Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Jeder Deutsche isst in seinem Leben 1094 Tiere. Im Durchschnitt, denn es gibt auch fünf Millionen, die gar kein Fleisch zu sich nehmen. Wie Suse Stock, die mit Freunden gerade ein fleischloses Bistro eröffnet hat - und sich vor Kunden kaum retten kann.
Um die Warum-Frage kommen sie nie herum. Nicht, dass es keine Gründe gäbe. Massentierhaltung. Klimawandel. Der Hunger in der Welt. Gesundheit. Einfach keine Kadaver essen wollen. Es sind ziemliche Gutmenschengründe, die Vegetarier machen. Und man hat nicht immer Lust, über sein Gutmenschentum zu sprechen. Manchmal möchte man einfach nur essen. Heute aber ist Vegetarier-Tag. Heute soll übers Vegetariersein geredet werden.
Zum Thematisieren hat sich zum Beispiel der HipHopper Thomas D. durchgerungen. Genauer gesagt, er rappt natürlich drüber: «Ich hab gedacht, ich sag's nicht, doch manch einer fragt mich oft, sag ich: ‹Ich ertrag's nicht, dass Karma durch Kadaver geplagt ist›», erzählt der erklärte Vegetarier und Biobauer in Deshalb bin ich hier.
Ein öffentlicher Vegetarier ist auch Professor Claus Leitzmann. Auf das Konto des Ernährungswissenschaftlers gehen unzählige Veröffentlichungen über gesunde – vegetarische – Ernährung. Ihn hat seine Tochter vom Fleisch fallen lassen. «Sie kam nach Hause und erzählte, der Lehrer habe gesagt, wenn wir weiterhin Fleisch essen, müssen Menschen in anderen Ländern hungern.» Denn Maniok, Soja und Getreide aus Entwicklungsländern würden in der Tierproduktion «veredelt», anstatt Menschen zu ernähren.
Die sechsköpfige Familie Leitzmann erklärte sich solidarisch und verzichtete auf Tiere im Speiseplan - für ein Jahr vorerst. Das ist nun 30 Jahre her, und Leitzmanns sind vegetarisch geblieben. «Danach hatte keiner mehr ein Interesse daran, zum Fleisch zurückzukehren», sagt der Ernährungswissenschaftler. Von seinem professionellen Standpunkt her völlig unkompliziert: «Fleisch muss man gar nicht ersetzen. Wenn man es weglässt, isst man automatisch mehr anderes – Getreide, Nüsse, Hülsenfrüchte. Dadurch kann man Fleisch gut ersetzen.»
Für Claus Leitzmann bringt der Vegetarismus gesundheitliche, ökologische und ethische Vorteile. «Viecher umbringen, um uns zu ernähren», wie er es ausdrückt - das ist für immer mehr Menschen zweifelhaft. Fünf bis sechs Millionen Vegetarier gebe es heute in Deutschland, sagt der Ernährungswissenschaftler. Als er vor drei Jahrzehnten seine ersten Veröffentlichungen zum Thema herausbrachte, war es noch eine halbe Million.
Rund 100 von ihnen kommen jeden Tag ins Deli. Am 27. Mai haben Suse Stock und Kristjane Rode an der Leipziger Wolfgang-Heinze-Straße die vegetarische und vegane Alternative zu Döner und Bratwurst eröffnet. Ihr Konzept ist so simpel wie effektiv. Burger und Gemüse zwischen Brot, leckere Soßen dazu, und das Ganze für rund drei Euro.
Alles wie gehabt, nur ohne Tier und dafür mit Phantasie. Barbecue-Whisky-Soße lässt sich auf dem Soja-, Saitan- oder Tofu-Burger mit Ananas-Curry, Petersilie-Hanf oder African Fire kombinieren. Alles selbst angerührt, «aus hochwertigen Materialien und viel Bio» - bis zur Mayonnaise für die Pommes. Statt Kuhmilch ist Soja-, Reis- oder Hafermilch drin, Quark ersetzt das Deli durch eine vegane Sauercreme, die über einen Spezialversand aus den USA kommt. Und das Deli-Sandwich ist selbstgebackene Focaccia aus Sauerteig.
Die zehn Deli-Mitarbeiter eint die gute Idee: «Eigentlich legen wir nur Wert auf gutes Essen und Trinken», sagt Carsten Freitag. Er hat die Inneneinrichtung gebaut und steht einmal pro Woche hinterm Tresen, weil er sich hier wohlfühlt. «Es darf nicht lieblos gemacht sein. Auch der Kaffee muss schmecken», skizziert er die Philosophie.
