Dolmetschen

«Pelé begrüßte mich als seinen Schutzengel»

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Sie sitzen dabei, wenn die Merkels und Obamas sich beraten. Sie reden viel, kommen aber selten zu Wort. Über die Reize und Mythen des Dolmetscherdaseins spricht news.de mit Marten Henschel, Dolmetscher für Portugiesisch.

Was macht für Sie den Reiz am Dolmetschen aus?

Henschel: Das Faszinierende ist, dass man sich zurechtfinden muss auf unterschiedlichsten Bühnen. Im laufenden Jahr habe ich viele Tage auf Konferenzen zugebracht, in Simultankabinen, und war darüber hinaus in Fernsehstudios, im Bremer Dom und sogar auf dem Dach des Dreisamstadions in Freiburg. Man ist sozusagen Zaungast.

Sie haben Gerhard Schröder gedolmetscht, Karl-Theodor zu Guttenberg, und Frank-Walter Steinmeier - politische Größen also. Reizt Sie diese Nähe zur Macht?

Henschel: Mit dem Nimbus der Macht umgeben wir uns ungern. Mir ist eine Verdolmetschung dann gelungen, wenn sie der Sache dient, und die Sache ist die Kommunikation zwischen Menschen unterschiedlicher Sprache und Kultur. Macht spielt weniger eine Rolle.

Aber Sie erfahren doch sicher brisante Dinge, die nicht jedem offen stehen.

Henschel: Das kommt so häufig nicht vor. Viele staatsmännische Treffen sind ja auch Höflichkeitsbesuche. Es ist so, dass man sich immer der gegenseitigen Sympathie versichert. Zunächst mal verständigt man sich, wie nah man sich ist und dass man viel miteinander zu tun hat. Staatsmänner sind so schwer nicht, schwieriger sind technische Themen wie Aluminiumverhüttung.

Hat sich Ihr Weltbild durch die Nähe zu den Mächtigen denn verändert?

Henschel: Als einen der ersten habe ich damals Gerhard Schröder gedolmetscht, und solche wohlklingenden Namen heftet man sich natürlich gern ans Revers. Mein Weltbild hat sich dadurch aber nicht geändert, ob das nun Staatspräsidenten sind, Literaturnobelpreisträger oder Weltfußballer des Jahrhunderts. Alle sind, wenn man mit ihnen arbeitet, Menschen wie Sie und ich, die meisten sind sogar ganz dankbar, wenn man sie ganz normal, aber zuvorkommend behandelt.

Was halten Sie von der Mystifizierung Ihres Berufes, wie zum Beispiel in dem Film Die Dolmetscherin oder bei John Le Carré?

Henschel: Man vermutet hinter unserem Beruf immer Strippenziehereien. Aber das ist nicht unser Job, sondern, Kommunikation zu ermöglichen. Die Blackbox mit Geheimnissen gibt es für mich nicht.

Sie übersetzen nicht nur Worte, sondern auch Kulturen. Was müssen Sie zwischen Deutschen und Portugiesen oder Brasilianern an Vermittlung leisten?

Henschel: Die portugiesische Sprache ist eine sehr redundante Sprache, Wiederholungen gehören zum guten Ton. Im Deutschen muss das manchmal verknappt werden, weil Wiederholungen hier nicht gut ankommen. Außerdem ist die brasilianische Kultur sehr viel persönlicher als die deutsche. In Deutschland ist man eher funktional, und auch dazwischen muss man ein bisschen vermitteln, damit die Botschaften so ankommen, wie sie gemeint sind.

Thematisieren Sie das gelegentlich auch oder bügeln Sie solche Unterschiede gleich aus?

Henschel: Ausbügeln gefällt mir nicht, nehmen Sie es als Vermittlung. Ich thematisiere das nicht, nein. Vielleicht in der Pause, aber während des Dolmetschens muss ich Entscheidungen fällen, damit auch wirklich ankommt, was gemeint war. Da gibt es Automatismen, aber es kommen auch immer wieder Punkte, wo ich nachdenken muss.

