Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Ein Mädchen ist aus der Wildwasserbahn gefallen, 16 Personen standen eine Dreiviertelstunde lang Kopf - die Meldungen von deutschen Volksfesten klingen gruselig. Sollte man beim Oktoberfest lieber Abstand halten zu den Karussells? Nein.
Wenn Kinder aufs Oktoberfest gehen, sind Bierkrüge und bayerisches Ambiente egal. Ihre Gaudi ist schreiend bunt, blinkt, tutet und dröhnt. Sie wollen sich durchschütteln lassen, und in den 80 Fahrgeschäften auf der Wiesn gibt es ausreichend Gelegenheit dazu.
Eltern sind davon nicht immer begeistert. Nicht nur, weil sie für jeden Plastikchip gut und gerne drei Euro hinlegen müssen. Auch haben sich in den letzten zwei Monaten die Vorfälle bei Fahrgeschäften gehäuft. Erst vor zehn Tagen ist ein elfjähriges Mädchen in Pfaffenhofen bei einem Sturz aus der Wildwasserbahn gestorben, Mitte August wurde eine Frau beim Neumarkter Volksfest aus der Gondel des Kettenkarussells geschleudert und überlebte schwer verletzt. Ein paar Tage darauf stürzte bei derselben Kirmes ein Betrunkener aus dem Riesenrad.
Auch beim Deutsch-Amerikanischen Volksfest in Berlin ist die Schaustellerbranche gleich zweimal in die Negativschlagzeilen gekommen: Ein elfjähriger Junge starb am 1. August bei einer Fahrt in der Achterbahn «Wilde Maus», und eine Woche später mussten 16 Menschen fast eine Dreiviertelstunde lang kopfüber im «Stargate» ausharren, bis sich die Gondel zurückfahren ließ. Ein überhitzter Elektromotor, lautete die Erklärung. Der Tod des kleinen Jungen hatte jedoch nichts mit der Sicherheit des Karussells zu tun. Das war anschließenden Kontrollen zufolge völlig in Ordnung.
Trotzdem – die Vorfälle hinterlassen ein ungutes Gefühl in der Magengegend, das nichts mit Beschleunigungskräften zu tun hat. Sollte man Karussells also vorsichtshalber einfach meiden? Thomas Oberst, Sprecher des Tüv Süd, wiegelt ab. «Das ist eine ungewöhnliche Häufung von Einzelfällen. Wir können davon ausgehen, dass die Fahrgeschäfte in Deutschland sicher sind», sagt er und listet die vorgeschriebenen Kontrollen auf, die jedes Karussell durchlaufen muss. Die sind im Baurecht festgelegt, denn Karussells sind, ganz offiziell, «fliegende Bauten».
Elektronik schafft mehr Sicherheit
Bevor «Stargate», «Power Tower» oder «Top Spin» überhaupt auf einer Kirmes aufgebaut werden dürfen, müssen sie die Erstabnahme überstehen. Entspricht das Werk seinen Plänen, funktioniert es entsprechend, steht es sicher? «Mechanik, Federn, Bremsen, Hydraulik und vor allem die Elektronik werden von Ingenieuren sehr genau kontrolliert», sagt Oberst. Gesteuert wird heute alles elektronisch, was die Fahrgeschäft deutlich sicherer macht: die Systeme melden Fehler, stoppen bei Gefahr automatisch.
Ist irgendwo ein Sicherheitsbügel nicht richtig eingehakt, kann ein Karussell gar nicht losfahren, solange mit der Elektronik alles stimmt. «Wenn es in einer Überkopflage zum Halt kommt, sollte es von selbst in eine Position zurückfahren, wo die Fahrgäste sicher sind und nicht über Kopf hängen», betont der Tüv-Sprecher. Das hat beim«Stargate» nicht funktioniert - doch solche Vorfälle seien äußerst selten.
Beim Test werden nicht nur Messgeräte eingesetzt, sondern auch menschliches Bauchgefühl: Thomas Obersts Kollegen vom Tüv Süd setzen sich in jedes Fahrgeschäft und testen, ob die Fahrt auch zumutbar ist.
Regelmäßige Wiederholungsprüfungen stehen dann, je nach Karusselltyp, alle ein bis fünf Jahre an. Rund drei Tage dauert so ein Komplettcheck, und viele Schausteller verbinden das mit dem Aufbau zum Beispiel beim Oktoberfest. Denn beim Auf- und Abbau erfolgt ohnehin die dritte Stufe im Sicherheitscheck für Fahrgeschäfte. Wieder wird kontrolliert. Die führt jedoch nicht der Tüv durch, sondern die örtlichen Baubehörden.
Darüber hinaus sind die Betreiber selbst für die Sicherheit ihrer Fahrgäste verantwortlich. «Die Schausteller kennen ihre Fahrgeschäfte sehr gut», sagt Thomas Oberst. Und er betont, dass ihnen ein reibungsloser Ablauf und die Sicherheit ihrer Kunden am meisten am Herzen liegen: «Jeder Stillstand ist ein Verdienstausfall und ein Imageschaden. Sie haben ein großes Eigeninteresse daran, dass es nicht zu Störungen kommt.
Rund 15.000 Volksfeste gibt es jedes Jahr in Deutschland, sagt der Präsident des Deutschen Schaustellerbundes, Helmut Gels. 1,8 Millionen Menschen steigen jährlich in ein Karussell, und dabei sind die Fahrgeschäfte in den Freizeitparks noch nicht mitgezählt. Im Verhältnis dazu passiere äußerst selten etwas, betont Tüv-Süd-Sprecher Thomas Oberst: «Sie haben es ja gesehen – jede Störung wird bundesweit berichtet.»
iwe/reu/news.de
Wenn ich mich den Karussels fern halten sollte, könnte ich mich gleich in Watte einpacken lassen. Wer, wie ich, gern abenteuert, der kann eben Pech haben (obwohl ich wahrhaftig nicht derjenige bin, dem jeden Tag etwas passiert. Obwohl - wenn ich meinen Eltern manche Abenteuer beschreiben würde, würden sie wahrscheinlich schockiert fragen: "Wie konntest du nur...?")
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