Fr., 25.05.12

Optische Verschmutzung 16.09.2009 Macht das Licht aus!

Die Frankfurter Skyline bei Nacht  (Foto)
Nachts wird die Frankfurter Skyline ins rechte Licht gesetzt. Bild: dpa

In Städten macht das künstliche Licht die Nacht zum Tag - und das hat Folgen. Für Astronomen, denn das viele Licht verschluckt die Sterne am Nachthimmel. Für Tiere, die sich irritiert fühlen. Und für Menschen, die davon sogar krank werden können. Kritiker fordern daher mehr Dunkelheit.

Der Aha-Effekt kommt meist im Urlaub: Wer nachts am Strand liegt und in den Himmel blickt, wer nach dem Sonnenuntergang vor der Berghütte verweilt, merkt mit einem Mal, wie viele Sterne das Firmament schmücken. «Komisch», denkt sich der Großstädter, «zu Hause habe ich das nie wahrgenommen». Kein Wunder: Es ist zu hell in den Städten der industrialisierten Welt. «Lichtverschmutzung» nennen Wissenschaftler das Phänomen, das von Menschen zunehmend als störend empfunden wird. Erforscht ist es bislang kaum, Richtlinien wie etwa beim Lärm fehlen weitgehend.

«Das Problem wird erst seit wenigen Jahren wahrgenommen, dabei beeinträchtigt es den Menschen und das gesamte ökologische System», sagt der Wissenschaftler Franz Hölker vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin. Er ist mit seinem Institut federführend an einem interdisziplinären Projekt beteiligt, das in den nächsten fünf Jahren die Gründe und Folgen der Dauer-Beleuchtung in Städten untersuchen will.

Die Kooperation trägt den Titel «Verlust der Nacht», beteiligt sind Astrophysiker, Arbeitsforscher, Mediziner, Stadtplaner, Ökologen und Lichttechniker; Ziel ist die Entwicklung neuartiger Beleuchtungskonzepte und nachhaltiger Techniken.

«Die Astronomen waren die ersten, die heutiges Licht als störend empfunden haben», sagt Hölker. So seien Berliner Astronomen 1913 in die Sternwarte nach Potsdam umgezogen, weil es ihnen die nächtliche Helligkeit unmöglich machte, die Gestirne zu beobachten und zu erforschen. Inzwischen sei den Sternguckern auch in Potsdam der Himmel nicht mehr dunkel genug. Entdecker wie Galileo Galilei hätten heute wohl keine Chance mehr, Jupitermonde und die Millionen Sterne der Milchstraße ausfindig zu machen - es sei denn, sie würden auf eine ganz einsame Insel fahren.

Auswirkungen auf die Gesellschaft

«Das hat auch Auswirkungen auf die Gesellschaft», sagt Hölker. Etwa 44 Prozent der unter 30-Jährigen hätten die Milchstraße noch nie gesehen. Dabei sei diese Erfahrung essenziell für unser menschliches Selbstverständnis, Teil eines großen Ganzen zu sein «Das erschwert die eigene Verortung im Universum, sich selbst als kleines Licht zu erfahren», ist der Wissenschaftler überzeugt und spricht von einem kulturellen Verlust.

Straßenlampen, Leuchtreklame, die Bestrahlung von Gebäuden - all das verwischt die Grenzen zwischen Tag und Nacht und macht unsere Kultur zu einer 24-Stunden-Gesellschaft. «Früher waren das ja fürchterliche Funzeln, die Straßenlaternen», sagt die Medizinerin Barbara Griefahn vom Institut für Arbeitsphysiologie an der Universität Dortmund. Heute sind Unternehmen der Meinung, ihre Firmengebäude nachts anstrahlen zu müssen, Lampen leuchten ganze Straßenzüge aus, auch die Auto-Scheinwerfer sind heller.

Zweck der städtischen Dauer-Beleuchtung ist oft mehr gefühlte und tatsächliche Sicherheit - doch ob die wirklich gegeben ist, ist umstritten. Autoscheinwerfer können blenden, Einbrecher müssen nicht mehr mit Taschenlampen um Häuser schleichen und können leicht unbemerkt einsteigen, wie Untersuchungen in den USA zeigen. Dazu wirkt sich der enorme Energieverbrauch nachteilig auf das Klima aus.

Körper schüttet weniger Melatonin aus

Wenngleich die physischen und psychischen Belastungen für Stadtmenschen bisher nicht bezifferbar sind, legen doch Vermutungen nahe, dass ein gestörter Tag-Nacht-Rhythmus die Wahrscheinlichkeit einer Krebserkrankung erhöht. Hölker verweist auf israelische Studien, laut denen die Zahl der Brustkrebs- und Prostatakrebserkrankungen am höchsten in den am stärksten mit Licht verschmutzen Regionen zu finden war. «Ganz genau kennt man die Mechanismen nicht», sagt der Wissenschaftler zwar, will aber einen Zusammenhang zum Schlafhormon Melatonin nicht leugnen.

