1000 Euro für jeden, ohne Bedingungen: Ein Ende der Armut, Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und die Befreiung vom Joch der Erwerbsarbeit? Martina Steinheuer spricht mit news.de über die Woche des Grundeinkommens, die sie koordiniert.
Jeder bekommt 1000 Euro – ohne Bedingungen, ohne Gegenleistung. Wer soll das durchsetzen?
Steinheuer: Erstmal müssen möglichst viele Leute überzeugt werden und das Grundeinkommen von unten in politische Gremien gedrückt werden. Dort wird dann letztlich entschieden. In diesem Zusammenhang denken wir natürlich auch viel über direkte Demokratie nach, die hier definitiv unterrepräsentiert ist.
Sie sprechen es gleich an – das Thema Grundeinkommen kann man kaum losgelöst von anderen Veränderungen sehen, zum Beispiel auf politischer Ebene.
Steinheuer: So ist das gemeint. Man kann sich auch fragen, ob das Geldsystem nicht Strukturen geschaffen hat, die nicht mehr menschenfreundlich sind. Das berührt viele weitere Bereiche mit. Es geht darum, sich selber als Bürger wahrzunehmen, mitgestalten zu wollen. Vor allem in einem Moment, in dem es keine richtigen Konzepte gibt. Es ist ja geradezu ein Offenbarungseid, was die Politik derzeit zur Schau stellt. Die Probleme werden immer unlösbarer, immer mehr Arbeitsplätze abgebaut. Man muss sich nur das hilflose Gezerre um Opel ansehen, die Renten, die nicht mehr finanzierbar sind. Das Sozialsystem kann so nicht weitergeführt werden, aber es gesteht sich keiner ein, dass wir so nicht weiterkommen. Es fehlt der Mut. Da hilft nur Druck von den Leuten.
Sind denn die Leute wirklich für das Grundeinkommen bereit?
Steinheuer: Das erfordert natürlich einen Denkprozess. Die meisten sagen, ich würde arbeiten, aber mein Nachbar nicht, die anderen sind alle faule Säcke. Da muss sich in der Gesellschaft etwas ändern.
Wie viele Anhänger haben Sie denn in Deutschland?
Steinheuer: Das ist schwer zu sagen. 53.000 Leute haben die Online-Petition von Susanne Wiest unterzeichnet, 150.000 haben sich den Film-Essay Kulturimpuls Grundeinkommen von Daniel Häni und Enno Schmidt heruntergeladen. In allen Parteien außer der FDP wird darüber diskutiert. Nach der Wahl werden wir vielleicht mehr wissen, denn es gibt eine große Zahl an unabhängigen Direktkandidaten, Susanne Wiest und Ralf Boes sind die bekanntesten. An ihren Wählerstimmen kann man vielleicht hochrechnen, wie groß die Akzeptanz ist. Beim Flugblätter verteilen habe ich mehrfach gehört: «Da haben wir gestern beim Abendbrot auch schon drüber diskutiert.»
Wer sind die Verfechter des Grundeinkommens?
Steinheuer: Das zieht sich tatsächlich längs und quer durch die Bevölkerung, wir haben einen ehemaligen Ministeriumsmitarbeiter, Studenten, Hartz-IV-Empfänger und Leute, die im Arbeitsleben stehen. Es ist alles dabei, das fasziniert mich so daran. Leute, die es ablehnen, ziehen sich genauso quer durch die Gesellschaft: Da gibt es auch Hartz-IV-Empfänger, die das Arbeitsethos so verinnerlicht haben, dass ihr ganzes Selbstwertgefühl daran hängt.
Wenn das Grundeinkommen da wäre...
Steinheuer: ... würden viele sagen, unter den Bedingungen arbeite ich nicht mehr oder fordere mehr Geld, oder ich sehe selbst, was ich mache. Das Arbeitsfeld würde sich sehr verändern. Ich kann tun, was ich möchte und bin nicht gezwungen, miese Arbeit zu machen. Um Straßenkehrer müssten Arbeitgeber dann richtig werben. Jetzt haben wir ein System, wo Löhne gedrückt werden, weil man durch Hartz IV gezwungen ist, zu arbeiten. Wenn das nicht mehr so ist, dann haben wir einen wirklichen Arbeitsmarkt. Das ermöglicht auch ein anderes Menschenbild.
Inwiefern?
Steinheuer: Es wird gern behauptet, Hartz-IV-Empfänger liegen alle auf der Couch und gucken fern und fressen Fritten. Natürlich gibt es Menschen, die ein Problem für die Gesellschaft darstellen, aber indem wir ihnen ein Grundeinkommen geben, können sie sich das Leben vielleicht mal anders angucken: Wir vermitteln ihnen, du bist auch was wert, jetzt schau mal, was du daraus machen kannst. Die Probleme, die für das Grundeinkommen entworfen werden, haben wir jetzt auch schon. Aber dann hätten viel mehr Menschen die Motivation, etwas zu machen, und sie könnten nicht immer die Verantwortung auf andere schieben.
Leserkommentare (2)
(Zitat) "Um Straßenkehrer müssten Arbeitgeber werben" Ich glaube nicht mal, dass vermeintliche "Drecksarbeit" unbedingt attraktiver gestaltet werden müsste. Der Denkfehler vieler Menschen ist der, dass sie von sich auf andere schließen; also das was sie selbst als "unzumutbare" Arbeit definieren, beziehen sie dann auf den Rest der Gesellschaft. In Wirktlichkeit gibt es viele Straßenkehrer und Müllmänner, die ihren Job lieber machen, als so manch anderer einen stressigen Bürojob. LG
jetzt antworten Kommentar melden...es hat sich leider ein Übertragungsfehler (im zweiten Teil) eingeschlichen: Rund 700 Mrd Euro betragen die jährlichen Transferleistungen derzeit, welches grob überschlagen 700 Euro pro Bürger pro Monat (und nicht pro Jahr) ausmacht.
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