Durch Brasilien, ohne zu hören
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Von Helmut Reuter
Artikel vom 18.09.2009
Wenn sie sich unterhalten, dann am besten in Gebärdensprache. Da gibt es zwischen Deutschen und Brasilianern nämlich keine Sprachbarrieren. Eine Gruppe von Gehörlosen und Hörenden radelt 3000 Kilometer durch Südamerika - und hat eine Mission.
Die Straße zwischen Santos und Rio de Janeiro ist malerisch. Aber es geht ständig bergauf, mit dem Fahrrad ist der Weg entlang der brasilianischen Atlantikküste nur mühsam zu bewältigen. «Fast mehr geschoben als gefahren», bilanziert Sebastian Burger, der eine ungewöhnliche Radtour anführt.
Vier Deutsche und zwei Brasilianer, darunter zwei Gehörlose und zwei Gebärdensprachen-Studentinnen, machen mit der anstrengenden Aktion auf die Lage gehörloser Menschen aufmerksam. «Lasst uns mit Zeichen aufbrechen» haben sie ihre Tour genannt. Die 600 Kilometer von São Paulo bis Rio de Janeiro sind geschafft. Bolivien, Peru und Ecuador wollen bis Mitte Januar noch durchradelt werden - auf Tandems.
Los ging es gleich mit einer Panne. Das Containerschiff mit den Tandems, rund 200 Kilo Gepäck und dem 29-jährigen Sebastian Burger an Bord verließ Hamburg im August nicht nur mit sechs Tagen Verspätung, sondern legte in Brasilien statt in Salvador im Bundesstaat Rio Grande do Sul einige tausende Kilometer weiter südlich an. Die Mitstreiter, der Gehörlose Tobias Wegner aus Bremen und die beiden hörenden Studentinnen Juliane Heldt aus Berlin und Ellen Weidlich aus Hamburg, mussten also von Salvador nach São Paulo fliegen.
Dort kamen sie zum Glück bei Diego Ferrari Bruno und seiner gehörlosen Freundin Raquel Couto Amaral unter, die den brasilianischen Part der drei Tandem-Teams bilden. Das waren vorerst die letzten Nächte in Betten. Unterwegs wird in Zelten geschlafen, am Straßenrand, am Strand oder auch im Atlantischen Regenwald.
Der Wecker klingelt um 6 Uhr. Denn der Gehörlosen-Konvoi strampelt nicht einfach aus Spaß an der Freude durch Südamerika. In fast 20 Schulen haben sie schon Station gemacht und hörenden wie gehörlosen Schülern erklärt, wie die Situation von Gehörlosen in Deutschland ist.
Kommuniziert wird in Gebärdensprache. «Das ist viel einfacher, als Portugiesisch zu lernen», sagt Burger. Denn die brasilianische Gebärdensprache Libras ist der in Deutschland verwendeten ähnlich. «Das Fingeralphabet unterscheidet sich nur in den Buchstaben f,g,h,k,q. Der Rest ist quasi gleich.» Die Workshops sind brasilianisch lebhaft und die Verständigung läuft auf mehreren Ebenen - portugiesisch, einige Brocken Spanisch, brasilianische und deutsche Gebärdenbegriffe.
In Lateinamerika halte sich noch stärker als in Europa das Vorurteil, Gehörlose seien automatisch minder bemittelt, hat Sebastian Burger festgestellt. «Wir wollen zeigen, dass gehörlose Menschen genauso schlau sind wie hörende», nennt er ein Ziel der Tour. Auch wenn weite Strecken wie etwa die bis zur nächsten Länderetappe an die Grenze Boliviens mit dem Bus bewältigt werden, werden sie insgesamt mehr als 3000 Kilometer per Muskelkraft zurücklegen.
«Am Anfang schafften wir nur 35 bis 55 Kilometer am Tag. Die Kondition hat sich aber verbessert, und wir kommen jetzt auf rund 70 Kilometer», sagt Burger. Der Reiseverlauf der Tour kann im Internet verfolgt werden, wo nicht nur ein Bildertagebuch und Reiseberichte eingestellt sind, sondern auch die «Erste Telenovela» über die Tour zu sehen ist: eine Unterhaltung am Strand - natürlich in Gebärdensprache.
iwi/car/news.de/dpa
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