Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Mit 70 Jahren veröffentlichte Ilse Pohl ihr erstes Buch. Gerade hat die 102-Jährige ihre Bach-Biographie abgeschlossen und brütet schon über ihrer nächsten Idee. Mit news.de spricht Ilse Pohl über Freiheit und darüber, wie man gut alt wird.
Frau Pohl, sie haben 102 Jahre erlebt. Woran erinnern Sie sich am liebsten?
Pohl: Das kann ich eigentlich gar nicht sagen. Wenn man auf ein so langes Leben zurückschaut, tauchen so viele Inseln auf. Meine erste ganz glückliche Zeit, das war mit 19 in Berlin in der Kunstschule, da war ich in dem Leben, was ich eigentlich leben wollte, Atelier und Kunst und malen. Und dann kam nochmal eine schöne Zeit, das war der Sommer ´29. Da kam ich nach Konstanz. Ich kam von Berlin, es war alles zum Osten orientiert, zur Ostsee, oder Schlesien, Mecklenburg. Im Westen war ich so gut wie gar nicht. Das Erlebnis dieser Bodenseelandschaft, das war unbeschreiblich für mich. Alles in so tiefem Frieden, verträumt, nicht wie es heute ist. Vor diesen vielen, vielen Jahren, 70 oder 80 Jahre ist es her - es war alles ganz anders.
War es besser?
Pohl: Nein, ich vermeide immer das zu sagen. Jede Zeit hat ihre Schönheit und ihre Besonderheit und hat ihr Negatives. Ich glaube, da sind wohl alle Zeiten ziemlich gleich. Und wenn man darin aufwächst, ist man das Kind seiner Zeit.
Was gefällt Ihnen an der heutigen Zeit?
Pohl: Das Wichtigste in meinem Leben sind die Begegnungen. Sie machen das Leben reich. Und je nachdem, wen und was man kennenlernt – ach, das kann das Leben verändern, es kann es schön machen.
Sie sind viel gereist, liebten die Kunst – und dann haben Sie geheiratet.
Pohl: Ich wollte gar nicht heiraten. Mein Mann, der lernte mich kennen, und für ihn stand fest, die oder nie. Er fragte mich bei einer Tasse Kaffee, ob ich wohl als seine Sekretärin mit nach Frankreich gehen würde. Da habe ich gesagt, «können sie sich denn eine Sekretärin nehmen?» Er lächelte ein bisschen verlegen, und dann sagte er, «nein, ich meinte, als meine Frau». Das war ein kompletter Heiratsantrag.
Ihre Antwort?
Pohl: Ich hab ja gesagt. Ich war so neugierig, alles hat mich interessiert. Ich war noch zu unreif für eine Ehe. Die Augen und die Ohren sind mir aufgegangen, als ich schwer krank war. Aus der Hölle der Krankheit kam ich zurück ins Leben, und damit kam die Erkenntnis, was für eine Verantwortung man hat dem Menschen gegenüber, mit dem man zusammen lebt. Da wusste ich, auf Biegen und Brechen, wir halten zusammen, bis dass der Tod uns scheidet. Das war vor 17 Jahren.
Hat Sie die Ehe nie eingeengt?
Pohl: Ach, das lief ja so gut. Mein Mann war ja so furchtbar viel weg, ich war so viel alleine. Ich nahm mir vor, wenn mein Mann da ist, gehört ihm meine Zeit, wenn er nicht da ist, gehört mir meine Zeit. 25 Jahre Frankfurt, das war meine Quelle, aus der ich alles nahm. So viele Konzerte, so viele Vorträge, Ausstellungen, Museenbesuche. Es war unglaublich, ich habe nichts versäumt. Das war die Substanz, aus der ich gelebt habe, als wir aufs Dorf zogen und ich alt wurde – davon lebe ich heute noch.
Sie haben auch ein Kind bekommen.
Pohl: Ja – dieses Kind war meine ganze Liebe, meine ganze Freude. Dadurch auch, dass mein Sohn sehr schwierig war. Er war ein besonderes Kind. Und dieses Kind ist vor einem Jahr gestorben. Es ist schrecklich. Ist eine ganz falsche Reihenfolge. Er war Physiker und hochmusikalisch und überhaupt besonders begabt.
Dann hatte er das musische Talent von Ihnen?
Pohl: Ich nehme es fast an. Ich habe mal zufällig eine Wahrsagerin kennengelernt, und die hat gesagt, alles das, was bei ihnen im Ansatz ist, das hat er in Vollendung. Und so war´s auch.
