Das große erste Mal
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Von news.de-Redakteur Christian Vock
Artikel vom 15.09.2009
Der November vor 20 Jahren war eine ganz besondere Episode der deutschen Geschichte. Als die Mauer fiel, war dieses große erste Mal der Beginn vieler weiterer erster Male - für Deutschland, aber vor allem für jeden Einzelnen von uns.
Das erste Mal. Es ist Wendepunkt, es ist Wegstein im Leben. Es ist der Aufbruch ins Ungewisse, erfordert Mut, trennt die Wagenden von den Zaudernden. Ist Erfüllung der Neugier, ein Türen-Öffnen, ein Hineinstürzen, ein Bejahen.
Der Mauerfall vor 20 Jahren war so ein Moment. Für jeden Einzelnen, für Deutschland, für die ganze Welt. Auch wenn man es damals noch nicht überblicken konnte, war die Öffnung der Grenzübergänge in Berlin doch das erste Mal vieler erster Male: Zum ersten Mal haben sich die vielen Demonstrationen gelohnt, hat friedlicher Protest in Deutschland Grenzen geöffnet, die Grenze geöffnet. Die Menschen vor den Übergängen wussten: Zum ersten Mal kommen wir der Freiheit entgegen. Zum ersten Mal haben «wir» gewonnen, nicht «die». Die Mauer, die gab's nur einmal, die kommt nie wieder.
Doch das große erste Mal bleibt nicht den Geschichtsbüchern vorbehalten. Es durchdringt das Leben der Menschen, kommt es doch auch von ihnen. Es ist überall präsent. Das erste Mal konnte man von beiden Seiten aus einen Blick über die Mauer werfen und sich selbst ein Bild machen. Den Geschmack der Freiheit spüren. Vielleicht war dieser Geschmack der des ersten Big Macs, der nach so viel mehr schmeckte als nach dem, was er eigentlich ist: Pappmascheefleisch zwischen zwei labbrigen Brötchenhälften. Zum ersten Mal sah man die bunten Werbelichter, die da so verheißungsvoll blinkten. Zum ersten Mal hatte die lang ersehnte Freiheit ein Gesicht – und wenn es nur das eines Werbemodels war.
Das große erste Mal der Maueröffnung sollte bald noch weitere erste Male nach sich ziehen, nicht alle waren so freuderfüllt. Zum ersten Mal musste man sich persönlich mit dem «anderen Teil Deutschlands» auseinandersetzen, ist er nicht nur ein Gedankenkonstrukt, ein Abstraktum, das hinter einer Mauer eingesperrt ist oder vor dem man durch die Mauer geschützt wird. Zu dem man gehört, das man aber kaum kennt. Zum ersten Mal konnte man zeigen, wie tolerant man ist, wie offen die Arme wirklich sind, die man da ausbreitet. Zum ersten Mal sind die da «drüben» auch im «bei uns». Ist dieses erste Mal mehr als nur ein Witzemachen über die erste Banane, die «der Ossi» nun zum ersten Mal essen kann? Die Frage ist auch 20 Jahre nach dem Mauerfall nur in Teilen beantwortet. Manchenorts wird sie gar nicht mehr gestellt, steht auch in den Köpfen noch die Mauer. Andernorts muss sie gar nicht mehr gestellt werden, ist die Einheit längst Realität.
Zum ersten Mal wurden Kinder auch im Osten Deutschlands wieder in Freiheit geboren. Kinder, denen die DDR nur noch durch Erzählungen ihrer Eltern bekannt sein wird. Zum ersten Mal hatten wir Deutschen wieder die Chance, uns in gemeinsamer Freiheit auszutauschen. Zum ersten Mal werden wir diese Chance mit dem Aufbau und Bewahren von Stereotypen vertändelt haben.
Das erste Mal teilt die Welt in ein Davor und ein Danach. Jedes «zum ersten Mal» bedeutet immer auch ein «zum letzten Mal». Einen ersten Schritt in ein «Nie wieder». Der Mauerfall kam mit einem lauten Knall, mit einem Feuerwerk der Freude. Zum ersten Mal lagen sich West- und Ostdeutsche in den Armen, feierten zum ersten Mal gemeinsam den Sieg über die Diktatur im sozialistischen Gewand. Zum letzten Mal werden sich die DDR-Granden mit Worten vorgetäuschter Brüderlichkeit ans Volk wenden, das sie schon lange verloren haben, so sie es denn je besessen haben.
Das «zum letzten Mal» kam dagegen auf leisen Sohlen. Schleichend. Mal Früchte tragend, mal zerstörerisch. Als das, was man später Wiedervereinigung nennen wird. Zum letzten Mal werden die gewohnten Ost-Produkte in den Regalen stehen, zum letzten Mal wird man den alten Trabbi fahren. Für die ehemaligen Grenzstädte war der Mauerfall der erste Schritt von einem «am Rande» zu einem «mittendrin». Für viele Menschen bedeutete ein «zum ersten Mal fällt die Mauer» aber auch «zum ersten Mal verliere ich meine Arbeit». Zum ersten Mal wird der Ruf «So geht es nicht weiter!» zu der Frage werden «Wie geht es weiter?».
In der Folgezeit versuchte jeder, die plötzliche Unsicherheit nach dem ersten Mal auszugleichen. Ans Land schwappende Ostalgie-Wellen sollen als Trostpflaster für den Verlust alter Gewohnheiten dienen, als Symbol des «zum letzten Mal». Sie mögen für den Moment wirken, als Füllmaterial für den Krater, den der Mauerfall in mancher Biographie hinterlassen hat, taugen sie nicht.
Auch wenn der Fall der Berliner Mauer in den Geschichtsbüchern irgendwann nur noch ein Hinweis darauf sein wird, dass Deutschland einmal in zwei Teile gerissen wurde. Für das Heute ist er immer noch weit mehr als das: In Ost und West kann man sich in Stunden des Zweifels, wenn wir uns in Unwichtigkeiten und den immergleichen Ossi-Wessi-Vorurteilen verlieren und die Ewiggestrigen das Wort ergreifen, an dieses eine bedeutende «erste Mal» von vor zwanzig Jahren erinnern. An die Freude über den Fall der Mauer, die so lange ein Volk in zwei Teile gerissen hat. An die Euphorie, in eine neue Zeit, in das «Danach» aufbrechen zu können. Damit wir unseren Kindern sagen können, dass wir aus diesem großen ersten Mal der deutschen Geschichte etwas gemacht haben. Damit wir sagen können, «inzwischen sind wir wirklich ein Volk.» Vielleicht zum ersten Mal.
mik/news.de
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