Fr., 25.05.12

Erotikmesse 16.10.2009 Die Venus bleibt nackt und wird bunter

Froschkönig (Foto)
Zwei Messehostessen küssen einen Froschkönig, der nicht nur nett aussieht, sondern auch noch vibrieren kann. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Julia Zahnweh, Berlin

Auf der Erotikmesse Venus herrscht diese Tage großer Andrang. Nackte Haut bis zum Überdruss und immer extremere Trends werden Besuchern geboten. Und immer kreativere Sexspielzeuge, die auch endlich mehr Frauen auf die Messe locken sollen.

Ich bin eine dieser Frauen, auf die die Branche hofft. Um zu testen, ob es die Erotikindustrie wirklich ernst mit mir meint, habe ich mich auf nach Berlin zur Venus gemacht. Meinen Mann habe ich neidisch zu Hause sitzen lassen, ebenso meine männlichen Freunde, die zu gern meinen persönlichen Fotografen gespielt hätten. Nur meine Freundinnen scheinen mich nicht zu beneiden, ich habe sie mit meiner Ansage in zweifelndes Staunen versetzt.

Zugegeben ein wenig mulmig ist es mir schon, als ich das Messegebäude betrete. Aus Fernseh-Reportagen weiß man ja, was einen in etwa auf einer Sex-Messe erwartet. «Das Schlimmste befürchten und das Beste hoffen», sage ich mir und mache mich auf zur nach eigenen Angaben weltgrößten Erotikmesse.

Im Eingangsbereich der Venus werde ich dann aber erstmal freundlich begrüßt. Von zwei Damen, in knappen Höschen und engen Tops, die mir die erste Tüte mit kostenlosen Trailer-DVDs für zu Hause in die Hand drücken.« Immerhin sind sie noch bekleidet», denke ich mir und schaue mich um. Männer über Männer, abgesehen von den Messemiezen und den Erotikdarstellerinnen. Noch nicht einmal im Fußballstadion ist man als Frau in solch einer Unterzahl.

Aber keine Zeit verlieren, im Hintergrund sehe ich, dass die Shows bereits begonnen haben. Da der Besucher 18 Jahre alt sein muss, um die Venus betreten zu dürfen, wird es dort wohl ordentlich zur Sache gehen. Und so ist es auch: Auf den verschiedenen Bühnen zeigen berühmte Darstellerinnen und solche, die es noch werden wollen, alles.

Nackt tanzen sie an Stangen, räkeln sich zu zweit in Betten oder lassen einfach nur ihre nackten Brüste und ihre Genitalien aufblitzen. Und immer im Visier von den Männern, die bewaffnet mit Kameras und riesigen Objektiven jede Szene oder besser jede kleinste Körperstelle für zu Hause festhalten. Genau so habe ich es mir vorgestellt.

Bewaffnet mit einer Kamera werfe ich mich mitten in die Massen und bin überrascht: Auch wenn sie anscheinend gute Pornos drehen oder solche, die sich gut verkaufen, die großen Showtalente sind sie nicht. Da ist eine Demi Moore in Striptease gar überzeugender und das will was heißen. Und noch etwas fällt auf, so wenig die Frauen anhaben, soviel Makeup haben sie im Gesicht. Und trotz der Schminke lassen sich die Spuren, die ihr harte Arbeit anscheinend in ihrem Gesicht hinterlassen hat, nicht verbergen. Doch dafür haben die Männer keine Augen.

Denn die Pornodarstellerin ist mittlerweile auf Tuchfühlung mit ihren Fans gegangen. Von links und rechte werde ich angerempelt. Doch bemerkenswerterweise geben die Männer dabei keine Töne von sich. Sehr ungewöhnlich für Männer im Kampfeinsatz. Außer der Musik hört man nichts, während sie hin und her laufen, um den besten Winkel auf die Dame zu erhaschen.

Als diese dann beginnt, sich Leuchtstäbe in ihre Körperöffnungen zu stecken, habe ich erstmal genug gesehen. Ich höre noch, wie der Moderator die Männer animiert, doch endlich mal zu klatschen. «Mensch, die ist doch lecker», ruft er in die Menge. Doch zum Klatschen braucht man zwei Hände und die halten ja die Kamera.

Wenn die Erotikbranche wirklich aus der Schmuddelecke raus will, dann jedenfalls nicht so, ist mein Fazit nach der ersten Stunde Venus meines Lebens. Aber ich bin noch optimistisch.

Lesen Sie auf Seite 2, welche Überraschungen die Venus noch zu bieten hat

Dann beginne ich zu flanieren, durch große Messehallen, acht an der Zahl und zuerst fallen mir die riesigen Stände der Pornohersteller ins Auge, etwa wie die von Magma und Muschi Movie, wo sich tausende von DVDs in den Regalen stapeln, während die Darstellerinnen halbnackt ihren Fans Autogramme schreiben. Auf großen Fernsehern kann man mehr als erahnen, was von den einzelnen Filmen zu erwarten ist: Ein einziges Gerammel, von Ästhetik oder gar Handlung ist wenig zu sehen.

Als nächstes sichte ich einen Stand, der mich immerhin vom Werbeslogan her anspricht: «It startet with a Kiss», beim näherem Hinsehen sehe ich dann, dass dort ein Mittel gegen Genitalherpes vertrieben wird. Aber treffender hätte der Spruch nicht sein können.

