Von news.de-Mitarbeiterin Anwen Roberts
Deutschland hofft auf den 30-Millionen-Jackpot. Nachdem immer noch keiner den Hauptgewinn geholt hat, soll es zur Zwangsausschüttung kommen. Wie man entgegen aller Wahrscheinlichkeit im Lotto gewinnt, ist vor allem eines: eine Glaubensfrage.
In den guten alten Zeiten von ARD- und Lotteriemonopol war die Ziehung der Lottozahlen der Inbegriff schnarchiger öffentlich-rechtlicher Vorabendunterhaltung. Die repräsentativ bis schicksalhaft dreinblickende Lottofee wurde belächelt und bemitleidet, denn ihr Job war alles andere als glamourös. Schließlich musste sie nur freundlich und machtlos nach dem Rechten schauen, während der Zufall die wahre Herrin der Bällchen in der transparenten Kugel war. «Gezogen» wurden die Lottozahlen ohnehin nie, eher rollen gelassen. Ein Glücksspiel eben, das mit Glück rein gar nichts zu tun hat.
Das ist mittlerweile anders, Lotteriespiele haben sich dezentralisiert, spezialisiert, und die gute alte Monopolistin Klassenlotterie tritt schon mal als Wohltätigkeitsorganisation in Erscheinung. Die alles andere als netzaffine Große Koalition denkt über Maßnahmen nach, Glücksspiele im Internet besser zu kontrollieren. Und die Lottoziehung selbst hat heute wesentlich mehr mit Aufmerksamkeit, PR-Stunts und Glamour zu tun als noch in ARD-Lottofeezeiten.
Allein in den vergangenen zwei Wochen gab es kuriose Begebenheiten, Zufälle und Unwahrscheinlichkeiten en masse. Beispiele gefällig? Vergangene Woche ordneten bulgarische Behörden eine Untersuchung an, nachdem bei der staatlichen Lotterie zwei Wochen in Folge dieselben Zahlen gezogen wurden: 4, 15, 23, 24, 35 und 42. Als am 10. September exakt die gleichen Zahlen wie in der Ziehung zuvor erschienen, wurde Betrugsverdacht laut.
Eine Kommission des Sportministeriums in Sofia untersuchte den Vorfall und stellte fest: Es gibt keinen Vorfall, nur den Zufall. Die Zahlen seien schließlich beim zweiten Mal in einer anderen Reihenfolge gezogen worden, so eine Sprecherin der bulgarischen Lotterie.
Ein paar Tage später bestätigte auch die eingesetzte Kommission, dass keine Manipulation der Ziehung festzustellen sei – ein unwahrscheinlicher Ausreißer, aber ganz im Bereich des Möglichen. Und tatsächlich hatten genau auf diesen Fall eine ganze Menge Menschen spekuliert. Nachdem in der ersten Runde niemand den Hauptgewinn erhalten hatte, hatten in der Folgeziehung ganze 18 Spieler auf die Zahlenkombination der Vorwoche getippt. Durch die hohe Anzahl der Wiederholungstäter reduzierte sich allerdings ihr Gewinn auf rund 5000 Euro statt der üblichen 50.000 bei einem ungeteilten Jackpot.
Die Wahrscheinlichkeit, dass in zwei aufeinander folgenden Ziehungen dieselben sechs Zahlen auftauchen, sei zwar gering, aber vorhanden, sagte der Mathematiker Michail Konstantinov der Nachrichtenagentur Reuters. Die Chance eines solchen Ereignisses liege bei eins zu 4,2 Millionen – immer noch wesentlich wahrscheinlicher als einfach so auf sechs Richtige plus Zusatzzahl zu tippen. Die Gewinnchancen liegen dort nämlich bei rund 1 zu 14 Millionen.
Dabei ist es der aktuellen Lottoziehung natürlich vollkommen egal, was die Lottozahlen der letzten Woche waren. Eine Zahlenreihe ist nicht wahrscheinlicher als eine andere, selbst wenn sie vorher noch so oft aufgetaucht ist. Doch dass uns das so selten bewusst ist, ist Bestandteil des Geschäftsmodells der Lotterien. Denn der berüchtigte Spielerfehlschluss - «Jetzt muss aber wirklich mal Rot / meine Glückszahl / Kopf kommen» - ist letztlich ein ganz schnöder Denkfehler.
Doch auch in Deutschland ist diese Anti-Strategie schon einmal aufgegangen. Am 18. Juni 1977 hatten rekordverdächtige 200 Personen den Superjackpot mit den Zahlen der Vorwoche geknackt – allerdings mit denen aus der niederländischen Lotterie, heißt es im Lexikon der populären Irrtümer unter dem Stichwort «Lotto».
Letztlich geht es also häufig mehr um Glaubenssysteme als um Kombinatorik – wir ziehen die bedeutsamen Zufälle den unbedeutsamen Zufällen vor und sagen uns dann: Das kann ja kein Zufall sein! Zu den genauso wahrscheinlichen unbedeutsamen Zufällen fällt uns dagegen in der Regel gar nichts ein, sie werden einfach nicht wahrgenommen. Viel zu willkürlich.
Magier sagt Lottozahlen voraus
Ein anderes Land, eine andere Lotterie, dasselbe Glaubenssystem: Der britische Magier Derren Brown sorgte in der vergangenen Woche für Aufsehen, als er augenscheinlich während der Ziehung der Lottozahlen in einer Livesendung im Fernsehen die Zahlen richtig vorhersagte. Millionen schauten zu, als Brown ein Pappschild mit einer Zahlenreihe hochhielt, die kurz darauf tatsächlich gezogen wurden.
Dann kündigte Brown die Aufklärung des Mysteriums an, ebenfalls live im Fernsehen. Noch mehr Menschen schauten zu, als der Magier seine Tricks offenbarte – und wurden enttäuscht. Denn sonderlich glaubwürdig oder gar wahrscheinlich war die Auflösung nicht: Er habe 24 Personen nach ihrem Tipp befragt und aus der Summe aller Zahlen eine Art statistisches Mittel errechnet, sagte Brown. Mathematiker lehnten diese Erklärung sofort als «kompletten Unfug» ab, mit keiner noch so schrägen Methode ließen sich Lottozahlen prognostizieren.
Nun wird auf Nachrichtenseiten und Blogs rund um den Globus spekuliert und fabuliert. Viele Brown-Fans sind enttäuscht – zu groß ist der Wunsch nach einer plausiblen Erklärung, einer Vorhersage im Bereich des Möglichen – und suchen nach alternativen Lösungen. Die dem Erhalt des Glaubenssystems Lotto dienlichste Deutung des Zaubertricks lieferte indes die britische Boulevardzeitung Mirror: Brown hätte einfach für alle möglichen Kombinationen entsprechende Schilder gemalt und diese dann allesamt abfilmen lassen.
Bei Abermillionen Möglichkeiten hätte der Magier aber vor mehr als 40 Jahren mit dem Schildermalen beginnen und ohne Unterlass Zahlen notieren müssen – eine unwahrscheinliche, aber nicht völlig auszuschließende Theorie.
car/iwi/news.de
Diskutieren Sie mit und kommentieren Sie den Artikel Lotto : Am Ende ist alles nur Zufall.
jetzt antwortenKommentar melden