Von news.de-Mitarbeiterin Anwen Roberts
Vor 55 Jahren starb der schwule IT-Pioniers Alan Turing. Jetzt hat der britische Premierminister Gordon Brown sein tiefes Bedauern darüber ausgedrückt, dass Turing aufgrund seiner Neigung kastriert wurde. Eine längst überfällige Reaktion.
John Graham-Cumming liegt krank im Bett, als der britische Premierminister Gordon Brown auf seiner Website eine bemerkenswerte Stellungnahme veröffentlicht: Es geht um die von Graham-Cumming veranlasste Petition zur Rehabilitierung des IT-Genies Alan Turing, der 1952 als Homosexueller «enttarnt» und zur Zwangskastration verurteilt wurde.
Die Strafverfolgung «vernichtete seine Karriere», nur zwei Jahre später starb Turing 41-jährig an einer selbst zugefügten Blausäurevergiftung. Seine Biographen sehen einen Suizid als gesichert und die vorangegangene Zwangstherapie und psychiatrische Behandlung als Ursache an.
Der als Erfinder der Turing-Maschine, Pionier der Künstlichen Intelligenz und Enigma-Codeknacker verehrte Turing soll posthum offiziell rehabilitiert werden, hatte «JGC» mit seiner Petition an die britische Regierung gefordert. Binnen kurzer Zeit schlossen sich mehr als 30.000 Unterstützer an, am 10. September 2009 nimmt Gordon Brown ausführlich Stellung. Doch der Initiator der Petition kuriert gerade seine Grippe aus und verpasst so fast die Mail aus dem Zentrum der Macht. Der Amtssitz des Premiers, 10 Downing Street, bittet um Rückruf und teilt mit, die britische Regierung gebe eine öffentliche Entschuldigung heraus. Kurze Zeit später wird John vom Premier persönlich angerufen.
«Er bedankte sich bei mir dafür, dass ich die Kampagne gestartet habe, sprach von Tapferkeit und zu lange währendem Unrecht, von den schrecklichen Konsequenzen homophobischer Gesetze und den vielen Menschen, die darunter gelitten hatten», berichtet Graham-Cumming in seinem Blog.
«Wir können die Zeit nicht zurückdrehen»
Dem Programmierer ist es mit seiner Initiative gelungen, eine veritable Bewegung zur Würdigung der wissenschaftlichen Leistung und persönlichen Rehabilitierung Turings anzustoßen. Computerspezialisten, Historiker, Schwulenaktivisten – ein denkbar unwahrscheinliches Bündnis, das sich 55 Jahre nach Turings Tod für dessen Andenken einsetzt.
«Wir können die Zeit nicht zurückdrehen», heißt es in dem Schreiben auf der Website des Premierministers. Wie Alan Turing behandelt wurde, sei «entsetzlich». Die Anerkennung Turings als einer der bekanntesten Opfer von Homophobie Großbritanniens sei «lange überfällig», doch ebenso verdiene Turing Anerkennung für seinen außerordentlichen Dienst an der Menschheit im Ganzen.
Turings Entschlüsselung der deutschen Enigma-Maschine in dem legendären Kryptologenklub Bletchley Park soll den Alliierten im Zweiten Weltkrieg den entscheidenden und letztlich kriegsverkürzenden Wissensvorsprung gegeben haben, so die Ansicht vieler Historiker.
In seinem Kryptologie-Klassiker The Code Book (Geheime Botschaften) hat der britische Wissenschaftsjournalist Simon Singh bereits 1999 eindrucksvoll über drei Kapitel hinweg Argumente für die Bedeutung Turings als Kryptologe und Kriegsheld gesammelt. Auch wenn Turing vielleicht noch eine Generation zuvor nur Insidern ein Begriff war, sprach Simon Singh bereits 2002 in einem Interview von Veränderungen in der Wahrnehmung Turings. «Heute weiß jeder über Turing Bescheid. Er ist eine Heldenfigur, der ungezählte Leben gerettet hat... Und ein Märtyrer der Schwulenbewegung... Turing ist etabliert.»
Hommage an den tragischen Helden
Heute noch präsentiert Simon Singh auf seiner Website seine persönliche Turing-Würdigung, eine schlichte und unromantische Hommage an den tragischen Helden: eine Fotografie des Turing-Denkmals in Manchester und ein paar unaufdringliche Worte zu dem enigma-codierten Buchstabensalat auf dem Denkmal.
Singhs Einsatz für eine vorurteilsbefreite Wissenschaft hat Tradition. Und hat aktuell eine neue, persönliche Dimension bekommen. Bei seinen Recherchen über Quacksalberei in der alternativen Medizin hatte Singh sich zuletzt mit mächtigen Pillendrehern angelegt, die prompt Gerichtsverfahren wegen Rufschädigung anstrebten.
Singhs Reaktion 2009: Genau wie Graham-Cumming, der einer eigenmächtig gestarteten Petition über das Internet genug Verve verlieh, um die britische Regierung aus der Reserve zu locken, geht Simon Singh mit seinem Anliegen ins Netz. Er startet das Interessenbündnis «Keep Libel Laws out of Science» – für eine Wissenschaft frei von Verleumdungsklagen und Eitelkeiten, für Sachlichkeit und Überprüfbarkeit des Wissenschaftsbetriebes.
Die Unterstützung für Singhs Initiative zeigt: Die Online-Petitionen sind unendlich viel mehr als ein bloßes technisches Hilfsmittel der schönen neuen Informationsgesellschaft. 2009 ist die Organisation von Interessen, Meinung und Widerstand im Netz eine unfassbar wirkungsvolle Möglichkeit. Ein solches Instrument wäre Turing in den 1950ern zu wünschen gewesen. Heute klagen Unternehmen gegen die unvorteilhafte Darstellung ihrer Fantasieprodukte – vor einem halben Jahrhundert ist Turing an Rufmord und Verleumdung zerbrochen.
car/ham/news.de