenhang mit seiner Schenker-Bewegung. Trotzdem heißt er Gegner und Kritiker gerne willkommen, so lange diese nur an ernsthafter Arbeit interessiert seien. Um mehr als Liebe und Vernunft gehe es ihm schließlich nicht, und wer wolle sich dagegen stäuben?
iwi/iwe/news.de
http://www.schauspiel-leipzig.de/oeffblog/ geht nicht -error
jetzt antwortenKommentar melden