Fr., 25.05.12

Was darf Kunst? 14.09.2009 Ärger für Unbekannte Frau 2009-349701

Flatz blutig.jpg (Foto)
Der Österreicher Wolfgang Flatz hängte erst sich an einen Kran und warf dann eine tote Kuh aus dem Hubschrauber. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Wenn Kunst mitten im Alltag stattfindet, eckt sie auch gern mal an. Im Fall der Abschlussarbeit der Schwedin Anna Odell gab es für einen vorgetäuschten Selbstmordversuch eine Geldstrafe und es geht wieder um die Frage: Was darf Kunst?

Anna Odell spielt verrückt. Im kalten Januar schleicht sie sich auf eine Brücke in Stockholm, wirft ihre Kleider ab und lehnt sich im weißen Hemdchen übers Geländer. Spaziergänger bleiben stehen, eine Selbstmörderin? Die Polizei kommt, Anna Odell windet sich. Sie wird in die psychiatrische Notaufnahme gebracht, kämpft weiter, wird fixiert, bekommt Beruhigungsspritzen. Niemand habe versucht, mit ihr zu kommunizieren, sagt sie später.

2500 Kronen hat Anna Odell dafür bezahlt, 245 Euro. Bußgeld, wegen falschen Alarms, Widerstand gegen die Staatsgewalt, arglistiger Täuschung. Denn die Psychose war ein Kunstprojekt: Unbekannte Frau 2009-349701 heißt es, und es ist Odells Abschlussarbeit an der Stockholmer Kunstakademie.

Wo sind für Kunst die Grenzen zwischen erlaubt und nicht erlaubt? Längst ist das nicht mehr nur eine Frage, sondern ein Element, mit dem die Künstler spielen. «Künstler, die in der Gesellschaft agieren, machen Vieles um die Grenzen auszuloten. Um so zu tun, als ob», sagt Professor Ulrich Krempel, Direktor des Sprengel-Museums in Hannover. Und hinter dieses «so tun als ob» zu schauen, ist nicht leicht. «Welche Sicherheiten sind noch da, wenn der Kranke sich als Gesunder entpuppt oder umgekehrt? Was passiert, wenn die scheinbar Gesunden die Kranken sind?», denkt Krempel Anna Odells Performance weiter.

Grenzen gibt es viele, doch keine ist greifbar: zwischen Kunst und Wirklichkeit, zwischen Kunst und Egotrip, zwischen Kunst und Therapie. Auch im Akteur selbst ist die Grenze ein schmaler Grat. Was als Kunstaktion verkauft wird, kann darüber hinausfließen und zum Fall für den Therapeuten werden - «die Grenzen sind da fließend», sagt Ulrich Krempel. Anna Odell verwischt sie bewusst. Sie will mit dem Anfall eine Szene nachgestellt haben, die sie erlebt hat. In den 1990er Jahren sei sie selbst psychisch krank gewesen sein. Und nun wollte sie die schlechte Behandlung durch Polizei und medizinisches Personal zeigen.

«Die Freiheit der Kunst ist im Grundgesetz verankert. Aber was Kunst ist, haben die Mütter und Väter des Grundgesetzes nicht mitgeliefert», stellt Ulrich Krempel fest. Wer sich selbst als Künstler deklariert, schafft einen Rahmen und kann dadurch auf größere Toleranz hoffen. Doch wer dieselbe Aktion einfach so macht, müsse damit rechnen, dass die Gesellschaft sie für eine Aggression halte, erklärt Krempel. Das ist auch Anna Odell passiert, deshalb musste sie Strafe zahlen.

Provokante Kunst agiert häufig auch sehr zielgerichtet. Wie der Spanier Santiago Sierra. Er musste seine Installation «245 Kubikmeter» in der Pulheimer Synagoge im März 2006 abbrechen. Giftige Autoabgase leitete er in das ehemalige jüdische Gotteshaus, das Publikum durfte den Raum anschließend mit Gasmasken betreten. Sierra wollte die Banalisierung des Holocoust anprangern – doch der Zentralrat der Juden empfand eher das Werk selbst als solche: «Das fiktive und geschmacklose Kunstspektakel verletzt nicht nur die Würde der Opfer des Holocausts, sondern der jüdischen Gemeinschaft. Dies hat absolut nichts mit Erinnerungs- oder Gedenkkultur zu tun», fand Generalsekretär Stephan J. Kramer.

Eine begreifbare Reaktion des Opferkollektivs. Andererseits hat Sierra natürlich recht, wenn er sich nicht an die Betroffenen, sondern an die Mehrheitsgesellschaft richtet. Unsere Hornhaut ist dick, gesehen, gelesen, gehört haben wir fast alles. Da hilft nur noch eigenes Erleben, selbst die Gasmaske tragen. Oder selbst durch Einwerfen eines Dollars die Foltermethode des Waterboarding auslösen, wie es der Künstler Steve Powers 2008 im US-amerikanischen Vergnügungspark von Coney Island installiert hatte: «Was ist ekelerregender», fragte Steve Powers in der New York Times, «die offizielle Position der US-Regierung, dass Waterboarding keine Folter ist - oder, dass wir einen Nervenkitzel daraus machen?»

Lesen Sie auf Seite 2, warum die Wirklichkeit der Kunst immer hinterherläuft.