Vegetarismus oder VeganismusVeganer verzichten grundsätzlich auf alle tierischen Produkte, nehmen also auch keine Milchprodukte oder Eier zu sich sind nicht nur eine Ernährungs-, sondern auch eine Lebensart. Claus Leitzmann ist damals zwar hineingeschlittert, steht heute aber ganz fest zur fleischlosen Ernährungsweise, «weil Erkenntnisse deutlich zeigen, dass es gesundheitliche, ökologische und ethische Vorteile hat: Warum sollten wir Viecher umbringen, um uns zu ernähren, wie beeinflusst das die Menschen in armen Ländern – da spielen drei, vier Sachen zusammen, die für mich alle gleich wichtig sind.»
Ein gern belächeltes Argument ist der Einfluss rülpsender Kühe auf den Klimawandel. Kein Scherz, betont Leitzmann. 1,5 Millionen Rinder weltweit dienten nur der menschlichen Ernährung. «Als Wiederkäuer rülpsen sie und stoßen dabei Methan aus. Das ist 20 Mal so schädlich wie CO2. Wenn man das umrechnet, sind die Rinder klimaschädlicher als der gesamte Autoverkehr», sagt der Ernährungswissenschaftler. Deshalb ist er auch dafür, den Milchverbrauch zu senken.
Den Menschen jedoch eine Ernährungsform vorzuschreiben, hält er für keine gute Idee. «Der Souverän ist der Käufer, das ist wie bei den Wahlen. Durch Aufklärung haben wir viel erreicht, die Arbeit der letzten drei Jahrzehnte war nicht vergebens. Für die Biowelle sind wir anfangs verlacht worden, sie galt als dogmatisch und unwissenschaftlich. Und jetzt ist sie sehr erfolgreich», vergleicht er.
Auch beim Fleischkonsum zeichnen sich Tendenzen ab. In den letzten Jahren sei er von 70 auf 60 Kilo pro Person und Jahr zurückgegangen, sagt Claus Leitzmann. Dennoch verspeist der Durchschnittsdeutsche noch immer 1094 Tiere im Leben, wie der Vegetarierbund ausgerechnet hat. Demnach kommen auf jeden Einzelnen im Schnitt vier Rinder, vier Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, 46 Truthähne, 46 Schweine und 945 Hühner.
Schon, wenn jeder einmal pro Woche einen fleischlosen Tag einlegte, blieben 157 Millionen Tiere von der Schlachtbank verschont, betont Sebastian Zösch vom Vegetarierbund. Im belgischen Gent ist jeder Donnerstag fleischfreier Tag.
Wie man als Vegetarier die klassischen Ernährungsbausteine wie Eiweiß, Calcium, Eisen oder das lebenswichtige, aber hauptsächlich in tierischen Produkten enthaltene Vitamin B12 ersetzt, erklärt der Vegetarierbund ausführlich auf seiner Website.
Aber wer sich für eine vegetarische oder vegane Ernährung entscheide, esse automatisch bewusster, betont Ernährungswissenschaftler Leitzmann. Das ist auch das Geheimnis der Deli-Macher. Kochen hat keiner von ihnen gelernt – aber sie sind überzeugte Vegetarier oder Veganer. «Die Schwierigkeiten mit dem Ersetzen haben wir schon bei der Kocherfahrung im Heimbereich überwunden», sagt Suse Stock.
Sie ist eigentlich Sozialpädagogin, aber es fehlte die berufliche Perspektive. Also zog sie mit Freunden zunächst ein veganes Catering auf. Im alternativen Leipziger Stadtteil Connewitz fand sich schließlich auch ein fester Platz für die Idee, gleich neben einem der ältesten Kinos Deutschlands. Es passt. «Wir waren schon öfter ausverkauft. An manchen Tagen überrollt es uns auch», sagt Suse Stock. Das Deli fügte sich ein in die Szene wie ein fehlendes Puzzlestück, nicht nur zur Nahrungsaufnahme. Abends scharren sich im Licht vor dem schmalen Lokal die Leute zusammen und quatschen beim Bier.
Mit ihrem Erfolg haben Suse Stock und ihre Kollgen selbst den Unternehmensberater überrascht, den sie anfangs konsultiert haben. «Der konnte sich das nicht vorstellen», sagt Stock. Sie aber kannten ihren Kiez – obwohl, das betonen Stock und Freitag, nicht nur die linke Szene die Deli-Burger bestellt. Auch viele Familien fühlen sich angezogen – Kinder, die ihre Eltern mitbringen. Wie damals bei Claus Leitzmann.
kat/news.de/dpa
Die Landwirtschaft in Deutschland verursacht nach Angaben der Verbraucherorganisation Foodwatch annähernd soviel klimaschädliche Gase wie der Straßenverkehr: nämlich 13 Prozent der Treibhausgase insgesamt.
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