Fr., 25.05.12

Heimatverbundenheit 15.10.2009 Warum Dresdner süchtig nach ihrer Stadt sind

Dresden (Foto)
Die Dresdner sind vor allem stolz auf die Bauwerke ihrer Stadt. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Christian Mathea

Die Verbundenheit der Dresdner mit ihrer Stadt ist etwas ganz Besonderes in Deutschland. Sagt die Wissenschaftlerin Gabriela Christmann. In keiner anderen Stadt seien die Menschen so verwurzelt mit ihrer Heimat wie in der sächsischen Landeshauptstadt.

Besucht man einen Dresdner in Stuttgart, München, Frankfurt oder gar in einer europäischen Metropole wie Paris, hört man ihn doch stets mit etwas Wehmut in der Stimme sagen: «Irgendwann gehe ich zurück.» Und das, obwohl er in der Ferne Freunde gefunden hat und gutes Geld verdient.

Dass die Dresdner sehr stolz auf ihre Stadt sind, bemerken die Gäste sofort: «Die Dresdner fragen einen gar nicht, ob einem die Stadt gefällt. Sie sagen es einem», erzählte Umberto Eco bei einem Besuch in der Landeshauptstadt überrascht. Auch Erhart Kästner, Bibliothekar und Schriftsteller, erinnerte sich an die Zuneigung der Bewohner zu Dresden: «Es war, glaub ich, die geliebteste Stadt, die Stadt, die von dem eigenen Volk und der ganzen Welt, wie man sogar sagen kann, am heißesten geliebt wurde, denn die Dresdner hingen ja mit einer beispiellosen Liebe an ihrer Stadt.»

Diese Heimatliebe hat auch Gabriela Christmann überrascht. Die vom Bodensee stammende Wissenschaftlerin, die mehrere Jahre an der Technischen Universität Dresden arbeitete, befragte 128 Passanten auf der Straße und interviewte 28 Personen eingehender zu diesem Thema. Eines ihrer Ergebnisse: Die Loyalitätsbekundungen ziehen sich durch alle Altersgruppen. «Viele Dresdner betonen, wie treu sie der Stadt sind, und finden, dass es fast einem Hochverrat gleichkommt, wegzugehen», erzählt die Forscherin.

So bekräftigte ein älterer Goldschmiedemeister ihr gegenüber: «Und ich hätte Dresden nur verlassen bei Gefahr für Leib und Leben. Also ich bin mit der Stadt fest verbunden.» Sogar junge Menschen sind von der Heimatliebe ergriffen. Ein gerade ausgelernter Steuerberater als Beispiel: «Also ich bin eigentlich jetzt auch schon in der Situation, wo ich meine, dass ich es eigentlich nicht groß verlassen werde. Ich würd's eigentlich schön finden, wenn man in Dresden bleiben kann.»

Die Heimatliebe wird weitergegeben

Warum sind die Dresdner nur so vernarrt in ihre Stadt? Der entscheidende Grund ist laut Christmann das Gefühl von Heimat. «Die Heimatliebe wird von Eltern an die Kinder weitergegeben: Auf Spaziergängen wird der Nachwuchs zum Dresdner erzogen», erklärt sie. Außerdem werde den Bewohnern das Bild ihrer Stadt über positive Berichterstattung in Zeitungen und Büchern vermittelt, das sie wohlwollend annehmen würden. «Nur was regelmäßig durch das Nadelöhr der Kommunikation geht, spielt beim Aufbau der Identität eine wichtige Rolle.»

Aber nicht nur geborene Dresdner sind ihr Leben lang in der Liebe zu ihrer Geburtstadt gefangen. Auch Neu-Dresdner können sich dem nicht lange entziehen und sehen die Stadt schnell als ihre Heimat an. Unter den befragten Zugezogenen nannte nur jeder Zehnte seine Bindung zu Dresden «schwach».

Diese Suchterscheinung stellte übrigens schon der Komponist Carl Maria von Weber fest. Zu seinen Lebzeiten gab er zu: «Ich kann aus diesem verflucht hübschen Neste nicht heraus!»

Anders als die Kölner, bei denen vor allem der Karneval und das Kölsch als Mittelpunkt für ihre städtische Identität gesehen werden, lieben die Dresdner an ihrer Heimatstadt besonders die Schönheit der barocken Bauwerke und die vielen Kunstschätze. Deshalb reagieren sie auch äußerst emotional, wenn allzu moderne Gebäude an geschichtsträchtigen Plätzen entstehen sollen.

Gabriela Christmamm hat aber nicht nur selbst geforscht. Bevor sie mit ihren Befragungen begann, wälzte die Wissenschaftlerin 392 Bücher, um nachzulesen, was in der Vergangenheit in der Literatur über die Dresdner geschrieben wurde.

Der Dresdner ist geschwätzig und neugierig

1777 charakterisierte der sächsische Historiker Benjamin Gottfried Weinart die Einwohner als gesittet, überaus gefällig, der größte Teil ohne Stolz, emsig, arbeitsam, unverdrossen und weniger zum Müßiggang geneigt. Manfred Heirler, Hans Joachim Dietze und Rainer Eisenschmidt schrieben 1991: «Der Dresdner ist von den als gemütlich bekannten Sachsen der konservativste und gemütvollste. Freundlichkeit, Kontaktfreudigkeit und ein wenig geschwätzige Neugier, vor allem Besuchern gegenüber, sind für ihn typisch.»

Im Gegensatz dazu gab es aber auch Kritikerstimmen. Einige Literaten bezeichneten die Dresdner als verschlafen und verträumt. Auch Erich Körner hatte etwas an den Dresdnern auszusetzen. 1895 schrieb er: «Ich bin nämlich keineswegs sonderlich von meinen lieben Dresdnern entzückt, und ich habe bis jetzt noch keine Großstadt kennen gelernt, deren Bewohnerschaft weniger großstädtisch wäre als die der Dresdner.» Schärfer formulierte Julius Schladebach, als er 1846 die Dresdner als heuchlerisch, arrogant, phlegmatisch und philisterhaft beschrieb.

Aber insgesamt überwogen bei der Literatursichtung von Gabriela Christmann die positiven Eigenschaften: «Die meisten Autoren meinen, das Dresdner freundlich, gemütlich, kontaktfreudig und konservativ sind.»

car/news.de
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