Tatsächlich gelingt es der Kunst kaum, die abstruse Wirklichkeit zu toppen. Ihre einzige Chance ist die Überhöhung - mit der Pointe, dass sie meist just von denen missverstanden wird, auf die sie gemünzt ist. Professor Krempel erhielt einmal einen Anruf «vom Redakteur einer großen deutschen Boulevardzeitung». Der regte sich über Porno-Bilder im Treppenhaus des Hannoveraner Kulturhauses auf. «Gucken Sie mal in die heutige Ausgabe ihres Blattes auf Seite 16, auf die von Ihnen veröffentlichten Kleinanzeigen. Das ist genau das, worauf der Künstler hinweist», klärte ihn Krempel auf. Seine Antwort sei jedoch wie erwartet nicht in der Zeitung zu lesen gewesen.

Die Kunst spielt mit der Wirklichkeit - deshalb kann sie sie nicht einholen. «Die Grenzverletzungen, die die Kunst immer wieder betrieben hat, haben auf dialektische Weise mit Moral zu tun», erklärt der Museumsdirektor. Sie holen den Spiegel raus, tun, was eigentlich tabu ist, aber doch ständig getan wird: um eben dieses Dilemma zu verdeutlichen. Verständnislose Reaktionen inklusive. Siehe Anna Odell: «Was die junge Dame aus Schweden gemacht hat, ist nicht nur reiner Masochismus», betont der Kunstexperte.

Bei allem Spiel mit Moral und Tabus gibt es ein paar Grenzen, über die sich Kunst-Vermittler wie Ulrich Krempel einig sind: «Ohne Sinn und Verstand betriebene verherrlichte Gewalt, gegen andere und Andersdenkende gerichtete, menschenverachtende Inhalte oder faschistoide Tendenzen.» Sobald jedoch ein denkerischer Zusammenhang hergestellt werde, indem sie aufgelöst oder verfremdet werden, könnten solche Elemente durchaus nötig sein. Und er traut den Künstlern zu, dass sie abwägen können.

Auch, wenn wir sie nicht immer verstehen - und da schließt Krempel sich mit ein. «Man muss auch kapieren, dass man Teil einer anderen Generation ist», sagt er angesichts von jungen Künstlern, die mit Selbstverletzung arbeiten – in einer Zeit, wo eine ganze Generation mit Tatoos und Piercings herumläuft. Das eigene ästhetische Empfinden nicht zum Maßstab zu machen, ist eine Herausfoderung an die Vermittler von Kunst.

Aber nicht nur das. Sie sollen auch vermitteln zwischen den jungen, abgedrehten Künstlern und ihrem Publikum. Denn das ist zum Großteil älter, bürgerlich, wohlsituiert und häufig wertkonservativ - ganz am anderen Ende der gesellschaftlichen Skala: «Da müssen sich Wege finden», findet Krempel. «Damit man nicht den Schock alleine hat, sondern dann auch die Chance, das Werk zu verstehen.»

Eine vom Himmel fallende tote Kuh (einst geschehen in Berlin) hilft dabei wohl eher wenig. Doch 1968 waren auch nackte Menschen auf der Bühne noch ein Skandal. Das hat sich zumindest in Europa ausprovoziert - auch bei älteren Theaterliebhabern. Vielleicht geht es Tierschützern mit abgeworfenen toten Tieren bald ähnlich.

kab/news.de
Leserkommentare (4) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Elster
  • Kommentar 4
  • 14.11.2009 09:03
 

Kunst kommt von Können . In der Kunst ist alles erlaubt .Jeder Mensch hat einen anderen Geschmack .Es gibt ja viele Techniken in der Kunst und wie jemand dies präsentiert ,daß ist seine Sache . Kommen seine Bilder an ,dann weiß er ,daß er auf dem richtigen Weg ist ,wie er seine schöpferische Arbeit darstellt.

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  • Stef
  • Kommentar 3
  • 15.09.2009 15:22
 Antwort auf Kommentar 2

Kunst sollte sich doch wohl eben gerade nicht vorher überlegen, ob das Publikum sie mag. Vielmehr passiert Kunst ja zu eiem großen Teil im Kopf des Publikums, das also auch herausgefordert werden muss. Zielgruppenorientierte Appetithäppchen-Kunst wäre meiner Ansicht nach keine Kunst mehr. Man kann durchaus darüber streiten, ob das, was Sierra oder dieser Kuh-Werfer machen, geschmacklos ist oder nicht, ob das nur reine Selbstdarstellung ist oder ob das Kunswerk wirklich was zu sagen hat. Ist halt eine schwierige Diskussion, wenn man Kunst keiner Zensur unterlegen will.

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  • Peter Stein
  • Kommentar 2
  • 14.09.2009 22:25
 Antwort auf Kommentar 1

Ob man ein solch aufrüttelndes Werk - wie im Falle Sierra - einem derart koservativem Publikum präsentiert sollte sich der Künstler vorher(!)gut überlegen. Als Interlektueller, wie er sich sieht, hat er hoffentlich nicht nur jahrelang an einer Kunsthochschule herumgehangen sondern auch am öffentlichen Tagesgeschehen teilgenommen.

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  • moptop
  • Kommentar 1
  • 14.09.2009 17:17
 

Ein sehr guter Artikel zu einem spannenden Thema. Was darf Kunst? Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: Kunst darf alles - solange die Menschenwürde nicht verletzt wird. Künstler wie Sierra zeigen aber, dass auch eine Überschreitung dieser Grenze erstaunen, bewegen und aufrütteln kann. Und ist es das nicht, was das höchste Verdienst der Kunst ist?

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