Sie haben mit 70 Jahren angefangen, Bücher zu veröffentlichen. Warum so spät?
Pohl: Ich hab ja immer geschrieben, in den 1950er Jahren erschienen Kurzgeschichten von mir in der Frankfurter Neuen Presse. Aber vor allen Dingen immer Tagebuch. Ich habe mein Schreiben nicht unternommen, um berühmt zu werden. Das liegt mir gar nicht. Aber ich wollte mitteilen, ich wollte etwas bewirken in den Menschen, so vermessen war ich. Ich habe mich unglaublich viel mit dem Leben auseinandergesetzt, weil ich immer beobachtet hab. Ich wollte den Dingen auf den Grund gehen, das hat mein Leben reich gemacht.
In ihrem neuesten Buch wollten Sie Johann Sebastian Bach auf den Grund gehen?
Pohl: Bachs Werk ist ja weltweit bekannt. Aber Bach als Mensch, wo ist der beschrieben? So gut wie nirgends. Deshalb habe ich Bücher noch und noch gewälzt. Steinchen für Steinchen habe ich aus den Büchern rausgepickt, und das hat dieses Bild ergeben.
Haben Sie sich schon wieder ein neues Projekt gesucht?
Pohl: Ich hab eine Idee, aber ich kann noch nicht, weil ich noch so besetzt bin bis November. Ich habe auch drei Termine für Januar. Manchmal muss ich lachen und denke, was stellen die Menschen sich eigentlich vor, mein Leben geht doch nicht einfach unentwegt weiter.
Bedeutet es Ihnen etwas, dass Sie 102 Jahre alt sind?
Pohl: Im Grunde überhaupt nicht. Man lebt einfach so weiter. Ich habe auch nie den Wunsch gehabt, alt zu werden, und keine Vorstellung gehabt, wie es ist, alt zu sein. Man kann ja auch nicht schon Jugend und Mittelalter damit belasten. Das soll man erleben, wenn es soweit ist.
Fühlen Sie sich alt?
Pohl: Ich habe alle möglichen Krankheiten, aber ich kann damit leben. Und ich bin unabhängig, ich liebe meine Freiheit über alles. Wehe, wer an meiner Freiheit kratzt. Sie werden vielleicht innerlich lächeln wenn ich Ihnen das sage, aber die schönsten Jahre mit meinem Mann waren die letzten 30 Jahre im Alter. So etwas von harmonisch und Vertrautheit. Da war mir auch so ganz und gar bewusst, was das bedeutet, zusammen alt werden. Es ist so schwer, es ist eine Bürde, aber es lohnt sich für einen Menschen, mit dem man sein Leben lang zusammen gelebt hat. Der Abschied war darum so unendlich schwer.
Wie gehen Sie mit den Abschieden um?
Pohl: Man muss lernen, aus dem Alleingelassensein ein Alleinsein zu entwickeln. Das Alleinsein ist eine Form des Lebens. Das Alleingelassensein ist ein an-den-Rand-gespült sein. Ich war 85 Jahre, als mein Mann starb, und da habe ich gedacht, jetzt ist mein Leben auch aus. Aber eines Nachts hab ich mir gesagt, was soll das eigentlich. An Andere denken, das soll meine Aufgabe sein! Ich habe mich immer gekümmert. Zugehört. Das war nicht mehr üblich, aber das war mir ein Anliegen. Das ist mit ein Grund, warum ich so unglaublich viel Menschen kenne, die an mir hängen.
Wie wird man gut alt?
Pohl: Das ist erstens die Einstellung zum Leben und zum Alter. Und zweitens tätig sein. Absolut nicht sich einfach zur Ruhe setzen, wie manche: «Hach, jetzt bin ich 65, ich hab genug getan in meinem Leben» – das ist oft das Todesurteil. Man soll was tun, und wenn es das ist, dass man sich um andere kümmert. Man lernt, Gewohnheiten aufzugeben. Es machen sich Schmerzen breit. Damit muss man leben. Aber dann kehrt man alles nach innen, und von außen merkt es einem niemand an. So fährt man am besten, denn wenn man immer jammert, das will niemand wissen. Leid lässt sich nicht mitteilen, jedes Wort, das man darüber verliert, ist im Grunde vergebens. Man erwartet zu viel voneinander im Allgemeinen. Das soll man nicht. Genießen sie und nutzen Sie die Zeit. Zeit verbraucht sich und kann nie wieder wiederholt werden.
iwe/news.de