Judith Göller hat keine Probleme mit pöbelnden Jugendlichen vor dem Schlafzimmerfenster. Sie ist gehörlos. Wenn ihre Söhne wollen, dass sie zu«hört», knipsen sie das Licht an und aus. Für news.de erzählt Judith Göller ihren Tag.
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Lester Maul ist eine Kunstfigur, die bissig, böse und aus dem Bauch heraus das aktuelle Geschehen exklusiv auf news.de kommentiert. Hinter der Figur stecken mehrere Kabarettisten. Ihre Beiträge entstehen unabhängig von der Redaktion. Sie sollen provozieren, amüsieren und orientieren – und bloß kein Blatt vor den Mund nehmen.
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Wer nicht hören kann, der hört eben mit seinen Augen, mit der Nase, mit den Händen. Wer nicht hören will, dem nützt auch die Verstärkeranlage der Rolling Stones nichts. Dem hilft manchmal nur ein Tritt in die Weichteile oder ein miserables Wahlergebnis.
«Die Nacht durchschlafe ich in herrlicher Ruhe und Stille. Nichts weckt mich auf, keine Geräusche, gar nichts - es sei denn, meine Katze springt auf meinem Bett herum.» Selbst ein schriller Wecker könnte Judith Göller nicht in ihrer Ruhe stören.
Doch die Tage zu verschlafen, das kann sich die Buchhalterin und Mutter von zwei - hörenden - Jungs nicht leisten: «Der Vibrationswecker liegt unter meinem Kopfkissen, so spüre ich das Vibrieren direkt am Kopf.» Der Blitzlichtwecker, den viele Gehörlose nutzen, ist ihr zu radikal. Wenn es tagsüber bei ihr klingelt, lässt es Judith Göller allerdings doch mit einer Blitzklingel-Anlage bei ihr «anschellen».
«Es gibt inzwischen so tolle Hilfsmittel für Hörbehinderte. Wenn ich Brot backe, habe ich einen Superherd, der sich nach Backende per Zeitautomatik abschaltet. Viele benutzen auch eine Vibrationsuhr oder das Handy in der Hosentasche, um die Koch- und Backzeit zu überwachen. Ich habe auch ein gut entwickeltes Zeitgefühl.»
Die Notwendigkeit gewisser Geräusche liegt auf der Hand. Aber was ein hörender Mensch im Alltag so alles über die Ohren wahrnimmt, fällt erst im Kontakt mit einer Gehörlosen wirklich auf. Ihnen geht es andersherum nicht anders. «Da gibt es so vieles, was so selbstverständlich für die Gehörlosen ist, dass wir nicht mehr darüber nachdenken. Genau wie bei Hörenden, die Vögelgezwitscher oder Uhrticken nicht wahrnehmen. Wenn ich also Auto fahre, spüre ich die Vibration des Motors an meinem Sitz und am Steuer. Tanke ich das Auto voll, spüre ich das Einlaufen des Sprits am Tankstutzen.»
Selbst am Parkautomat erfühlt Judith Göller Geräusche. «Ich werfe die Münze ein und lege sofort danach die Hand an, um zu spüren, ob der Automat auch wirklich anspringt. Gehe ich dann zu Fuß durch die Stadt, und es wird an einer Baustelle lärmend gearbeitet, so spüre ich die Vibrationen an meinen Füßen, auf meinem Zwerchfell und im Magen.
Wie ich in meinem Alltag kommuniziere, in dem um mich herum immer Stille ist? Ich lese meinem Gegenüber von den Lippen ab.» Zum Beispiel bei ihrer Arbeit in der Buchhaltung. In ihrer Firma ist Judith Göller die einzige Gehörlose. «Treffe ich meine gehörlose Freunde, gebärde ich mit ihnen. Die Hände fuchteln durch die Lüfte und das Gesicht bewegt sich passend dazu.»
Sehen, was andere hören
Läuft die Kommunikation über größere Distanzen, ist die digitale Welt für Gehörlose ein Segen, denn sie brauchen Bilder für ihre Kommunikation. «Mich kann man dank des Internets und neuartigen Funktionen per Handy und E-Mail erreichen. Fax war mal In, ist aber inzwischen Out. Viele Gehörlose besitzen auch einen Bildtelefon, mit dem sie von Angesicht zu Angesicht telefonieren können. Im Internet gibt es diese tollen Chat-Möglichkeiten mit Webcam.»
Aber selbst beim Sehen nimmt der Gehörlose einiges anders wahr. «Wir achten mehr auf Licht, Schatten und Spiegel, um nicht so oft zu erschrecken, wenn jemand von hinten kommt. Trotzdem erschreckt man als Gehörloser häufiger.» Und Gehörlose sind unromantisch, gibt Judith Göllner zu – zumindest, was das Schummerlicht angeht. «Um am Abend draußen zu sitzen und uns zu unterhalten, brauchen wir gute Beleuchtung. Dämmerlicht strengt die Augen sehr an beim Lippenabsehen. In der Dunkelheit sind wir buchstäblich blind und taub - eine Horror-Vorstellung, da die Orientierung komplett wegfällt.»
Licht muss häufig die Rolle des Tons übernehmen. Auch, wenn Judith Göller ihre Jungs ins Bett bringt. «Mein erster Sohn ist vor dem Einschlafen immer besonders mitteilungsbedürftig. Er macht das Licht immer wieder an, damit ich ihm zu«höre». Ist er fertig, mache ich das Licht aus. Dann macht er das Licht wieder an, weil ihm noch etwas eingefallen ist. Dann mache ich das Licht aus...»
Wie im Film. «In Still-Leben gibt es eine großartige Szene mit einem gehörlosen Paar. Sie streiten sich, und dabei geht das Licht an und aus, an und aus und dazwischen der Dialog. So wird verdeutlicht, wie sehr wir auf das Licht angewiesen sind.»
Judith Göller ist von Geburt an gehörlos. Auch ihre beiden Schwestern sind hörbehindert, ihr Bruder kann aber hören. Die drei sind die einzigen Gehörlosen in der gesamten Verwandtschaft. Sie lebt in Speyer und schreibt mit Inbrunst an ihrem Gehörlosblog.
Leserkommentare (1)
Liebe Isabelle Wiedemeier, "Judith Göller hat keine Probleme mit pöbelnden Jugendlichen vor dem Schlafzimmerfenster. Sie ist gehörlos. Wenn ihre Söhne wollen, dass sie zu«hört», knipsen sie das Licht an und aus. Für news.de erzählt Judith Göller ihren Tag." ... Für news.de "berichtet" Judith Göllner "über" ihren Tag. .. , so müsste es doch wohl auf "gut Deutsch" heißen, nicht wahr? Wir wollen doch bei aller Modernität unserer Sprache nicht so sehr auf die Füße treten.
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