Von news.de-Mitarbeiterin Anwen Roberts
Die meisten Lügendetektoren und Methoden Unwahrheiten zu enttarnen sind unzuverlässig. Das könnte sich mit einem ganz einfachen neuen Ansatz ändern. Psychologen haben herausgefunden, dass Lügner ganz andere Skizzen zeichnen als ehrliche Menschen.
Wer Lügen enttarnen will, braucht intensive Schulung über die Sprechweise von Lügnern – oder aber teure und unzuverlässige Gerätschaften wie Polygraphen (Lügendetektor). Unfehlbar ist keine der Methoden, oftmals ist derartige Ermittlungsarbeit in einer diffusen Grauzone von Verdacht, Mutmaßung und Instinkt angesiedelt.
Nun haben forensische Psychologen der Universität von Portsmouth in Großbritannien im bislang einzigen Experiment dieser Art jedoch eine verblüffende Entdeckung gemacht. Auf gezeichneten Bildern lassen sich Lügen möglicherweise wesentlich einfacher entdecken als in gesprochener Sprache, schreiben Psychologe Aldert Vrij und Kollegen in ihrem Artikel zur Studie im Journal Applied Cognitive Psychology.
Um ihre Idee zu testen, hatte das Team von Aldert Vrij 31 Freiwillige auf einen «Geheimauftrag» angesetzt. Die Teilnehmer sollten bei einem vermeintlichen Agenten, tatsächlich ein Schauspieler, einen Laptop abholen und bei einem zweiten Geheimagenten wieder abliefern. Der zweite Agent bat die Teilnehmer dann um eine Beschreibung vom Ort und von den Umständen der Übergabe – in Form einer Skizze. Hierbei sollte nur die eine Hälfte der Teilnehmer die Wahrheit wiedergeben, die anderen sollten der Bitte mit einem Lügenbild nachkommen.
Vrij und sein Team entdeckten charakteristische Unterschiede zwischen den Zeichnungen der ehrlichen und der unehrlichen Gruppen. Erstens ist vor allem die Personendarstellung in der Skizze verräterisch: nur 13 Prozent der Lügner (zwei der 16 Teilnehmer) bauten die Person, von der sie den Laptop erhalten hatten, mit ins Bild ein, im Gegensatz zu 80 Prozent (12 von 15) derer, die die tatsächliche Begegnung zeichneten.
Perspektive und skizzierte Personen
Lügnern erscheint es meist als gute Strategie, zumindest irgendeiner Wahrheit möglichst nahe zu bleiben, erklärt Vrij. Fast alle Lügner in ihrem Versuch hätten daher entschieden, statt der wahren Begegnungsstätte einen anderen bekannten Ort (statt eines frei erfundenen) zu malen. Weil dies aber nicht der Ort des Treffens sei, fiele es den Lügnern schwerer, sich im Kopf die entsprechende Person an diesen Ort hinzuzudenken.
Der zweite auffällige Unterschied war die Bildperspektive: Der Großteil der Lügner (80 Prozent) stellte die Szene eher aus der Vogelperspektive dar, während die wahrheitsgetreue Gruppe dagegen mehrheitlich den eigenen Blickwinkel beziehungsweise Schulterhöhe bevorzugte. Während Lügner in gesprochener Sprache meist recht schnell eine plausible Geschichte konstruieren können, ist es weitaus schwieriger, räumliche Relationen zwischen ausgedachten Objekten herzustellen und überzeugend aus der Ich-Perspektive darzustellen, vermuten die Autoren.
Die Versuchsergebnisse legen nahe, dass die Methode auch bei Polizei- und Ermittlungsarbeit wirkungsvoll zum Einsatz kommen könnte. Verglichen mit den relativ fehlbaren Verhörtechniken und Detektortests könnte eine einfache Zeichnung eine zuverlässige, günstige und unaufwendige Ermittlungsmethode werden.
Der Überraschungsmoment
Denn notorische Lügner stellt die schlichte Zeichnung vor erhebliche Schwierigkeiten: Zum einen, weil die Forderung, eine Skizze anzufertigen, überrascht und Lügner überzeugender sind, wenn sie sich auf den Betrug vorbereiten können. Zum anderen können verbale Lügen sehr überzeugend sein und von ehrlichen Aussagen nur schwer unterschieden werden. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die sprachlichen Fallgruben der Lüge mittlerweile bekannt sind und viele populärpsychologische Wahrheiten zum Allgemeinwissen zählen.
Durch Filme und Serien ist heute jeder Fernsehzuschauer in allen Facetten der Verhörtechnik geschult - vom harmlosen «good cop, bad cop»-Prinzip bis zu den brutalen Foltermethoden von Agent Jack Bauer in der Fernsehserie 24. Das karge Verhörzimmer gehört zum Pflichtprogramm in bald jedem Krimi oder Thriller, und der Verhaltenskodex dort ist mindestens so standardisiert wie das Happy End der Hollywood-Schmonzette.
Nicht zuletzt durch diese Fernsehbinsen sind die verräterischen Sprachsignale des Lügners bekannter als je zuvor. Das bedeutet aber eben auch, dass sie von notorischen Lügnern oder cleveren Verbrechern bewusst unterdrückt werden könnten. Doch könnten Verbrecher nicht auch die Indizien der Lügenzeichnung in Erfahrung bringen und überlisten? Theoretisch schon, doch nach Ansicht der Forscher würden der Überraschungseffekt und auch die größere Schwierigkeit der Lügen-Visualisierung gegenüber der Lügen-Verbalisierung jede theoretische Überlegung oder Vermeidungsstrategie stets übertreffen.
kat/car/news.de