Am 11. März erschoss Tim K. 15 Menschen, dann sich selbst. Ein halbes Jahr danach brodelt es weiterhin in den Ermittlungen: Ein psychiatrisches Gutachten analysiert die Mitschuld der Eltern, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Geheimnisverrats.
Mit der Pistole seines Vaters erschoss Tim K. an seiner ehemaligen Schule und während der anschließenden Flucht durch Winnenden und Wendlingen 15 Menschen. Ob Tims Eltern oder andere Beteiligte die Bluttat des 17-Jährigen hätten voraussehen oder verhindern können, damit beschäftigt sich ein psychiatrisches Gutachten, das nun ein halbes Jahr nach dem Amoklauf veröffentlicht worden ist.
Trotz der Warnsignale sei die Tat nicht vorhersehbar gewesen, urteilen die Gutachter - weder lang- noch mittel- noch kurzfristig. Das Gutachten dokumentiert Warnsignale des 17-Jährigen: Tim K. hatte sexuelle Gewaltfantasien und Tötungsgedanken.
Die sexuelle Neigung des Amokläufers, der im Internet massiv Szenen von durch Frauen gefesselten, misshandelten und gedemütigten Männern konsumierte, sei nicht erkennbar gewesen, heißt es in der Analyse: «Insbesondere war die hinter dem Amoklauf stehende und diesen wesentlich mitbegründende masochistische Perversion für die Umstehenden nicht durchschaubar», schreibt der Stuttgarter Gutachter Reinmar du Bois. Tim K. habe stark unter diesen Fantasien gelitten. Vom Ausmaß der sexuellen Fantasien ihres Sohnes wussten die Eltern offensichtlich nichts.
Einer der Opferanwälte ist sehr wohl der Ansicht, dass die Eltern hätten erkennen müssen, welche Gefahr von ihrem Sohn ausgehen könnte. «Das psychiatrische Gutachten belegt die Mitverantwortung der Eltern», betonte Rechtsanwalt Jens Rabe. «Der Zugang zu Waffen hätte ihm verwehrt werden müssen.»
Genau darüber muss die Staatsanwaltschaft Stuttgart nun befinden: Im September oder Oktober will sie entscheiden, ob gegen den Vater des Amokläufers Anklage erhoben oder ein Strafbefehl erlassen wird. Gegen ihn wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt, weil Tim K. seine Waffe und Munition benutzt hatte. Die Waffe hatte im Schlafzimmer-Kleiderschrank versteckt hinter der Kleidung der Eltern gelegen. «Der Vater gibt an, dass nur er den Standort der Waffe kannte und niemand sonst in der Familie», steht im Ermittlungsbericht.
Die Polizei kritisierte unterdessen das Ergebnis des Psychiaters: «Teilweise wurden im Gutachten Feststellungen, Schlussfolgerungen und Hypothesen aufgestellt, die objektiv von den im Ermittlungsbericht dargestellten Ergebnissen abweichen.» Unstrittig ist aber, dass der Schüler in dem Jahr vor seinem Amoklauf in einem auffälligen psychischen Zustand war. Bereits Anfang 2008 ahnte Tim K. selbst, dass mit ihm irgendwie etwas nicht stimmte und recherchierte im Internet nach psychischen Krankheitsbildern. Dabei hatte er bei sich selbst eine bipolar-affektive Störung diagnostiziert. Über seine manisch-depressiven Stimmungsschwankungen habe er auch seine Eltern informiert, die daraufhin bei einer psychiatrischen Klinik ein Gespräch initiierten.
Das Magazin Stern berichtete in seiner Online-Ausgabe, Tim K. habe einer Therapeutin vom Drang «Menschen zu töten» erzählt. Wieder und wieder habe er sich darüber Gedanken gemacht. Die ganze Welt sei schlecht, er wolle «Menschen erschießen».
Im Abschiedsbrief, der im Tresor von Tim K.'s Jugendzimmer gefunden wurde, steht: «Die Wahrheit ist, diejenigen haben es schon von Geburt an in sich, es kommt jedoch nur raus, wenn das Gemachte hinzukommt.» Es ist unklar, ob sich diese Gedanken auf die Tötungsfantasien oder die sexuellen Neigungen beziehen.
Ermittlungen wegen Geheimnisverrates
Noch ein anderer Aspekt des Amoklaufes vom 11. März beschäftigt derzeit die Staatsanwaltschaft Stuttgart: Sie ermittelt in verschiedenen Behörden wegen Geheimnisverrates, weil ein Ermittlungsbericht der Polizei zum Amoklauf von Winnenden weitergegeben wurde. Ermittler überprüfen den Kreis der Empfänger bei Behörden, die mit der Aufklärung der Bluttat vom 11. März in Winnenden und Wendlingen befasst sind. Dabei wird versucht, den Verlauf der E-Mails nachzuvollziehen. In einer Behörde wurden auch die Server unter die Lupe genommen.
Der Bericht war durch das Magazin Focus bekanntgeworden. Dabei ging es um eine angebliche Panne bei der Verfolgung des Amokläufers in Wendlingen. Laut Focus hatte die Polizei Tim K. in Wendlingen bereits gestellt, bevor er in ein Autohaus entkommen konnte und dort noch zwei Menschen erschoss. Davor hatte es geheißen, der Todesschütze sei erst nach dem Verlassen des Autogeschäfts von der Polizei durch Schüsse getroffen worden.
Der Empfängerkreis des Ermittlungsberichts ist überschaubar: Neben der Landespolizeidirektion Stuttgart im Regierungspräsidium ist dies die Polizeidirektion Waiblingen sowie das Innenministerium in Stuttgart.
iwi/iwe/news.de/dpa