Müssen Sie manchmal über Ihre eigentliche Tätigkeit hinausgehen und Fehler berichtigen?

Henschel: Das passiert relativ häufig. Ich erinnere mich an eine Geschichte, die auch öffentlichkeitswirksam war. Während der WM 2006 habe ich viel Pelé gedolmetscht fürs deutsche Fernsehen. Beim zweiten Termin sprach ich ihn aus den Katakomben des Sony-Centers in Berlin übers Mikro an, und er begrüßte mich gleich ganz freundlich als seinen Schutzengel. Ich hab das dann sehr ernst genommen. Es war am 8. Juli 2006, vor dem Spiel um Platz 3, da wurde er gefragt, was es denn damit auf sich habe, dass es keine lateinamerikanische Mannschaft ins Halbfinale geschafft hatte. Der Mann war müde. Er hat auf Portugiesisch geantwortet: «Mich überrascht das überhaupt nicht. Bei einem Turnier ist alles möglich, und die vier Halbfinalteilnehmer» - das waren damals Frankreich, Italien, Portugal und Deutschland - «sind ja schließlich alle schon mal Weltmeister gewesen.» Die Fernsehzuschauer haben etwas Anderes gehört: «Die vier Halbfinalteilnehmer sind schließlich mit Ausnahme Portugals alle schon mal Weltmeister gewesen.» Das wusste Pelé natürlich auch, aber er war müde. Wenn man das nicht raushaut, dann ist im schlimmsten Falle der Redner Schuld, und im allerschlimmsten Falle heißt es, was war das denn für ein dummer Dolmetscher.

Das fällt dann auf Sie zurück?

Henschel: Ja, das fällt immer auf einen zurück. Weil man natürlich vom Fachmann Pelé nicht erwarten würde, dass er einen Fehler macht.

Erwartet man von einem Dolmetscher, dass er sowas ausbügelt?

Henschel: Man erwartet das von sich selbst, wenn man seinem Gesprächspartner gegenüber loyal ist. Wenn man zum Schutzengel ernannt worden ist...

Wen dolmetschen Sie am liebsten?

Henschel: Pelé war durchaus ein besonderes Erlebnis. Aber generell würde ich sagen, ich dolmetsche am liebsten Leute, die etwas zu sagen haben. Oft gibt’s auch heiße Luft, und die ist auf Dauer zu dünn, wenn man dolmetschen muss. Es gibt auch Menschen, denen man zum Wort verhilft, die sich nicht gut ausdrücken können, aber trotzdem etwas zu sagen haben: einfache Leute, zum Beispiel Indigene aus Brasilien, die auf einer Wasserstraßenkonferenz in Deutschland über Flussbegradigung berichten. Da entschlüssele ich eine Botschaft, und wenn es wirklich etwas Wichtiges ist, macht mir das mehr Freude als Floskeln unter Menschen, die sich treffen, weil sie sich treffen müssen.

Eins wollte ich schon immer wissen: Wie macht man das, gleichzeitig hören, übersetzen und reden?

Henschel: Hm... Wenn ich ein Geheimnis verraten könnte, würde ich es tun. Man denkt vor und denkt gleichzeitig nach. Eine extreme Konzentrationsleistung, die mit Routine gut zu bewältigen ist. Langes Training, ein wenig Begabung, und es gehört dazu, sehr intensiv zuhören zu können. Dolmetschen ist eigentlich eine sekundäre Funktion des sehr intensiven Zuhörens. Und es setzt voraus, dass man souverän formulieren kann.

Marten Henschel dolmetscht seit 15 Jahren zwischen Deutschen, Brasilianern und Portugiesen. Er hat Staatspräsidenten seine Stimme geliehen, den Literaturnobelpreisträger José Saramago gedolmetscht und wurde von Pelé zum Schutzengel ernannt. Aber er dolmetscht und übersetzt auch wissenschaftliche und technische Themen. Er ist Mitglied des Verbands der Konferenzdolmetscher im Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer, der am vergangenen Wochenende über die Perspektiven des Berufs getagt hat.

iwe/news.de
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