Fr., 25.05.12

Radikale Bioethik 11.09.2009 Auch «Kleinkinder» sind eine Proteinquelle

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Sind schmerzbefreite Kühe nur noch Fleisch- und Milchlieferanten? Bild: dpa

Von news.de-Mitarbeiterin Anwen Roberts

Traditionell werden Tiere rechtlich und moralisch anders behandelt als Menschen: als Dinge. Doch die Vordenker der Tierethik stellen in der Debatte, die sonst eher von subjektivem Mitleid getragen wird, das Selbstbild des Menschen als Mittelpunkt der Moral in Frage.

Menschen, die sich aktiv für die Stärkung der Rechte von Tieren, gegen Massentierhaltung und Laborversuche einsetzen, nennen wir Aktivisten – nicht Moralisten. Mit philosophischen Theorien haben sie meist wenig am Hut, sie treibt vor allem eines an: ihr eigenes Mitleid. Eine allzu menschliche Empfindung, aber nicht gerade die stärkste rationale Argumentationshilfe.

Traditionsgemäß hat sich die Moralphilosophie vor allem mit ethischen Fragen befasst, die unsere Spezies betreffen. Es galt lange als Konsens, dass unsere moralischen Grundsätze etwas mit unserer Vernunftbegabung, Verhandlungs- und Sprachfähigkeit zu tun hätten - und demnach nichtvernunftbegabte Wesen, wie eben Tiere, auch nicht diesen Grundsätzen unterworfen sind. Sie hätten somit nicht dieselben ethischen «Rechte» wie der Mensch.

An dieser Ansicht hat sich in den letzten Jahren aber allerhand verändert. Heute gibt es eine «ethische» Tierrechtsbewegung, getragen von Utilitaristen, Kant-Schülern und Moralphilosophen, die Aktivisten und Überzeugungstätern einen philosophischen Überbau liefern. Ein zentraler Begriff der Tierphilosophen ist der «Speziesismus», welcher ähnlich wie Rassismus oder Sexismus eine Diskriminierung oder Ungleichbehandlung von Lebewesen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit impliziert.

Diese theoretische Ungleichbehandlung ist in der Tat auch praktisch zu erkennen, etwa darin, wie sie sich im Rechtssystem widerspiegelt. Wenngleich Deutschland hier eine Vorreiterrolle eingenommen hat und als erstes Land in der EU den Tierschutz ins Grundgesetz aufgenommen und somit zum Staatsziel erhoben hat (2002), hinkt das deutsche Strafrecht dieser Entwicklung noch hinterher.

Die Unterschiede im Gesetzbuch sind offensichtlich: wer einem anderen Menschen etwas zufügt, kann sich verschiedenster Straftaten gegen das Leben und die körperliche Unversehrtheit schuldig machen (§211-231 StGB). Wer ein Tier tötet, macht sich nur eines Vergehens schuldig: Sachbeschädigung (§303 StGB). Juristisch gelten Tiere zwar nicht als Dinge – doch im deutschen Strafrecht werden sie mangels Alternative wie eine Sache behandelt.

Dabei sind die Eingriffe in Leben und körperliche Unversehrtheit von Tieren nicht minder vielfältig – die genetische Optimierung von Fleischlieferanten, um sie schmackhafter, nahrhafter und widerstandsfähiger zu machen, ist nur ein Beispiel.

Wenn heute Forscher Tiere genetisch von Schmerzen befreien wollen, ist das ein Sonderfall eines solchen Eingriffs. Ist es nicht „humaner“, das Leiden der Tiere lindern zu wollen? Sollte dazu nicht jedes Mittel Recht sein? Oder ist diese Idee nur der Selbstbezogenheit des Menschen geschuldet, der sein eigenes Gewissen erleichtern will? Ein Dilemma, das selbst Tierethiker nicht einhellig beantworten können.

Der Schweizer Tierrechtstheoretiker Jean-Claude Wolf, Professor für Ethik an der Universität Fribourg, hat das Problem schon in seinem Standardwerk Tierethik (1992) beschrieben. Lassen sich Tötungsmethoden überhaupt «verbessern»? Aus Sicht des Utilitarismus, aber auch der Sympathieethik Schopenhauers, ist die genetische «Optimierung» von Tieren zum Zwecke der Schmerzbefreiung begrüßenswert, sagt Wolf. «Aber vom Standpunkt einer radikalen Kritik an der Gewalt gegen Tiere oder an der Instrumentalisierung von Tieren als Ware sind sie in gewisser Weise kontraproduktiv.» Genetische Optimierung lehnt Wolf also nicht grundsätzlich ab, sondern nur dann, wenn sie das Tierwohl einschränkt und den übrigen Mitmenschen mitteilt, dass «etwa eine Kuh nichts anderes ist als eine Milch- und Fleischmaschine».

Wolf gibt zu bedenken: «Ich sehe das Problem, habe aber dafür keine definitive Antwort. Ich neige zu einem Tierschutz in kleinen Schritten, sodass ich jede relative Verbesserung begrüße. Diese müsste aber mit einer Kritik an verwerflichen symbolischen Nebenwirkungen kombiniert werden. Ich bin kein Freund dieser schönen neuen Welt, in der sich alle Tiere wohlfühlen, aber ihr Eigenwert missachtet wird - als wären sie lediglich unsere Ressourcen.»

Andere Denker sind in Sachen Schmerzbefreiung nicht so moderat – der radikale US-Tierrechtler und Veganer-Vordenker Tom Regan gibt auf diese Frage keine überlegten moralphilosophischen Sentenzen, sondern schockierende Satire als Antwort: «Ich selbst bin der Ansicht, à la Jonathan Swift, dass verhungernde Kinder optimiert werden sollten, um ihnen die Schmerzen des Sterbens zu erleichtern – das würde auch die Verfügbarkeit von Proteinen ohne jede Belastung unseres Gewissen optimieren.»

Die brutale Satire, die hinter diesem lapidaren Satz steckt, wird deutlich, wenn man seiner Anspielung auf Swift nachgeht. Der Autor von Gullivers Reisen hatte 1729 zur Zeit der großen Hungersnot in Irland das Skandal-Pamphlet A Modest Proposal (Ein bescheidener Vorschlag) verfasst, in dem er sich scheinbar für eine einfache Lösung der Nahrungsprobleme der irischen Bevölkerung aussprach: die verarmten Iren könnten ihre wirtschaftlichen Probleme lösen, indem sie ihre Kleinkinder als Nahrung den reicheren Bevölkerungsschichten anböten. Tom Regan trägt diese offenkundige Satire ins 21. Jahrhundert und fragt: «Wäre das nicht das eigentlich moralische Handeln?»

kat/car/news.de
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