Mo., 13.02.12

Autofreier Tag 14 Tage vom Führerschein getrennt

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Artikel vom 22.09.2009

Leergefegte Autobahnen? Die gab es vielleicht zu Zeiten der Ölkrise. Für den autofreien 22. September lässt kaum jemand sein stinkendes Vierrad stehen. Aktionen für den Klimaschutz kommen nur sehr langsam voran - aber immerhin.

Der 22. September ist Autofreier Tag. Der Weg mit dem Fahrrad zur Arbeit verrät darüber allerdings nichts. Wie jeden normalen Tag quetschen sich die Radler an der Ampel neben die tuckernden Blechkisten, werden überholt und holen sie an der nächsten Ampel wieder ein. Gibt es am 22. September mehr Fahrradfahrer, warten Menschenmassen an den Straßenbahnhaltestellen? Nein. Die Autos und ihre Fahrer haben von der Autofreiheit offenbar nichts mitbekommen.

André Muno schaut seine Datei durch. Nein, Leipzig nimmt tatsächlich nicht teil am Autofreien Tag, stellt der Koordinator der Europäischen Mobilitätswoche fest. Nur zwölf Städte in Deutschland haben wie Köln oder Chemnitz tatsächlich Straßen für Autos gesperrt und für Fußgänger und Fahrräder geöffnet und dürfen sich damit als offizielle Teilnehmer bezeichnen. Immerhin haben rund 40 Städte mit Stadtfesten und Aktionen an der Europäischen Mobilitätswoche mitgemacht, deren krönender Abschluss der Autofreie Tag sein soll. In Ulm darf man kostenlos Bus fahren. Und Trier hat eine eigene Spur für Busse und Radfahrer von der Porta Nigra zum Bahnhof getestet. Wenn sie angenommen wird und den Verkehr entlastet, überlegt man, auch die übrigen Busspuren für Fahrradfahrer zu öffnen, sagt Pressesprecher Ralf Frühauf.

Genau so stellt sich André Muno den Erfolg der Mobilitätswoche vor. Denn dass ein Autofreier Tag im Jahr, bei dem kaum jemand mitmacht, auf den ersten Blick wenig überzeugt, sieht er auch. Doch der 22. September solle kein isoliertes Datum bleiben, sondern dauerhafte Veränderungen anstoßen. Vor zwei Jahren in Frankfurt hat das auch geklappt: «Da wurde der Hauptverkehrsknotenpunkt an der Hauptwache zur Fußgängerzone für die Mobilitätswoche gesperrt, und anschließend hat man entschieden, wir machen das permanent.» Chemnitz nutzt in diesem Jahr den Anlass, um seine neuen erdgasbetriebenen Busse vorzustellen, andernorts werden die Bürger über neue Fahrradwege und fußgängerfreundliche Ampelschaltungen informiert. «Es soll auch eine Plattform sein, bei der die Kommunen zeigen können, was sich bewegt», sagt Muno.

Trier hatte noch eine Idee. Die Verkehrsbetriebe haben den Führerschein einiger williger Bürger eingezogen und ihnen dafür ein Ticket für 14 Tage ausgehändigt. «Das war eine einmalige und erstmalige Aktion», sagt Sprecher Carsten Grasmück. Und sie war erfolgreicher, als er sich erhofft hatte. Trier hatte den Autofreien Tag auf Sonntag vorgezogen, um mehr Menschen ansprechen zu können – und immerhin 110 Personen haben sich auf den Tausch eingelassen: «Leute von 20 bis 77 Jahren», sagt Carsten Grasmück. «Sie wollen testen, ob es für sie alltagstauglich ist. Manche fahren innerstädtisch sowieso mit dem Bus und wollen jetzt ausprobieren, sich auch in der Region mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bewegen.» In zwei Wochen können sie ihren Lappen wieder abholen, als - so zumindest die Hoffnung der Verkehrsbetriebe - geläuterte Freunde des Öffentlichen Nahverkehrs.

Schneller ohne Gestank - notfalls auch mit Elektromotor

Um das Auto überflüssig zu machen, müssten die Gemeinden nicht unbedingt viel Geld ausgeben, betont André Muno: «Alles, was uns raus aus dem mobilisierten Individualverkehr bringt, ist Umweltschutz. Jeder nicht gefahrene Kilometer.» Denn 150 Gramm CO2 pro Kilometer stoßen europäische Autos im Schnitt aus, hat eine Studie des Europäischen Verbands für Verkehr und Umwelt ergeben. Über die deutschlandweite Ersparnis eines autofreien 22. Septembers möchte Muno keine Spekulationen anstellen. «Aber es ist für jeden ein Leichtes, es sich selbst auszurechnen, wenn er statt des Autos das Fahrrad nimmt.»

Das Fahrrad mit in den Bus nehmen dürfen, Kreuzungen fahrradfreundlicher gestalten, indem an der Ampel eigene Stellflächen für Räder eingeführt werden, sind solch simple Maßnahmen, die in Städten wie Münster oder Bremen längst funktionieren. 35 Prozent des Verkehrs bewegt sich in Münster auf Fahrrädern. Einen Riesenboom haben auch die Pedelecs erfahren, Drahtesel, bei denen sich ein Elektromotor dazuschalten lässt. Nicht nur praktisch für alte Leute, sondern auch für Anzugträger, die nicht durchgeschwitzt zum Termin erscheinen wollen, findet der Koordinator der Mobilitätswoche.

Zumal Zweiräder – ob mit oder ohne Elektromotor – in Innenstädten einfach schneller seien. «Gut 50 Prozent der zurückgelegten Wegstrecken sind nicht viel länger als fünf Kilometer, und ein Viertel sogar nicht länger als drei Kilometer. Da kommt man ja fast zu Fuß schneller hin», tadelt der Organisator der Mobilitätswoche der Deutschen liebstes Mobil.

Es gab eine Zeit, da ließ man es stehen. Wer erinnert sich nicht an die Bilder von leergefegten Autobahnen an den vier Autofreien Sonntagen der Ölkrise. Die Ölscheichs haben damals mit einem simplen Dreh an der Förderungsschraube geschafft, wofür Umweltschützer sich heute abstrampeln.

iwe/news.de
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