Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
53 Prozent der Deutschen fahren regelmäßig Rad - nicht schlecht, aber kein Vergleich mit den Niederländern. Die legen im Jahr dreimal so viele Kilometer per Drahtesel zurück. Aber sie haben auch einen Masterplan Fahrrad. Und Deutschland?
Hier in Deutschland sind wir große Fahrradfahrer. Das denken wir zumindest, und wer durch Fahrradstädte wie Münster oder Bremen radelt, fühlt sich tatsächlich, als wären Autos eine Randerscheinung. Im europäischen Vergleich allerdings bringt der Durchschnittsdeutsche nur 300 Radkilometer pro Jahr auf die Straße. Ein Niederländer fährt hingegen ganze 1000, und jeder Däne radelt 960 Kilometer im Jahr.
Die Selbstwahrnehmung stimmt wieder, wenn wir gen Süden schauen. 35 Kilometer in Portugal, 91 in Griechenland, 87 in Frankreich und immerhin 168 Kilometer radeln Italiener jährlich. Und die Spanier? 24.
Aber selbst in Spanien hat sich in den letzten zwei, drei Jahren einiges bewegt. In Großstädten wie Barcelona oder Sevilla, wo nie jemand Fahrrad fuhr, gibt es plötzlich Radwege und Leihräder, die man an diversen Punkten der Stadt nehmen und zurückstellen kann. Es ist dort ein Riesenerfolg, weil kaum jemand ein eigenes Rad hat. In Deutschland haben die meisten Leute ein Fahrrad, aber auch hier etablieren sich gerade Leihräder, zum Beispiel in Hamburg oder Leipzig.
Immerhin: 53 Prozent der über 14-jährigen Deutschen fahren mehrmals pro Woche Rad, 18 Prozent trampeln sich selbst zur Arbeit. Dass die Niederländer so fleißig in die Pedale treten und auf ihren Hollandrädern selbst kleine Umzüge bewerkstelligen, liegt aber nicht nur am flachen Land und den vielen einheimischen Radherstellern.
Auch der Masterplan Fiets, also der Masterplan Fahrrad, hat einiges dazu beigetragen. Seit den 1980er Jahren habe der Staat dort ordentlich investiert in Radwege und Verkehrssicherheit, sagt Bettina Cibulski, Sprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC). «Damit haben sie den Anteil der Fahrräder am Verkehr bis 1995 auf 27 Prozent verdoppelt», betont sie. Hierzulande machen muskelbetriebene Räder neun Prozent des Verkehrs aus – in der Fahrradstadt Bremen allerdings erreicht man auch holländische 27 Prozent.
Der Nationale Radverkehrsplan in Deutschland kommt hingegen nur langsam in Fahrt. Im Jahr 2002 hat der Bund beschlossen, Fahrradförderung auch zu einer nationalen Priorität zu machen und gibt seitdem jährlich zwei Millionen Euro aus: die Hälfte bekommen die Kommunen, mit der zweiten Million werden Imagekampagnen finanziert und Leihradprojekte angeschoben. Bettina Cibulski freut sich, dass der Bundestag die Fahrräder als Thema entdeckt hat - «Aber es ist total wenig Geld. Eine Verkehrssicherheitskampagne, wie sie zum Beispiel an Autobahnen durchgeführt werden, kostet 20 Millionen Euro», vergleicht sie. Und der Nationale Radverkehrsplan ist in drei Jahren auch schon wieder ausgelaufen.
Immerhin, etliche Radwege seien im Bau oder projektiert, sagt die ADFC-Sprecherin, und auch das Netz der Radwanderwege wächst, zum Beispiel an den Bundeswasserstraßen entlang. Seit im Jahr 2005 eine eigene Arbeitsgruppe Radverkehr im Verkehrsministerium eingerichtet wurde, sei die Arbeit effizienter geworden, findet sie. Auch der ADFC profitiert von den Bundesgeldern, zum Beispiel für sein Projekt «Rad statt Auto: 20 Tage für Gesundheit und Umwelt». Rund 200.000 Leute ließen sich in diesem Jahr darauf ein, von Juni bis Ende August mindestens 20 Tage mit dem Rad zur Arbeit zu fahren. In den nächsten Wochen wird ein Gewinner ausgelost.
Trotz allem gilt in Deutschland jedoch immer noch, was schon im Jahr 2000 die damalige Europäische Umweltkommissarin Margot Wallström schrieb: «Die schlimmsten Feinde des Fahrrads in der Stadt sind nicht die Autos, sondern die Vorurteile.» Bettina Cibulski bestätigt das. «Das Fahrrad ist immer noch nicht gleichberechtigt anerkannt. Deutschland ist doch zu autozentriert», findet sie. Und noch immer sei das Fahrrad in den Köpfen der Verkehrsplaner nicht angekommen. «Sie bauen erstmal eine Straße, und dann fällt ihnen ein, dass sie die Radfahrer ja auch noch unterbringen müssen. In den Niederlanden würde das nicht passieren», sagt Cibulski.
Steuerliche Anreize, eine Kilometerpauschale für Radfahrer, sind in Deutschland Fehlanzeige und fahrradfreundliche Arbeitgeber selten: Sichere Parkplätze für die Räder, Umkleidekabinen und eventuell sogar Duschen würden den Anteil derer, die per Rad zur Arbeit kommen, deutlich erhöhen, da ist Bettina Cibulski sicher.
iwe/news.de
Hier, im Umkreis von Münster, ist das Rad ein wichtiges Verkehrsmittel. In Münster selbst ist aber auch die ganze Stadt schon immer prima auf den Radverkehr eingerichtet. Im Gegensatz zu manchen anderen Gegenden kommt in Münster auch der Regierungspräsident mit dem Rad zur Arbeit, wie 43 % aller anderen Arbeitnehmer auch. Das mag auch an der Nähe zu Holland liegen, führt aber zu einem Stück echter Lebensqualität und ist gesund. Nur bei Regen;- na da kommt man mit dem Auto, dem motorisierten Regenschirm der Münsteraner. Man kommt dann nur nirgendwo durch. Schöne Grüße aus der Rad(haupt)stadt Thomas Häfele P.S. In Münster gibt es sogar ein Parkhaus für Räder
jetzt antwortenKommentar meldenIch lebe schon seit der Einführung des Euro ohne Auto. Herrlich schön ist es ohne Tankstellenhalte und hohen Rechnungen. Zug fahren ist ganz einfach zu teuer, somst würden auch mehr auf Bahn fahren umsteigen.
jetzt antwortenKommentar meldenErstaunlich wie weit man ohne Auto kommt. Ich lebe schon über ein Jahr ohne. Fahrradkilometer habe ich schon über tausend. Was ich aber schade finde ist, dass Zugfahren mit dem Rad ziemlich teuer kommt. Immerhin pro Rad 4,50 € zusätzlich. Früher ging das in unserer Region umsonst, seit April nicht mehr. Dabei wäre es schon ein Anreiz mal das Auto für einen Wochenendausflug stehen zu lassen und mal die Kombination Zug/Fahrrad zu benutzen.
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