Von news.de-Redakteur Björn Menzel, Nachterstedt
Bergretter haben mit hohem Aufwand die persönlichsten Habseligkeiten der Bewohner aus den aufgegebenen Häusern in Nachterstedt geborgen - aber nicht aus allen. Familie Faust hat die Aktion abgelehnt - nach langem Überlegen. News.de war vor Ort.
Das Andenken an die Toten ist ihm am wichtigsten. Manfred Faust versucht mit seinen kalten Händen eine Kerze anzuzünden. Der Wind weht, es regnet. Als die Kerze nach vier Versuchen endlich brennt, stellt er sie zu den anderen - gleich neben die Blumen. Die Nachterstedter haben nahe des Unglückgebiets eine Erinnerungstafel aufgestellt. Drei Namen sind darauf zu lesen. Thomas, Peter, Ilka. Es sind die Namen derjenigen, die vor genau drei Monaten, am 18. Juli, bei einem verheerenden Erdrutsch am Concordia-See in Sachsen-Anhalt ums Leben gekommen sind.
An der Unglücksstelle hat sich seitdem nicht viel getan. Noch immer hängt ein halbes Haus am Abhang 100 Meter über dem See. Noch immer konnten die Toten nicht geborgen werden. Die Aussicht darauf tendiert gegen Null. Noch immer ist eine ganze Siedlung, bestehend aus sieben Häusern, evakuiert. 41 Menschen können nie wieder in ihre Wohnungen zurück kehren. Am Samstag immerhin, sind Leute der Bergwacht ein letztes Mal in die Häuser gegangen, um Habseligkeiten der ehemaligen Bewohner zu bergen. Drei Monate lang war kein Mensch in den Häusern. Das letzte Mal wurden sie für eine halbe Stunde einen Tag nach der Katastrophe betreten.
Die Bergungsaktion der Habseligkeiten ist im großen Stil geplant. Verantwortlich ist die Bergbausanierungsgesellschaft LMBV, die sich um die Flutung des ehemaligen Tagebaulochs kümmert. Zusammen mit Spezialkräften der Bergwacht aus dem Harz sowie vom Deutschem Roten Kreuz und der Polizei wollten sie den Evakuierten die Möglichkeit geben, letzte persönliche Dinge aus den Häusern zu retten. Eine Woche zuvor wurden die Bewohner informiert. Sie trafen sich mit den Rettern, beschrieben Zettel mit den Dingen, die geborgen werden sollen und beschrieben, wo was zu finden sei. Die Bewohner selbst dürfen nämlich nicht mehr in ihre Häuser, einzig die Bergwacht.
Genau damit hat Manfred Faust ein Problem. Er ist zusammen mit seiner Frau Ilona zur Erinnerungstafel nahe des Unglücksgebiets gekommen. Zusammen besitzen sie ein Haus hinter der Absperrung, wohnen nun in einem anderen in Nachterstedt. «Wir wollen nicht weg aus dem Ort», sagt er. Und: «Wir lassen heute auch keine persönlichen Dinge mehr aus unserem Haus holen.» Die Familie ist eine von zweien, die das Angebot der LMBV nicht annimmt. «Es sind hier bereits drei Menschen ums Leben gekommen, das reicht», sagt Manfred Faust. Er selbst würde das Risiko auf sich nehmen, aber er könne es nicht verantworten, wenn jemand anders zu Schaden kommt, während er fremde Dinge rettet. «Wir haben lange mit uns gerungen», sagt er.
Somit bekommt die Bergungsaktion keine 100 Meter weiter den Beigeschmack einer großen Show. Einer Werbeshow, für die LMBV, die nach dem Unglück unbedingt gute Schlagzeilen braucht. Familie Faust konnte die vergangenen drei Monate ohne die zurückgelassenen Sachen leben und wird dies auch weiterhin tun können. Wichtige Dinge, wie Personalausweis und Reisepass sind ersetzt. «Nichts ist ein Menschenleben wert», sagt Manfred Faust und seine Frau nickt bei den Worten mit dem Kopf. Dass andere Familien persönliche Dinge bergen lassen, wäre ihre Angelegenheit. Das müsse jeder selbst entscheiden, sie hätten sich nicht untereinander abgesprochen. LMBV-Sprecherin Karin Franke weist derlei Kritik zurück. «Es bleibt natürlich ein Restrisiko, aber das ist überschaubar», sagt sie.
