Von news.de-Mitarbeiterin Anwen Roberts
Ihre Forschungsgegenstände sind schon so manchen Wissenschaftlern zum Verhängnis geworden. Der Mikrobiologe Malcolm Casadaban ist der jüngste Todesfall. Eine Autopsie wies Beulenpest-Bakterien aus seinem Labor in der Blutbahn nach.
Ein tragischer Todesfall an der Universität von Chicago gibt der US-Forschergemeinde Rätsel auf: Der Mikrobiologe Malcolm Casadaban soll sich dort an seinem Arbeitsplatz mit den Erregern der Beulenpest infiziert haben. Casadaban starb am 13. September in Chicago, nachdem er zuvor über grippeähnliche Beschwerden geklagt hatte. Noch ein Opfer der Schweinegrippe, wurde zunächst vermutet. Doch bei der Autopsie wurden Pestbakterien in seiner Blutbahn gefunden.
Eine Todesursache konnte jedoch nicht ermittelt werden, sodass es außer der Anwesenheit des Bakteriums Yersinia pestis in seinem Körper bislang keine Hinweise darauf gibt, dass Casadaban tatsächlich an der Beulenpest erkrankt war. Nun ist die US-Seuchenkontrollzentrale CDC eingeschaltet worden, um die Universität bei der Aufklärung des Todesfalles zu unterstützen.
Kontakt mit den Erregern hatte Casadaban bei seiner Arbeit aber eindeutig: Der Forscher hatte an der Universität Chicago an einer abgeschwächten Variante von Y. pestis geforscht, die zur Weiterentwicklung von Impfstoffen gegen die Pest vorgesehen war. Es sei bislang unbekannt gewesen, dass der abgeschwächte Bakterienstamm ebenfalls zu Pesterkrankungen führen könne, teilte die Universität mit.
Doch eine Vorerkrankung Casadabans oder eine ungewöhnliche Mutation der Bakterien hätten die schwache Y. pestis-Variante dem Forscher schließlich doch gefährlich werden lassen können. Und von den Impfstoffen, die aus den schwachen Y. pestis-Stämmen entwickelt werden, ist bekannt, dass sie grippeartige Nebenwirkungen haben können.
Infizierung trotz hoher Sicherheitsvorkehrungen
Unklar ist indes, ob Malcolm Casadaban aufgrund der Erreger im Blut gestorben ist. Ein Rätsel ist auch, wie die Bakterien in seinen Körper gelangt sind. Aus Mangel anderer Erklärungen wird spekuliert, ob sich Casadaban möglicherweise absichtlich mit den Bakterien infizierte.
Die Arbeit mit Y. pestis sei sehr strengen Sicherheitsvorkehrungen unterworfen. Schutzbrillen, Handschuhe, Laborkittel und auch der Einsatz von Sicherheitswerkbänken, die zum Filtern der Laborluft verwendet werden, seien beim Umgang mit Pesterregern verpflichtender Standard, berichtet die New York Times.
Daher sollten Infektionswege über Atmung, Hautverletzungen oder Augen und Mund ausgeschlossen sein. Die Beulenpest, die im Mittelalter wütete und seitdem eingedämmt, aber nie ganz ausgerottet wurde, wird von Y. pestis ausgelöst und überträgt sich typischerweise durch Flohbisse auf den Menschen und anschließend von Mensch zu Mensch.
Dass Forscher an ihrem Forschungsgegenstand sterben, kommt insgesamt nur sehr selten vor. Doch diejenigen Fälle, die bekannt werden, erlangen schnell den Status von Wandersagen der Forschungsgeschichte.
Legendär ist die Lebensgeschichte von Howard Taylor Ricketts, einem der Pioniere der Infektionsmedizin (1871 bis 1910). Ricketts interessierte sich durch den Ausbruch einer Typhus-Epidemie in Mexiko 1909 für die Seuche, die ihm zum Verhängnis wurde. Er vermutete, dass Typhus von Insekten übertragen werde, und reiste auf der Suche nach Antworten nach Mexiko. Ricketts starb im Mai 1910 an der von ihm untersuchten Krankheit, nur Tage nachdem er den Typhus auslösenden Mikroorganismus isoliert zu haben glaubte.
Selbstversuch als Theoriebeleg
Noch perfider sind aber Geschichten von Forschern, die sich in voller Absicht selbst zum Versuchskaninchen machen. Als in den 1980er Jahren die australischen Mediziner Barry Marshall und Robin Warren chronische Gastritis und Magengeschwüre erforschten, entdeckten sie das Bakterium Helicobacter pylori im Magen ihrer Patienten. Sie kamen zu dem Schluss, dass Magengeschwüre nicht etwa durch Stress oder scharfes Essen entstehen, sondern von Helicobacter pylori ausgelöst werden.
Ihrer richtigen Annahme wurde lange Zeit kein Glauben geschenkt, weil die damals in der Medizin vorherrschende Überzeugung, dass in dem sauren Klima des Magens kein Bakterium überleben könnte, viel zu dominant war. Das Forscherteam griff zu drastischen Beweisverfahren.
So schluckte Marshall kurzerhand selbst eine Kultur des Bakteriums, woraufhin er akute Symptome einer schweren Gastritis entwickelte. Der Selbstversuch nahm aber ein gutes Ende. Er ließ die Infektion mit H. pylori in einer Biopsie nachweisen und behandelte sich selbst mit Antibiotika. Sofort verschwand seine Gastritis. Damit hatte er sich selbst zum lebenden Beweis dafür gemacht, dass die Beseitigung von H. pylori einer Heilung von Gastritis und damit assoziierten Magengeschwüren gleichkam. Für seinen Einsatz für die Medizin bekam er zusammen mit Robin Warren 2005 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin.
kat/ham/news.de