Ist es nachts zu hell im Schlafzimmer, schüttet der Körper weniger Melatonin aus - und der Schutz vor Krebs sinkt womöglich. «Melatoninmangel kann dazu führen, dass die chronobiologische Stabilität den Bach herunter geht», sagt auch die Medizinerin Griefahn. Nicht auszuschließen sei zudem, dass das Immunsystem durch den schwindenden Tag-Nacht-Kontrast geschwächt werde. Ob das tatsächlich stimmt, wie dunkel es beim Schlafen idealerweise sein sollte - all das sind Fragen, die den Forscherverbund um das IGB in den kommenden Jahren beschäftigen werden.

Etwas weiter sind da die Tierforscher. Sie wissen, dass sich nachtaktive Tiere am Mond orientieren. Wenn sie den mit einer Straßenlampe verwechseln, verausgaben sie sich völlig und können vor Erschöpfung sterben: Stundenlang umkreisen sie das künstliche Licht, verlassen dafür ihren eigentlichen Lebensraum. «Es sind Unmengen Insekten, die wie von einem Staubsauger von Straßenlampen angezogen werden», sagt Hölker.

«Nahrungsketten werden völlig verzerrt»

Bundesweit gibt es nach Angaben des Experten mehr als acht Millionen Straßenlampen - es sind demnach Milliarden Insekten, die nächtlich aus ihrem Umfeld herausgezogen werden. Profiteure sind etwa Spinnen, denen die Insekten an Straßenlampen ins Netz gehen. «Die Nahrungsketten werden völlig verzerrt», hält Hölker fest. Auch Zugvögel werden von taghell erleuchteten Städten in die Irre geleitet und verlieren viel Energie auf ihrer Reise. Forscher warnen, dass mittelfristig die Artenvielfalt reduziert wird. «Ökosysteme geraten aus dem Gleichgewicht», so Hölker.

Bei den Kommunen rennen die Forscher offene Türen ein. Sie sehen die zunehmende Beleuchtung unter energetischen Aspekten - und damit unter dem Kostenfaktor. Da es bisher kaum verbindliche Richtlinien noch Studien gibt, wüssten Stadtpolitiker oft gar nicht, an was sie sich orientieren sollten, sagt Hölker. Klar indes ist: Gelingt es den Mitarbeitern im Projekt «Verlust der Nacht», Licht-Schäden zu quantifizieren, dürften Forderungen nach gesetzlichen Regelungen ähnlich wie bei Lärm an Gewicht gewinnen.

car/news.de/ap
Leserkommentare (7) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Longus
  • Kommentar 7
  • 18.09.2009 12:17
  • Longus
  • Kommentar 6
  • 17.09.2009 13:07
 Antwort auf Kommentar 5

Na ja...da gibt es ganz sicher kompetentere als die Merkel. Sonst wäre sie nicht in die Politik gewechselt. Da landen fast nur Leute die in der Privatwirtschaft nichts bringen. Und das Gesindel und Gesocks gab es auch schon zu Kaisers Zeiten. Das ist eher ein Problem der Sozialpolitik und allgemeinen Bildung. Es gibt doch Frauentaxis. Als ich noch jung war, gingen Polizisten nachts noch Streife in den dunklen Vierteln. Und Hunde haben in der Stadt eh nichts zu suchen. Die verteilen nur Tretminen auf den Bürgersteigen oder Grünflächen, weil Herrchen sich zu fein ist ein Doggibag zu benutzen.

jetzt antwortenKommentar melden
  • Schriftsteller
  • Kommentar 5
  • 17.09.2009 12:37
 

An Tierschutz Strahlenquelle im sichtbaren Bereich - ja, elektromagnetische Strahlen im sichtbaren Bereich, das ist eben die Definition des Lichtbegriffes. Unterhalten Sie sich einmal mit Angela Merkel. Sie ist Physikerin und wird Ihnen das bis aufs i-Tüpfelchen bestätigen.

jetzt antwortenKommentar melden
  • Tierschutz
  • Kommentar 4
  • 16.09.2009 22:47
 Antwort auf Kommentar 1

