Fr., 25.05.12

Integrative Hotels 15.10.2009 Urlaub bei Behinderten

Integratives Hotel (Foto)
Behinderte Jugendliche arbeiten im Stadthaushotel Hamburg. Bild: R. Klar/Jugend hilft Jugend/srt

Von Justin Blücher

Der Gehörlose saugt Staub, ein Taubstummer schneidet Gemüse und die Gäste begrüßt an der Rezeption ein Rollstuhlfahrer. In integrativen Hotels sind mindestens ein Viertel der Angestellten schwerbehindert. Ein gutes Gefühl für die Gäste.

Der Mann braucht ein Bett für die Nacht. Er fährt auf der Autobahn von Hannover nach Dortmund und nimmt sein Navigationsgerät zur Hilfe. Das schlägt ihm das modern eingerichtete Flussbett-Hotel in Gütersloh vor. Er fährt vor. Der Geschäftsmann wird freundlich begrüßt. Die rollstuhlgerechte Bauweise fällt ihm genauso wenig auf wie die hohe Anzahl von Schwerbehinderten. Erst als die Frau an der Rezeption ihm erzählt, dies sei ein integratives Hotel, erfährt er von diesem neuesten Zweig des deutschen Übernachtungsgewerbes.

Mehr als ein Viertel der Angestellten in integrativen Hotels ist schwerbehindert. Die Unterkünfte stehen allen Gäste offen, sie setzen auf Begegnung von Menschen mit und ohne Handicap. Dieser Tourismus für alle scheint ein tiefes Bedürfnis zu treffen: Urlauber steuern die Häuser gern an, weil sie dort Freude, Freundlichkeit und Zuwendung erfahren - und weil sie stufenlos sind. Auch der Hotel- und Gaststättenverband setzt auf mehr barrierefreie Zimmer, denn der Nachholbedarf ist groß.

Mehr als 30 Hotels quer durchs Land haben sich die Begegnung zwischen Menschen mit und ohne Behinderung auf die Fahnen geschrieben. Die Hälfte von ihnen gehört zum Verbund der Embrace Hotels. Derzeit stehen die Zeichen auf Erweiterung, meint Präsident Axel Graßmann: «Wir sind in einer Neugründungsphase.» Mindestens 25 Prozent der Mitarbeiter müssen schwer behindert sein, sonst darf sich das Haus nicht integrativ nennen. Die Behinderten werden je nach ihren Fähigkeiten eingesetzt. «Wir möchten den Gästen das besondere Gefühl von Menschlichkeit mitgeben», betont Graßmann, der das Stadthaushotel Hamburg leitet.

Dort begann die Bewegung schon 1987. Damals schlossen sich die Eltern von acht unterschiedlich stark behinderten Kindern in der Initiative Werkstadthaus zusammen. Seit 1993 wohnen und arbeiten in dem damals gegründeten Stadthaushotel behinderte Menschen unter einem Dach. Erfahrene Hotelfachkräfte begleiten die Mitarbeiter, von denen viele sonst keinen Arbeitsplatz fänden.

Der Gehörlose zieht seinen Staubsauger durch die Zimmer. Der Taubstumme schneidet in der Küche das Gemüse. Der geistig Behinderte lädt und entlädt den Geschirrspüler und stapelt das Geschirr weg. Der Rollstuhlfahrer sitzt an der Rezeption. «Betriebsblinde gehören bei uns dazu», sagt eine Hotelfachkraft in einem integrativen Ausbildungs- und Tagungshotel und lächelt ein wenig. «Es gehört Fingerspitzengefühl dazu, jeden da einzusetzen, wo er optimal wirken kann», fügt sie hinzu und fragt: «Ist das nicht auch sonst so?»

Die Gäste übernachten zu marktüblichen Preisen (40 bis 130 Euro pro Nacht) in den integrativen Häusern. Wie dem Geschäftsmann in Gütersloh ergeht es vielen - sie merken zunächst gar nichts von der Besonderheit. Und wenn, dann haben sie dieses gute Gefühl, «einen öko-sozialen Mehrwert zu leisten», wie Graßmann sagt. «Wir haben durchweg positive Reaktionen bei unseren Gästen», stellt der Chef des lockeren Zusammenschlusses Embrace fest und ergänzt ein wenig stolz: «Hier wird ein Stück Normalität geschaffen.»

Das erscheint dringend nötig. Behinderte sind nicht nur in der Arbeitswelt schlecht dran, weil viele Betriebe lieber die Schwerbehindertenabgabe zahlen und sich so vom Einstellen eines behinderten Mitarbeiters freikaufen. Die Betroffenen selbst können auch kaum angemessen verreisen. «Dafür sind diese Hotels natürlich erste Wahl», bestätigt ein Sprecher der Nationalen Koordinationsstelle Tourismus für Alle in Düsseldorf, denn die integrativen Hotels sind barrierefrei und rollstuhlgerecht.

«Dafür, dass Behinderte genauso Urlaub machen können wie Nichtbehinderte, kämpfen wir seit 46 Jahren», pflichtet Wielant Machleidt bei. Der Vorsitzende der Erholungshilfe Sozialtherapeutische Erlebnisreisen in Hannover hält es für schlimm, Behinderte überall auszugrenzen. Sein Verein hat seit 1963 mehr als 60.000 Menschen mit seelischer, geistiger, körperlicher Behinderung sowie mehrfach Behinderten zu einem Erlebnisurlaub verholfen. Das Motto: Freude ist die beste Medizin.

iwi/car/news.de
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