Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Gekuppelt wird seit Menschengedenken. Richtig offiziell schrieb sich jedoch als erster Henry Robinson aus London die Partnervermittlung aufs Firmenschild: Am 29. September 1650. Seitdem hat sich einiges getan am Heiratsmarkt.
Liebe ist, wie sie ist - dank Erich Fried müssen wir uns darüber nicht mehr den Kopf zerbrechen. Aber Liebe ist auch eine hervorragende Geschäftsidee. Kupplerinnen oder den Schidduch der Juden gibt es seit Menschengedenken. Henry Robinson aber war der erste Europäer, der in London ganz offiziell sein Eheanbahnungsinstitut «Office of Addresses and Encounters» öffnete. Das ist genau 359 Jahre her.
«Interessenten, die sich selbst oder Freunde verheiraten wollen, können hier Informationen bezüglich Personen und Mitgift einholen», warb Robinson für sein Büro in der Threadneedle Street. Der erste Kunde war gleich ein Lord: Sir John Dimly, Lord of Manor and Henry Castle, sehnte sich nach der Ehe mit einer jungen Frau. Nicht aber Schön- oder Sanftheit war ihm wichtig, sondern die Mitgift. 300 Guineas sollten es schon sein, ob nun Jungfrau, Witwe oder werdende Mutter war dem klammen Lord egal. Liebe? Damals nur ein Wort.
«Früher strukturierten äußere Gegebenheiten die Lebensumstände: Familienverbände, Gemeinden, Dorfgemeinschaften. Es gab einen klar überschaubaren Heirats- und Partnersuchemarkt», erklärt Margot Berghaus, Professorin für Soziologie an der Universität Hamburg, die Umstände, unter denen früher Partnerfindung betrieben wurde: «Man stieß auf Partner, die einem ähnlich waren, häufig auch aktiv unterstützt von der Verwandschaft.»
Was heute die Disko-Bekanntschaft ist, war damals der Nachbarsjunge oder die Tochter des nächsten Gutsherrn. Und was damals Henry Robinson war, ist heute unter anderem das Portal Parship. Seit 2002 ist die Partnervermittlung online. Insgesamt haben 1,3 Millionen Deutsche ihren Lebensgefährten im Internet gefunden, hat der Hightech-Verband Bitcom herausgefunden. Der Heiratsmarkt im Internet boomt. Gab es früher pro Monat etwa 100.000 Kontaktanzeigen, gehen heute sieben Millionen Kunden am Computer auf Brautschau.
Die heutige Liebe macht, was sie will
Zwischen Henry Robinson und Parship liegen aber nicht nur 350 Jahre und ein medialer Quantensprung. Auch die Liebe hat seit dem 18. Jahrhundert ihr Gesicht langsam gedreht. «Früher waren die passenden Lebensumstände wichtiger. Auch der Heiratsvermittler war in diese Umstände eingebettet. In den seltensten Fällen wurde er von individuellen Personen genutzt», sagt Margot Berghaus. Auch hier seien es häufig Eltern oder Verwandten gewesen, die ihre hoffnungslosen Fälle unter die Haube bringen mussten. «Jetzt steht die individuelle Liebe im Mittelpunkt. Die Liebe nimmt einen größeren Raum ein, dafür sind die Partnerschaften auf die Dauer weniger stabil», stellt sie fest.
In Deutschland begann in den 1970er Jahren die große Zeit der Partnervermittler. Anfangs trat auch dort noch die Mama für ihren 33-jährigen Nesthocker in Aktion, erzählt Henning Wiechers. Inzwischen sei der Heiratsmarkt definitiv individualisiert.
Das Prinzip der Vermittlung ist überall dasselbe: Wer sich bei einer Partnervermittlung anmeldet, muss einen umfassenden Eigenschaftstest ausfüllen, vermittelt wird nach psychologischen Kriterien.
Je mehr Gesuche, desto größer die Auswahl. Hier liegt der große Vorteil der Onlineportale. «Das Heiratsinstitut Sonnenschein in Wanne-Eickel hat vielleicht zwölf Singles in seiner Kartei. Mit psychologischen Kriterien brauchen sie da nicht anzufangen. Da kann man noch schauen, ob Raucher oder nicht und dass das Alter passt», stellt Henning Wiechers fest, der im Internet Singlebörsen vergleicht und auswertet.
Die modernen Institute richten sich nach unterschiedlichen psychologischen Modellen, die bestimmte Typen und Eigenschaften einander zuordnen. «Die tatsächlich entscheidenden Faktoren für Partnerschaft aber weiß kein Mensch», findet Henning Wiechers.
Mit gutem Kapital wird gewuchert
Eins jedoch ist klar: Die Strippen ziehen die Vermittler. «Unseriös», ist das Stichwort, das Margot Berghaus spontan für den Berufsstand einfällt. In Studien hat sie – allerdings noch für klassische Heiratsinstitute – herausgefunden, dass die Vermittler nie den Personenkreis werben, an dem es eigentlich mangelt: an jungen Frauen und älteren Männern. Anstatt also gezielt nach ihnen zu suchen, um die Nachfrage befriedigen zu können, würden stets junge Krankenschwestern und Verkäuferinnen mit guten Kochkünsten angepriesen, die eigentlich fehlen – und so nur noch mehr junge Männer geangelt.
Die Vermittlungsgebühr aber wird ohnehin kassiert. Im Internet ist man mit rund 150 Euro für drei Monate dabei, bei Instituten sind die Preise weit gefächert: «Von gar nichts bis zu 20.000 Euro», sagt Henning Wiechers – je nach Finanzkraft des Kunden. Und mit gutem menschlichem «Kapital» werde auch gern gewuchert. «Wenn ich einen brauchbaren älteren Herrn habe, kann ich auch zehn Frauen Geld dafür bezahlen lassen», schätzt er die Denkweise der Vermittler ein.
Doch hat Henning Wiechers eine These, warum vermittelte Paare vielleicht doch länger halten als Disko-Bekanntschaften: «Wer ein paar 100 Euro zahlt für die Vermittlung ist schon ein bisschen verzweifelt. Da gibt es dann haltbarere Beziehungen», vermutet er. Ob Sir Dimly erfolgreich war, ist nicht überliefert.
kat/news.de