Vollkommen richtig. 1983 Zeitungsartikel: Lichtlast für die Augen nimmt zu. 1994 Focusmagazin: Ein Augenarzt, Professor einer Universitätsklinik (Name und Uni leider entfallen), die Xenon-Lampen darf man niemals in Autos einbauen. Industriemanns Kommentar: Machen wir doch. Ich selbst bezeichne diese Xenon-Lampen als „Kampfstrahler“. Das ist kein Licht, das ist eine Strahlenquelle im sichtbaren Bereich. Früher fuhr ich sehr viel und sehr gerne nachts. Heute ist Nachtfahren der Scheinwerferkrieg auf den Straßen. Und keine Rücklichter mehr wie früher, das sind Rückstrahler (auch schon fast Rück-Scheinwerfer in Rot) - und LED weiß oder rot sind das absolute Gift für die Augen (das MERKT man doch auch!) - wie verrückt wird die Menschheit noch, ebenso schädigen die Xenon-Kampfstrahler direkt die empfindlichste Stelle der Augen (die Makula). Der TÜV mißt anscheinend nicht Licht sondern „Helligkeit“. Und die allgemeine Beleuchtung - in den Städten ätzend - immer greller immer heller bei immer schlechterer Lichtqualität - und jetzt noch in den Wohnungen „Energiesparlampen“ - lachhaft, ein Anachronismus. Licht ist im Primärenergieverbrauch absolut zu vernachlässigen. Die Lichtgüte ist mit das biologisch wichtigste (bin Facharzt), ich beschäftige mich seit 30 Jahren schon mit den verschiedensten Lichtquellen, und vom Verbrauch her, also Licht das sind 1,5 % vom Primärenergieverbrauch. Die Haushalte sind vielleicht 0,5 %, 1 % sind Straßen- und Schaufensterbeleuchtung und die Industriebeleuchtung, sowieso schon Leuchtstofflampen. Die biologisch als Wohnraumbeleuchtung einzig zu akzeptierenden Glühlampen produzieren Wärme, diese ist in der allermeisten Zeit nicht ungenutzt, Herbst, Winter. Bei „kalten Lampen“ muß man halt die Heizung höher drehen. „Energiesparlampen" sind das Absurdeste was auf dem Markt ist. Außer in wenigen Bereichen, z.B. Außenbeleuchtung, Schilderbeleuchtung usw.. Wesentlich mehr Strom spart man im Haushalt, wenn man einen Wäscheständer öfters bestückt, statt den Stromfresser Wäschetrockner. Und 1 Liter heißes Wasser mit Strom, sind ca. 2 Liter gleichheißem Wasser entsprechend Abwärme im Kraftwerk. Vieles wird beim Energiesparlampenwahnfeigenblatt gar nicht bedacht. Nochmals zur Städtebeleuchtung: wie schön war es doch (für mich erst nach der Grenzöffnung) in der ehemaligen DDR, Straßenbeleuchtung ja, aber es war nicht überall Flutlicht. Wie gesagt wäre richtig, den ganzen Irrsinn erstmal halbieren, dann vierteln - und dazu keine umweltschädlichen Witzlampen (Energiesparlampen - dieses Fahlhelle Flackerlicht). Und weiteres noch, immer weiter, der Irrsinn der EU - Inkompetenz pur - Glühlampen niemals klar, der gleißende Glühfaden ist augenschädlich, nur matte Lampen sind zuträglich. Nicht auszudenken wenn Kinder in klare Lampen schauen, da können sie gleich in die Sonne sehen.

jetzt antwortenKommentar melden
  • minie
  • Kommentar 3
  • 16.09.2009 20:18
 

Straßenbeleuchtung muß sein bei uns ist neulich die Beleuchtung Ausgefallen und ich mußte mit meinem Hund raus hatte eine Taschenlampe dabei aber es ist schon Gefährlich spärliches Licht bei dem Gesindel was sich da Nachts auf der Straße Aufhält Werbung muß nicht sein .

jetzt antwortenKommentar melden
  • schriftsteller
  • Kommentar 2
  • 16.09.2009 19:01
 

Einem jeden Recht machenn ist eine Kunst, die niemand kann. Während obiger Artikel von einer "Lchtverschmutzung" schreibt, beklagen Frauenverbände bei uns gewisse Nebenstraßenecken, die zu wenig beleuchtet sind und infolgedessen "Gesindel" und "Gesocks" wie Magneten anziehen. In der Tat gibt es bei uns Schummerecken, wo ich mich absolut nicht gern nachts aufhalte - und das als Mann.

jetzt antwortenKommentar melden
  • Longus
  • Kommentar 1
  • 16.09.2009 18:03
 

Alleine die Beleuchtung für öffendliche Gebäude, Denkmale und Strassen könnte sicherlich um die Hälfte heruntergefahren werden. Ebenso die Werbung an Strassen und Gebäuden, die nachts sowieso nur noch wenige Leute sehen. Für den eingesparten Energiebedarf kann man sicherlich ein Atomkraftwerk ganz abschalten. Besonders verschwenderisch empfinde ich den Umgang mit Strom in USA. An allererster Stelle Las Vegas. Das ist schon Krank und Pervers. ...na ja, wie das ganze Land ansich.