Von einem «kalkulierbaren Risiko» für seine Leute spricht auch der Leiter der Bergwacht-Spezialeinheit, Friedhelm Cario. «Mit Messtechnik wird der Bereich genau überwacht. Seismometer sind im Einsatz und Neigungsmesser, und die Messpunkte sind eng gesteckt», sagt er. Derweil kontrollieren Rissbeobachter, ob sich die Risse im Erdreich und an den Gebäuden verändern. Zudem werden alle paar Minuten die Pegel gemessen. Aus der Luft und vom gegenüberliegenden Ufer des Concordiasees wird das Gelände ebenfalls beobachtet. Die Daten laufen in den Rechnern der Experten von der TU Darmstadt und des Erdbaulabors Essen zusammen, die vor Ort sind. Beim kleinsten Anzeichen für ein Risiko soll die Aktion abgebrochen werden.
Die Bergretter sind eigentlich spezialisiert auf die Rettung von Menschen. Sie haben Teams gebildet, zu denen je vier Leute gehören. Je zwei gehen in die Häuser, stehen dabei mit zwei Kollegen permanent über Funk in Kontakt. Sie bergen nur so viel, wie sie mit ihren Händen in Kartons ragen können. Es sind vor allem Dokumente. «Zeugnisse, persönliche Unterlagen», zählt Karin Franke, auf. Aber auch persönliche Dinge: Puppen aus Kindertagen, Teddys aus Schultüten, Fotos, Schmuck. Die betroffenen Nachtersteder verfolgen die Aktion vom Zelt hinter der Absperrung aus, abgeschirmt von der Öffentlichkeit wie auch die anderen Akteure an diesem Tag.
Gegen Mittag ist die Bergungsaktion in den ersten vier Wohnungen abgeschlossen. Es sind jene Wohnungen, die am meisten gefährdet waren. Alles andere ist nach Ansicht der Experten kaum noch mit Risiko behaftet. «Eine erfolgreiche Aktion», sagt Karin Franke. Alle Gegenstände, die die Nachterstedter aus ihren Wohnungen hätten haben wollen, habe man geborgen. Was nun mit den Häusern passiert, weiß sie noch nicht zu berichten. Auch zur Unglücksursache gibt es noch immer keine Aussagen.
kab/news.de/ap
Nichts ist ein Menschenleben wert? Ich hoffe, die Leute haben bei dem Verlassen ihrer Häuser auch an ihre Käfig-Haustiere gedacht. Kaninchen, Vögel und was es so gibt. Ich könnte nie wieder froh sein, wenn ein mir anvertrautes Wesen eingesperrt verhungern und verdursten würde.
jetzt antwortenKommentar meldenAlso das Wort Weiber stößt mir doch sehr auf,die denken oft gradliniger als Männer!!!. In bestimmten Berufen gehen auch sie -da rein- .Für Sie gehört die Frau wohl immer noch an den Herd. Aber zum Thema: Ob Show oder nicht,kann verstehen das man gewisse Dinge nicht zurücklassen will.Also ich wüsste ehrlich nicht ob ich so verzichten könnte wie die Familie Faust,HOCHACHTUNG !!! Und für die Anderen,da gehen doch besser Profis rein,es ist ihr "Job" ihr Leben für Andere zu riskieren.Die wissen genau was sie tun. Was wären wir ohne Feuerwehr,Rettungsdienst,Polizei Bergwacht ..............
jetzt antwortenKommentar meldenLMBV-Sprecherin Karin Franke weist derlei Kritik zurück. «Es bleibt natürlich ein Restrisiko, aber das ist überschaubar», sagt sie. Dann soll sie doch darein gehen !!! Natürlich wieder Weiber !!! Noch nicht einmal am Herd ist es unter Umständen überschaubar !!! Wenn ich das hier lese ohje......... Nichts ist überschaubar, dann könnten auch die Bewohner rein ????? Sie gefährten Ihr Leben und nicht eines derer " Retter "..... So sieht es aus !!!
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