Dann immer wieder nackte Frauen und Makro-Objektive, die mir die Sicht verdecken. Doch neben nackten Tatsachen gibt es auch jede Menge andere erotische Dinge auf der Venus zu entdecken. So können Besucher nicht nur auf erotischen Möbeln probesitzen oder sich in Massagesesseln entspannen, sondern sich auch über Schönheitsoperationen informieren. Die Stände sind zwar nett, wirken aber eher wie Beiwerk.

Neben den Pornofilmen und Shows ihrer Darstellerinnen stehen ohne Zweifel die zahlreichen Sexspielzeuge im Fokus, die an den Ständen ausgestellt sind. Vor allem mit deren Hilfe will die Venus den Sprung von der knallharten Pornomesse hin zur Lifestylemesse schaffen. Doch das schafft sie nur bedingt.

Denn zwischen den Ständen mit kreativen und bunten Sexspielzeugen, wo fast ausschließlich nur Frauen hinter den Tresen stehen, finden sich immer wieder die Schmuddel-Stände. Ich erschrecke fast jedesmal, wenn ich wieder sehe, was da so alles in die drei Körperöffnung einer Frau hineingesteckt wird, wenn ich auf die Monitore blicke.

Dann bleibe ich am ersten Stand mit Vibratoren stehen. Bunt sind sie und in den verschiedensten Größen und Materialien erhältlich. Ich schaue mir gerade einen Minivibrator an, der scheinbar für die Handtasche gedacht ist, als ein Mann neben mir stehenbleibt. Er nimmt das größte Exemplar im Angebot in die Hand und sagt zu der Frau hinterm Tresen: «Das ist doch bestimmt dein liebstes Spielzeug, oder?» Er lacht, sie lacht und ich gehe weiter.

Am nächsten Stand muss ich lachen. Vibratoren in Delfin-Form kennt Frau ja mittlerweile, aber in Form einer Ente, das ist etwas Neues. Am Stand der amerikanischen Firma «Big Teaze Toys» schaue ich mir die Entchen an, die nicht nur dekorativ ins Bad gestellt werden können, sondern auch im Schlafzimmer oder wo auch immer als Vibrator zum Einsatz kommen sollen. Doch beim Anblick will man sie eher quietschen als vibrieren lassen.

Wenn ein Trend dieses Jahr auf der Venus auszumachen ist, dann der, dass Sexspielzeuge immer verspielter werden und neben der praktischen Funktion auch einen dekorativen haben. So lerne ich etwa am Stand der Firma Liebling, dass ihr Froschkönig-Vibrator stehen kann und somit hygienischer ist, weil er so nicht etwa mit Fusseln in Berührung kommt. Und auch im Regal mache er sich gut, versichert mir Geschäftsführer Lars Götzen. Süß sei sein Froschkönig, sage ich ihm. «Wir wollten für die Frauen einfach was schönes machen. Sie zum Lächeln bringen», erklärt er mir.

Am nächsten Stand, bei JoyDivision, zeigt mir Angela Mohlfeld ihre Toys, wie man hier auf der Messe sagt. Für jede Zielgruppe habe man etwas im Angebot. Wieder sind sie bunt und dekorativ. Angesprochen auf die Wirtschaftskrise, erklärt sie mir: «Die Erotikbranche hat Glück. Die Menschen besinnen sich in krisenhaften Zeiten auf das Zwischenmenschliche.» Und dann zeigt sie mir eine Kerze, die letztes Jahr auf der Venus bereits ein Renner gewesen sei.

Diese Kerzen hatte ich den ganzen Tag schon überall stehen sehen und mich gewundert, was Duftkerzen hier zu suchen haben. «Aber nun gut, die Venus will ja weg von ihrem Schmuddelimage, da tut ein wenig Romantik vielleicht gut», dachte ich mir. Ich habe mich aber geirrt, wie Frau Mohlfeld mir erklärt, es handelt sich um eine Massagekerze, mit dessen Wachs man sich gegenseitig einreiben kann, weil es nicht heiß ist und deswegen auf der Haut auch nicht weh tue.

Ich bedanke mich für die Beratung und schlendere langsam Richtung Ausgang. Ich bleibe noch bei einer Lesbenshow stehen. Doch schnell merke ich, dass zu viel Erotik ermüdend sein kann. Ein wenig übersättigt fühle ich mich jetzt schon. Doch dann fällt mir ein Schild ins Auge «Ladies Area». Ja klar, denke ich mir, es gibt ja noch einen speziellen Showbereich für Frauen. Davon hatte ich im Internet gelesen und wollte mir unbedingt die Strip-Show von dem Mann anschauen, wo im Programm in Klammern «30cm!» stand.

Aber anscheind war ich von den nackten Frauen und den Sexspielzeugen so abgelenkt, dass ich die Männer ganz vergessen hatte, die die Venus extra für uns Frauen in einem extra abgetrennten Bereich auftreten lässt. Ich gebe mir einen Ruck und gehe rein in die Ladies Area. Und ja strippende Männer, nett anzusehen. Ich ziehe meine Kamera aus der Tasche, mache Fotos wie die anderen Frauen hier. Und ja ich ertappe mich dabei, wie ich hochkonzentriert und stumm auf das Display meiner Kamera starre.

kab/news.de
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