jetzt antwortenKommentar melden
Kommentar schreiben Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig
Kommentar  
Ihr Name
Ihre Emailadresse
Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld darunter.
'6Ld52csSAAAAAKTxfdwmi0Ay4Tjghi64k3PAcWrj'

Optische Verschmutzung: Macht das Licht aus! » Gesellschaft » Nachrichten

URL : http://www.news.de/gesellschaft/855024336/macht-das-licht-aus/1/

Schlagworte:

Aber , Aha-Effekt , All , Angaben , Artenvielfalt , Aspekten , Astronomen , Astrophysiker , Auswirkungen , Bach Beethoven , Barbara Auer , Barbara Becker-Quinze , Barbara Hansel , Barbara Hershey , Barbara Ostrowska , Barbara Saladin , Barbara Schock-Werner , Barbara Stamm , Barbara Vogel , Belastungen , Beleuchtung , Beobachten , Berghütte , Berlin Experten , Berlin Genau , Berlin Potsdam , Berliner , Beschäftigen , Bestrahlung , Bundesweit , Chance , Denkt , Dietmar Wunder , Dirk Bach , Dortmund , Dunkel , Dunkelheit , Eigene , Einbrecher , Einsame , Einsteigen , Emil Berliner , Energie , Energieverbrauch , Entdecker , Entwicklung , Erfahren , Erfahrung , Erforschen , Erforscht , Erhöht , Ernst Bach , Erschöpfung , Erschwert , Experten , Fahren , Federführend , Fehlen , Fest , Firmament , Firmengebäude , Folgen , Forderungen , Forscher , Fragen , Franz Arnold , Franz Fehrenbach , Franz Josef , Franz Obst , Franz Pesch , Franz Schiewer , Franz Schopper , Franz Trojan , Franz Xaver , Früher , Fühlen , Führen , Galilei , Galileo , Garçons , Gebäuden , Gefühlte , Geleitet , Gelingt , Genau , Geschwächt , Gesellschaft , Gesetzlichen , Gesundheit , Gewicht , Gewinnen , Gleichgewicht , Grazia Früher , Grenzen , Großen , Großstädter , Gründe , GS , Hause , Häuser Behördenvertreter , Häuser Berlins , Häuser Kirchen , Häuser Spezialisten , Hell , Heller , Helligkeit , Himmel , Hobby Grenzen , Hölker , Idealerweise , Immunsystem , Indes , Insekten , Insel , Institut , Irre , Israelische , Jack Rennen , Jahren , Judith Bach , Jupitermonde , Kaiser Franz , Kennt , Klima , Komisch , Kommenden , Kommunen , Kooperation , Körper , Kostenfaktor , Krank , Krebs , Krebserkrankung , Kritiker , Kultur , Künstliche , Lampen , Lärm , Lebensraum , Leibniz-Institut , León Franz , Leuchten , Leugnen , Licht , Lucas Licht , Lund Universität , Maik Franz , Maxime Verlieren , Mechanismen , Mediziner , Medizinerin , Meinung , Melatonin , Menschen , Menschliches , Merkt , Milchstraße , Milliarden , Millionen , Mitarbeitern , Mittelfristig , Mond , Nacht , Nachthimmel , Nachts , Nennen , Netz , Offene , Ökosysteme , Optische , Peter Licht , Phänomen , Potsdam , Problem , Projekt , Prozent , Reduziert , Regelungen , Regionen , Reise , Rennen , Richter Franz , Richtlinien , Schlafen , Schlafzimmer , Schüttet , Schutz , Sebastian Bach , Selbstverständnis , Sicherheit , Sonnenuntergang , Spinnen , Spricht , Stabilität , Städten , Städtischen , Stadtplaner , Staubsauger , Sterben , Sterne , Stimmt , Störend , Strand , Straßenzüge , Studien , Stundenlang , System , Tag , Tag-Nacht-Rhythmus , Taschenlampen , Tatsächliche , Techniken , Teil , The Hell , Thomas Bach , Tiere , Türen , Überzeugt , Umfeld , Umstritten , Unbemerkt , Uni Potsdam , Universität , Universum , Unmengen , Unternehmen , Untersuchungen , Urlaub , USA Fragen , USA Ziel , Verbindliche , Verlassen , Verlieren , Verlust , Vermutungen , Verschmutzung , Verwechseln , Wahrscheinlichkeit , Warnen , Weitgehend , Welt , Wissen , Wissenschaftler , Wolfgang Franz , Wunder , Zahl , Zeigen , Ziel , Zugvögel , Zunehmend , Zunehmende , Zusammenhang , Zweck ,
Wir empfehlen
Anzeige
Facebook
Twitterbox
Follow Us!
Anzeige