Von den news.de-Redakteurinnen I. Wiedemeier und C. Arthen
Ein Fahrradhelm sieht doof aus und zerdrückt die Frisur. Aber er kann auch Leben retten. Darauf weisen vor allem Neurologen immer wieder hin. Doch es gibt auch Gegner der Helmpflicht - der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club zum Beispiel.
Motorradfahren ohne Helm - das traut sich kaum noch jemand. Es ist nicht nur gefährlich, sondern auch teuer. Nur zehn Prozent der Radfahrer setzen sich jedoch einen Helm auf, bevor sie sich ins Verkehrsgetümmel stürzen. Die Diskussion um eine Helmpflicht schwelt seit mindestens 15 Jahren - durchgesetzt hat sie sich nicht.
Dabei gäbe es gute Gründe, nur noch mit Helm aufs Rad zu steigen. Das finden jedenfalls die Ärzte der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC). Sie sprechen sich schon lange für eine allgemeine Helmpflicht aus.
Einer der Helmbefürworter ist Professor Andreas Unterberg, der sogar sagt: «Radfahrer, die ohne Helm unterwegs sind, spielen Russisches Roulette.» Sie gingen damit ein unnötiges hohes Risiko ein. Das Risiko, sich schwere Hirn- und Schädelverletzungen zuzuziehen. Und das wiederum kann nach Angaben des Arztes zu Gedächtnisverlust und Lähmungserscheinungen führen. Manchmal gar zum Tod.
Eine Umfrage des Kuratoriums für Verkehrssicherheit im April und Mai dieses Jahres unter 19.300 Radfahrern gibt dem Neurologen recht: Pro Jahr ziehen sich 4300 Radfahrer Kopfverletzungen zu, darunter 1800 Kinder unter 14 Jahren. Ein Gutteil davon könnte vermieden werden, so die Macher der Umfrage, denn zwei Drittel tragen keinen Helm. Vor allem bei kurzen Wegen und wenn das Fahrrad als alltägliches Transportmittel genutzt wird, verzichten viele auf den Kopfschutz. Auch mit zunehmenden Alter sinkt die Bereitschaft.
Dass Kinder keinen Helm tragen, findet Unterberg unverantwortlich von den Eltern. «Viele Erwachsene bedenken nicht, mit welcher Wucht ein Kinderkopf bei einem Sturz aufschlägt», betont der Mediziner. «Wir haben es ja mit einer Fallhöhe von immerhin einem Meter zu tun.» Ohne Helm sei die Wahrscheinlichkeit einer Gehirnerschütterung um die Hälfte größer als mit schützender Kopfbedeckung. Aufgrund der schwächeren Muskulatur und den Körperproportionen sei das Risiko einer schweren Verletzung deutlich größer. Kinder sollten daher immer einen Helm tragen, empfiehlt Unterberg. Und Erwachsene sollten ihnen ein Vorbild sein.
Der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC) sieht das anders. Er ist gegen eine Helmpflicht. «Es geht uns nicht darum, dass die Leute ohne Helm fahren sollen. Wenn ich gefragt werde, empfehle ich einen Helm», sagt ADFC-Sprecherin Bettina Cibulski. Der Haken an der schützenden Kopfbedeckung aber sei, dass bei einer Pflicht deutlich weniger Leute das Fahrrad nehmen würden, «jeder zweite würde sagen, ich fahre dann nicht mehr Rad», schätzt Cibulski.
Das Ergebnis: Radfahrer werden im Verkehr weniger wahrgenommen, und dadurch kommt es zu mehr Unfällen, da ist sich der ADFC sicher. Je weniger Leute radfahren, desto gefährlicher wird es. Eine harte These? In Australien und Kroatien sei genau dies eingetreten, sagt Cibulski. «Wir setzen deshalb stark auf Eigenverantwortung», erklärt sie.
Tatsächlich existieren auch zwei Studien, in denen der Helm schlecht wegkommt. Zum einen fahren Radfahrer risikofreudiger, zum anderen überholen Autos einen Helmträger dichter als einen ungeschützten Radler. Doch Bettina Cibulski misst dem nicht zu viel Bedeutung bei: «Studien gibt es viele, und alle sagen etwas Unterschiedliches aus.»
Der ADFC hält es für wichtiger, den Verkehr zu entschleunigen. Und er möchte den Radfahrern gern freistellen, ob sie die Radwege nutzen wollen oder sich lieber in den Verkehr eingliedern. Denn die baulich von der Fahrbahn getrennten Spuren bilden die häufigsten Unfallquellen, erklärt die Sprecherin des Fahrrad-Clubs. Die meisten Autofahrer rechnen nicht damit, dass sich an der Kreuzung plötzlich ein Fahrrad auf die Fahrbahn begibt - und schon kracht es. Daher seien die Fahrradspuren auf der Straße die sicherste Variante des Radwegs, sagt Ciburski.
iwe/news.de